Schnelleinstieg:

Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Sasha Marianna Salzmann
Töchter — Mütter —Töchter

Mütter-Töchter-Paarungen sind das Rückgrat des neuen Romans von Sasha Mariana Salzmann. Sie sind einander verbunden und fremd. Sie verlieren, was ihnen lieb ist und können darüber nicht sprechen. Auch nicht über die Giraffe, die vor dem Fenster steht.

Von Marit Borcherding

Salzmann: Im Menschen muss alles herrlich sein © Suhrkamp Welch dramatischer Beginn: Eine junge Frau krümmt sich verprügelt in einem Hof, zwei andere beugen sich wehklagend über sie. Die vierte findet Worte für diese Konstellation des Schmerzes, die zugleich beschreiben und andeuten: „Mutter und Tochter, die eine lag auf dem Boden, als wäre sie ein Schatten, den die andere warf. Und andersherum schien die eine aus den Füßen der anderen hochzuwachsen wie ein Strauch mit gebrochenen Zweigen.“

Dabei sollte das Setting ein ganz anderes sein. Lena, die Mutter der übel zugerichteten Edi, will ihren 50. Geburtstag feiern. Stattdessen findet sie sich mit Freundin Tatjana und deren Tochter Nina, die hier als Erzählerin fungiert, zuerst im dunklen Innenhof und dann in Ninas Appartement wieder. Im Menschen muss alles herrlich sein präsentiert ein emotionales Intro, das Fragen aufwirft und auch wegen der hier ausbleibenden Erklärungen in den Roman hineinzieht.

Krankes System

Nach diesen sechs Seiten folgt ein Schnitt und danach die lange Rückblende auf das wechselhafte und an Zumutungen reiche Leben von Lena in der ehemaligen Sowjetunion, beginnend in den 1970er-Jahren, in der von Erstarrung und innenpolitischen Restriktionen dominierten Breschnew-Ära. Lena lebt mit ihren Eltern in Gorlowka, einer ukrainischen Industriestadt. Glücklich ist sie immer dann, wenn sie zur geliebten Großmutter nach Sotschi ans Schwarze Meer darf – eine bunte, von Gerüchen und Farben geprägte Welt mit Haselnussgarten, die Salzmann emotional-dicht als ein Paradies für die Sinne darstellt.

Doch dieses Glück ist nicht von Dauer. Lena muss, wie andere Kinder auch, den Sommer in einem Pionierlager verbringen, dessen Kasernenhaftigkeit den größtmöglichen Kontrast zu den von liebevoller Zuneigung gekennzeichneten Aufenthalten bei der Großmutter darstellt. Eine noch größere Erschütterung ruft die Krankheit der Mutter hervor – es ist zugleich Lenas erster Kontakt mit der allgegenwärtigen Korruption, die ihr Unrechtsbewusstsein auf körperlich fühlbare Weise aktiviert: „Lena wurde schlagartig schwindelig, als sie den Umschlag mit den Scheinen sah. Sie kannte mittlerweile die Bedeutung des Wortes Bestechung, aber sie hatte so etwas noch nie gemacht, sie hatte noch nie so viel Geld auf einmal gesehen ... irgendwas daran war falsch, zumindest fühlte es sich nicht gut an in der Magengrube.“ Obwohl ein Vermögen in Richtung einer gewissenlosen Ärztin fließt, wird Lenas Mutter nicht geholfen. Sie stirbt, und Lena spürt existenzielle Verlorenheit: „Tränen liefen ihr in den Mund. Das Furnier des Tischs, ... wellte sich und brach an den Rändern. Lena starrte auf die langen abstehenden Splitter, bis es ganz still war. Dann ein hoher Ton und ein Rauschen.“ All die Abgründe im gesellschaftlichen Gefüge lässt Salzmann im Erleben ihres Personals wie im Spiegel aufscheinen – so muss sie nie darüber hinaus erklären, warum innen und außen so viel zusammenbricht, auch wenn die Fassaden möglichst lange gewahrt werden.

Das war‘s

In der an Ereignissen überreichen, aber nie überfrachteten Erzählung häufen sich die Entfremdungsmomente: Lena, die weiß, wie klug und leistungsfähig sie eigentlich ist, bekommt einen Medizinstudienplatz nur durch Beziehungen. Ihr Chefarzt schanzt ihr eine lukrative Hautarztpraxis zu – gegen Gewinnabführung an ihn, versteht sich. Bald ändern sich die Zeiten, in den Neunzigern unter Gorbatschow werden lukrative Geschäfte gemacht. Dichter wie Anton Tschechow, dem dieses Buch seinen Titel verdankt, gelten mindestens als gestrig: „Ich kann diesen Mist von Tschechow nicht mehr hören. Bei jeder verdammten Gelegenheit zitieren diese Zurückgebliebenen aus Onkel Wanja“, ätzt einer von Lenas Kommilitonen. Die verliebt sich unglücklich in einen tschetschenischen Mann, der als Patient in ihre Praxis gekommen war. Er bekennt sich am Ende nicht zu ihr, trotz Schwangerschaft, und so heiratet Lena schließlich Daniel. Zudem muss sie den Tod der geliebten Großmutter verkraften – ein Kapitel schließt sich: „Das war’s, die Großmutter war gegangen. Lena war vermutlich zum letzten Mal in der Haselnusssiedlung, ihre Mutter war auch nicht mehr da, und ihr Vater legte frisch gepflückte Blumen auf ihr Grab ... Das war’s. Das war das Gefühl, das sich stetig in den letzten Jahren wiederholt hatte ... als würde eine Falle zuschnappen, und die Zacken ihres Stahlmauls klangen wie: Das war’s.“ Und weil es das war, reisen Lena und Daniel, der aus einer jüdischen Familie stammt, als Kontingentflüchtlinge nach Deutschland aus – der in Russland vorhandene und wachsende Antisemitismus laufen im Untergrund der Erzählung immer mit, manchmal wirkt er handlungsbestimmend.

Suche nach Distanz

Nach etwa der Hälfte des Romans wird die sich um Lena rankende Chronologie aufgebrochen, Nina übernimmt wie am Anfang des Buches für einige Seiten den Part der Ich-Erzählerin – und füllt ihn mit ihrem gleichzeitig scharfen und distanzierten Blick auf das selbstbetrügerische Gebaren der Eltern-Generation: „Um Ausreden zu haben, betrinkt man sich, und um Ausreden zu haben, kriegt man Kinder. Das Leben läuft einem aus dem Ruder, also setzt man ein weiteres Glied in diese Kette, in die man selbst eingespannt wurde. Dann ist man wenigstens dort nicht der letzte Depp, da kommt noch einer nach mir.“ Verstrickungen und Kapitulation vor den Anforderungen des Daseins, wohin das Auge blickt.

Ninas Ich-Perspektive wird bald wieder verlassen, stattdessen rückt Edi, Lenas Tochter, in den Mittelpunkt. Sie lebt in Berlin und entspricht mit ihrem lässigen Äußeren und ihrem queeren Lebensstil vielen Berlin-Klischees – gleichzeitig markiert sie die Entfernung zu den Eltern. Als aufstrebende Reporterin betrachtet sie die zerfallende Sowjetunion, die Konfliktherde in Russland und der Ukraine aus der Beobachterinnenperspektive und will ohnehin nicht nur auf die Fragestellungen ihrer Herkunft festgelegt werden. Doch die Familienbande sind bei aller Abwehr stets da, und so fährt Edi gemeinsam mit Tatjana, der todkranken Freundin ihrer Mutter, zum besagten runden Geburtstag nach Jena, dem Ankunftsort der Familie in Deutschland vor langer Zeit. Dort wird zwar viel gesprochen, aber nicht auf eine Weise, die Edis Ansprüchen nach ehrlich-offenem Austausch genügt: „Sag endlich irgendetwas, was von Bedeutung ist,“ denkt sie in Richtung von Lena, auch selbst immer wieder unfähig, Dinge die ihr wichtig sind, laut auszusprechen.

Der Kreis schließt sich

Schließlich kommt es zu der am Anfang beschriebenen Eskalation –  wieder übernimmt die mit autistischen und unsentimentalen Zügen ausgestattete Nina die Erzählerinnenrolle. Nach der verunglückten Geburtstagsfeier gibt es noch einmal ein Treffen von Edi und Nina, die sich dank der Freundschaft ihrer Mütter so gut kennen – was nicht heißt, dass sie sich immer nahe sind. Im Gespräch zwischen den Töchtern auf den letzten Seiten des Buches geht es um grundsätzliche Positionsbestimmungen, um den vergeblichen Versuch wegzugehen, um Zukunftspläne, um die Krankheit von Ninas Mutter oder darum, ob man jemanden hat. Und um eine Giraffe, die Edi am Tag zuvor zwischen den Jenaer Wohnblöcken gesehen hatte, was Nina insgeheim als Kifferinnenfantasie abtut. Bis sie zum Fenster geht: „Da war ein schwarzes Auge, das mich wimpernlos anstarrte, zwei Hörner, Ohren, Nüstern. Eine flaumige weiße Stirn drückte gegen das Glas zwischen ihr und uns.“

Ein märchenhafter Moment, heraufbeschworen durch ein exotisch-sanftes Tier, dessen Weibchen sich stets zu Herden zusammentun – auch dieser kleine poetische Bestandteil trägt zur Schönheit dieses Buches bei. Es besticht durch die eindringliche Zeichnung seiner Personen und deren empathisch geschilderter Suche nach Identität und Nähe unter wechselnden gesellschaftlichen Voraussetzungen. Sasha Mariana Salzmanns zweiter Roman stand sehr zu recht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2021; ein Platz auf der Shortlist hätte ihm ebenso gebührt. Er wird in jedem Fall sein Lesepublikum finden.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Sasha Marianna Salzmann: Im Menschen muss alles herrlich sein. Roman
Berlin: Suhrkamp, 2021. 384 S.
ISBN: 978-3-518-43010-1
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

Top