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Jochen Schmidt
Lob der Bommelmütze

Es gibt viele Überraschungen im Leben, auf die man mit dem Ausruf „Ach so!?“ reagieren kann. Das ist auch eine angemessene Reaktion auf Jochen Schmidts neues Buch.

Von Holger Moos

Schmidt: Ich weiß noch, wie King Kong starb © C.H. Beck Eine Frage stellt sich ganz am Anfang der Lektüre von Jochen Schmidts Textsammlung: Was zum Teufel ist ein Florilegium? Vertraut man Wikipedia, war ein Florilegium im 16. und 17. Jahrhundert ein „Katalog des botanischen Inventars eines (fürstlichen) Gartens“. Im literarischen Kontext meint es eine Auswahl von Texten, also eine Anthologie oder „Blütenlese“. Wie der Titel schon verrät, findet man in Schmidts Ich weiß noch, wie King Kong starb. Ein Florilegium nicht nur literarische „Blüten“, sondern Miniaturen zu allem Möglichen, sei dies eine sehr subjektive Sicht auf den Siegeszug der Digitalisierung oder die friedensstiftende Wirkung der Bommelmütze.
 
Oft erzählt Schmidt aus seinem Alltag oder erinnert sich an Vergangenes. So ist ihm schon als Kind das Hohelied der Natur, das die Eltern immer singen, suspekt. Er durchschaut früh, dass die Natur nur eine „Abstellkammer für Kinder“ ist. „Geht doch mal raus“, sagen die Eltern gern, wenn sie ihre Kinder loswerden wollen. Schmidts Verhältnis zur Natur wurde mit zunehmendem Alter nicht besser. Wenn er heute im Wald spazieren geht, sieht er nicht die Schönheit von Flora und Fauna, sondern überlegt, wo er unbeobachtet austreten kann, ob es Schlangen oder Wildschweine gibt – oder er hat schon wieder Hunger.

Möglichst wenig wahrnehmen

Schmidt wäre gerne ein anderer. Er würde mit fast jedem Menschen, der ihm von seiner Arbeit erzählt, tauschen. Als Kind wollte er Vieles werden: Mathelehrer, Pfarrer, Schauspieler, Kranführer, Punkgitarrist usw. Doch wenn er ganz tief in sich hineinhorcht, wäre er am liebsten sein Sohn im Alter von drei, vier Jahren. Nur um endlich wieder von dem fantasieren zu können, was er alles tun würde, wenn er groß ist. Denn heute, im Exil des Erwachsenseins, diesem „lästigen Nachspiel der Kindheit“, herrscht eine fürchterliche Abgeklärt-, ja Abgestumpftheit: „Alles, was ich mir als Kind für mein Erwachsenenleben erträumt habe, ist mir heute völlig gleichgültig.“ Der einzige Trost dafür, dass er nicht sein Sohn sein kann, ist, dass „ich wenigstens das zweitbeste geworden bin, was ich werden konnte, sein Vater.“
 
Ein anderer Text feiert Iwan Gontscharows Romanhelden Oblomow, der sein Leben hauptsächlich liegend verbringt und jegliche Anstrengung scheut. Für Schmidt ein „sympathischer Hypersensibler“, der „seinem Ziel, vom Leben möglichst wenig wahrzunehmen, …  am Ende beneidenswert nahegekommen“ sei.

Mindestalter fürs Altersheim

Schmidts Miniaturen sind humorvolle Lebensbeobachtungen mit viel Sprach- und Wortwitz, selbstironisch, manchmal albern, manchmal nah am Kalauer. Gesammelt wird alles, was ihm im Kleinen und im Großen auffällt. Die Lektüre macht Spaß, weil scheinbar Unwichtiges Gewicht, das scheinbar Schwere Leichtigkeit bekommt.
 
Eines zeichnet Schmidt außerdem aus: Er stellt richtige und wichtige Fragen, wie etwa: „Ich kann jemanden verunglimpfen, aber kann ich ihn auch verglimpfen? … Gibt es ein Mindestalter fürs Altersheim?“ Oder: „Warum ist es ein Statussymbol, ein Auto ohne Dach zu fahren?“
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Jochen Schmidt: Ich weiß noch, wie King Kong starb. Ein Florilegium
München: C.H. Beck, 2021. 239 S.
ISBN: 978-3-406-76637-4
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

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