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Zwei Bücher zum Thema Grenzen
Bescheuerte oder offene Grenzen?

Staatsgrenzen werden von uns als selbstverständlich hingenommen, obwohl es sich um historische Konstrukte handelt. Grenzen sind oft unfair, grausam und manchmal einfach nur bescheuert.

Von Holger Moos

Sommavilla: 55 kuriose Grenzen und 5 bescheuerte Nachbarn © Katapult Die älteste europäische Staatsgrenze ist diejenige zwischen dem Pyrenäenfürstentum Andorra und Spanien. Sie datiert aus dem Jahr 1278. Doch die meisten Grenzen sind deutlich jünger. „Mehr als die Hälfte aller aktuellen Grenzkilometer entstanden erst im 20. Jahrhundert“, so Fabian Sommavilla, Redakteur der österreichischen Tageszeitung Der Standard, im Vorwort seines Buches 55 kuriose Grenzen und 5 bescheuerte Nachbarn.
 
Historisch betrachtet sind Grenzen europäische „Exportschlager“. Vor der Kolonialisierung der restlichen Welt durch die europäischen Mächte gab es oftmals gar keine eindeutig festgelegten Grenzen. Ein so berühmtes wie berüchtigtes Ergebnis des Kolonialismus sind die schnurgeraden Grenzverläufe zwischen afrikanischen Ländern, bei denen keinerlei Rücksicht auf die dort lebenden Menschen genommen wurde. Was Sommavilla in seinem Buch zusammenträgt, geht weit über allgemein bekanntes Wissen zum Thema Grenzen hinaus. Sein Fazit: „Je mehr man sich mit ihnen beschäftigt, desto deutlicher zeigen sich ihr Absurdität und Willkür, mit der sie gezogen wurden.“

absurd, kurios, tödlich

Grenzen können auch ineinander verschachtelt sein wie eine Matrjoschka. In den Vereinigten Arabischen Emiraten gibt es zum Beispiel eine Enklave des Oman, in der sich wiederum eine Enklave der Vereinigten Arabischen Emirate befindet. Das Ganze sieht auf der Karte wie ein „Arabisches Spiegelei“ aus. Diese geopolitische Besonderheit nennt man eine Enklave zweiter Ordnung ist. Bizarr ist auch eine kleine Flussinsel, die abwechselnd ein halbes Jahr unter französischer und dann ein halbes Jahr unter spanischer Herrschaft steht. Ein derart von zwei oder mehr Mächten verwaltetes Territorium nennt man Kondominium. Und wer weiß schon, dass Google Maps aufgrund einer kartografischen Ungenauigkeit einmal beinahe einen Krieg ausgelöst hat, dass Malawi als Anrainerstaat keinen Zugriff auf den Malawisee hat oder dass der komplizierteste Grenzverlauf der Welt sich in den Niederlanden befindet?
 
Neben solcher Absurditäten und Kuriositäten geht es auch um menschenfeindliche und tödliche Grenzen, wie die mexikanisch-amerikanische Grenze, an der jedes Jahr Hunderte von Menschen sterben, oder die Grenze zwischen Nord- und Südkorea. Außerdem wird mit Grenzen Geld verdient, etwa mittels der Überfluggebühren, die jedes Land erhebt, sodass Fluglinien manchmal erstaunliche Flugrouten wählen, um Geld zu sparen.
 
55 kuriose Grenzen und 5 bescheuerte Nachbarn ist ein Füllhorn an skurrilen Anekdoten und unterhaltsamen Lehrstunden in punkto Geschichtsunterricht. Durch die wie immer sehr einfallsreichen Grafiken des Teams aus der Katapult-Redaktion ist das Buch zudem visuell reizvoll und lädt zum Schmökern ein.

Durchlässigere Grenzen

Heins: Offene Grenzen für alle © Hoffmann und Campe Noch einmal: Grenzen sind nicht in Stein gemeißelt. Wenn man sie schon nicht einfach abschaffen kann, könnte man sie zumindest durchlässiger und gerechter machen. Dafür plädiert der Politikwissenschaftler Volker M. Heins in seinem Buch Offene Grenzen für alle. Das ist für ihn keine Spinnerei von verträumten Idealisten, sondern – so der Untertitel – eine „notwendige Utopie“. Er liefert anfangs eine „kleine Geschichte der Bewegungsfreiheit“ und zeigt, wie Rassismus und die Einschränkung der Bewegungsfreiheit von den Kolonien in die Gesellschaften der Kolonialmächte schwappte. Angesichts der Privilegien, die heute vor allem die Bürger*innen der westlichen Welt in Sachen Reise- und Bewegungsfreiheit genießen, während der größte Teil der Menschheit massiv benachteiligt ist – jedes Jahr sterben unzählige Menschen beim Versuch, Grenzen zu überwinden –, plädiert er für die „inzwischen unzeitgemäße Idee gleicher Rechte weltweit. Das würde heißen: offene Grenzen als Perspektive und Leitmotiv jeder Migrationspolitik.“
 
Durchlässigere Grenzen sind für Heins auch für Demokratie und Freiheit innerhalb eines Staates wichtig. Eine massive Abschottung wende sich mittelfristig gegen die eigene Bevölkerung: „Dass eine militante Abwehr von Einwanderern irgendwann auch umschlägt in einen Abbau von innerer Freiheit in den jeweiligen Ländern. Wenn man mit den Migranten durch ist, kommen eben die Frauen dran und dann die Schwulen oder die Intellektuellen. Wir sehen eine Rückbildung der Demokratie und der inneren Freiheit.“ Und das sollte wirklich nicht das Ziel menschlichen Zusammenlebens sein!
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Volker M. Heins: Offene Grenzen für alle. Eine notwendige Utopie
Hamburg Hoffmann und Campe, 2021. 223 S.
ISBN: 978-3-455-01067-1
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe
 
Fabian Sommavilla: 55 kuriose Grenzen und 5 bescheuerte Nachbarn
Greifswald: Katapult, 2021. 256 S.
ISBN: 978-3-948923-17-4

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