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Sophie Passmann
Man wird sich selbst nirgends los

Abgebrüht, erhaben und ein bisschen verbittert: So zeichnet Sophie Passmann ihre junge Protagonistin. Es ist eine Abrechnung mit den sogenannten Millenials, aber auch ein Eingeständnis –  wirklich individuell ist kaum eine*r, und das ist okay.

Von Natascha Holstein

Passmann: Komplett Gänsehaut © Kiepenheuer & Witsch Mit 27 Jahren in eine neue Wohnung zu ziehen, ist erst einmal nichts Besonderes. Die meisten Menschen sind schon mal umgezogen, haben einige Straßen gesehen, und sie haben ab und zu auch die Stadt gewechselt. So weit, so normal. Häufig wird ein Umzug aber als kompletter Neustart hochgelobt und bietet sich damit als Ausgangspunkt für ein Buch an. In Sophie Passmanns neuestem Werk Komplett Gänsehaut befinden wir uns mitten in dieser Situation.

Zynische Gesellschaftsanalyse

Die Protagonistin sitzt zu Beginn in ihrem leeren neuen Wohnzimmer. Zwischen den Zeilen lässt sich lesen, wie sie dort hingekommen ist: eine Trennung, Auszug aus der gemeinsamen Wohnung. Die Erzählerin möchte aber demonstrativ nicht im Selbstmitleid zerfließen, sondern tut so, als wäre das alles ziemlich egal. „Liebeskummer ist das emotionale Äquivalent zu einem verlängerten Wochenende in Zürich, extrem teuer und am Ende den Aufwand nicht wert […]“, schreibt sie und dass hier „nicht geschwelgt“ werde. Ohne eine Vorgeschichte wird man direkt in die Gesellschaftsanalyse der Protagonisten hineingezogen – eines sehr bestimmten Teils der Gesellschaft, nämlich dem, der die Erzählerin selbst angehört: Es sind die bürgerlichen Millenials. Die, die sie meint, mussten sich selten Gedanken um die Finanzierung ihres WG-Zimmers machen, gehen statt in die Mensa am Mittag auch mal italienisch essen und besitzen riesige Bücherregale, gefüllt mit Weltliteratur.

Es geht um Liebeskummer, aber es ist kein Liebeskummer-Buch, es geht um Freundschaften, aber es ist kein Freundschafts-Buch, die Protagonistin ist der Autorin in vielen nachempfunden, aber es ist keine Autobiografie, es geht um Nazis und Politik, aber es ist kein politisches Sachbuch. Es ist vor allem eine Abrechnung mit der eigenen gesellschaftlichen Blase. Der Monolog ist in drei Teile aufgeteilt: die Wohnung, die Straße, die Stadt. Die Protagonistin analysiert zynisch, die Gedanken reihen sich fast atemlos aneinander. Sie selbst scheint sich erhaben zu fühlen, irgendwie weiß sie zwar, dass sie Teil dieser Blase und dieses Systems ist, aber insgeheim sieht sie sich schon ein bisschen besser und reflektierter als die meisten anderen, inklusive ihrer eigenen Freund*innen, und letztlich vermutet sie fast überall Nazis: auf der Straße, am Küchentisch, bei der Weinprobe. Mit 27 fühlt sich einfach alles extremer an: Empörung, Liebe, Alleinsein. Komplett Gänsehaut eben. Besonders sympathisch kommt sie dabei nicht weg, muss sie aber auch gar nicht, sagt Passmann selbst. Und die Protagonistin zeigt zwischendurch, dass sie nicht nur abgebrüht und gleichgültig ist, vor allem in ihrer Freundschaft mit einer zwölfjährigen Teenagerin.

Ertappt

Seit dem Erscheinen des Buches verbinden die Leser*innen und Rezensent*innen (zumindest die, die jünger als 40 sind) vor allem eines mit dem Monolog: Sie fühlen sich ertappt. Pizza mit Ziegenkäse und Rote Beete klingt eigentlich echt lecker, auf die Plattensammlung ist man mittlerweile schon stolz und verdammt, dieses Pulp-Fiction-Poster hängt auch in der eigenen WG im Badezimmer. Will Passmann uns also den Spiegel vorhalten, macht sie sich gar über uns lustig? „Ich entspreche selbst ungefähr 95 Prozent aller Klischees, die in diesem Buch abgehasst werden. Jede*r wird sich irgendwo wiedererkennen und das ist auch gar nicht schlimm“, sagt die Autorin im 1Live-Stories Interview.

Das macht Komplett Gänsehaut vielleicht ein bisschen aus. Man fühlt sich erwischt, erwischt die Leute um einen herum, und dann fragt man sich in der nächsten Situation, was eigentlich bei der Protagonistin falsch läuft. Das Buch bringt zum Lachen, bringt einen durcheinander und am Ende entlässt es einen mit einer Schwere. Nebenbei kann man noch ein paar Passmann'sche Weisheiten mitnehmen, denn die Stadt und die Wohnung, in der man mit 27 wohne, seien die Orte, an denen man merke, dass man sich selbst nirgends loswird. „Man nimmt sich immer überall mit hin. Und das ist das Schlimmste und das Beste, was man über Erwachsensein sagen kann.“
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Sophie Passmann: Komplett Gänsehaut
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2021. 192 S.
ISBN: 978-3-462-05361-6

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