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Friedrich Ani
Wir sind alle verbeult

In Friedrich Anis neuestem Roman überzeugt Fariza Nasri, die Münchner Kommissarin mit bayerisch-arabischen Wurzeln, als Beobachterin und Zuhörerin. Sie blickt dabei in tiefe Abgründe, nicht nur bei anderen.

Von Holger Moos

Ani: Letzte Ehre © Suhrkamp Friedrich Ani hat seinen Roman Letzte Ehre in drei Teile und einen Epilog gegliedert. Seine Kommissarin Fariza Nasri widmet sich zuerst der verschwundenen 17-jährigen Finja. Bald entpuppt sich der Freund von Finjas Mutter als höchst verdächtig. Bei den Ermittlungen stößt Nasri auch auf Ines Kaltwasser, eine ältere Frau, die in jungen Jahren vom Vater des Verdächtigen missbraucht worden war. Um das Maß vollzumachen, wird noch Nasris beste Freundin mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht.
 
Ani hat viele unterschiedliche Geschichten und Figuren in seinem Roman untergebracht. Inmitten der Handlungen steht Kommissarin Nasri – eine nicht gerade ausgeglichene und an ihren inneren Widersprüchen leidende Persönlichkeit: „Manchmal denke ich, das einzig Wahre in meinem Leben sind die Lügen. Meine Lügen und die der Anderen, denen ich gezwungen bin zuzuhören.“

Wenn ich spreche, zerfalle ich zu Staub

Sie gilt als unfassbar geduldig und als gute Zuhörerin, die Verdächtigen Worte zu entlocken vermag, die diese eigentlich gar nicht aussprechen wollen. Doch auch Nasris Geduld stößt an ihre Grenzen, besonders wenn sie an machohafte Männer gerät. Deren umfassende Frauenverachtung kommt in schlichtenund deshalb umso brutaler klingenden Aussagen zum Ausdruck, wenn etwa ein Verdächtiger der Kommissarin ganz unverblümt sein Welt- und Frauenbild offenbart: „Die Aussage der Nutte ist wertlos, wie der ganze Mensch.“
 
Ganz anders verhält sich die Ermittlerin, wenn sie eine geschundene Frau wie Ines Kaltwasser ihre Lebensgeschichte erzählen lässt. Da ist Nasri eine Mischung aus Therapeutin und Beichtmutter – mit einem unbestechlichen Blick auf das Wesen ihres Gegenüber: „Diese Frau war ein einsachtundsechzig großer und fünfzig Kilogramm schwerer stummer Schrei nach Selbstbefreiung und Erlösung.“
 
Nasris Einfühlungsvermögen rührt von der erwähnten Brüchigkeit ihrer eigenen Persönlichkeit her, in einer Art innerem Monolog heißt es etwa:
„Wenn ich spreche, zerfalle ich zu Staub…
Wenn ich spreche, kommt alles ans Licht.“

Toxische Männlichkeit

Neben den gelungenen lakonischen Dialogen und der gekonnten Ausarbeitung ganz unterschiedlicher Figuren glänzt Ani auch durch den Einsatz von Straßen- und Polizeijargon. So lernt man etwa, dass ein Streifenpolizist ein Pflasterhirsch, ein ranghöherer Kripo-Beamter ein Goldfasan ist.
 
Ani hat einen düsteren Roman über toxische Männlichkeit und Gewalt gegen Frauen geschrieben. Er lässt seine Leser*innen zu dem Schluss kommen, dass keiner das Leben in der heutigen Gesellschaft unbeschadet übersteht – oder, wie Fariza Nasri es formuliert:  „Wir sind alle verbeult, jeder auf seine Weise, und wir kaschieren unsere Beulen, jeder auf seine Weise.“
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Friedrich Ani: Letzte Ehre
Berlin: Suhrkamp, 2021. 272 S.
ISBN: 978-3-518-42990-7

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