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Angela Lehner
Abhängen zwischen Berg und Tal

Julia lebt für ihre Crew und die Musik. Rapperin will sie werden. Sie denkt, dass sie gar nichts anderes kann. Der nahende Hauptschulabschluss lässt sie kalt. Julia führt das normale Leben eines Teenagers in der österreichischen Provinz. Aber was ist schon normal?

Von Swantje Schütz

Lehner: 2001 © Hanser Anfangs liest sich 2001 wie ein Jugendbuch, doch ist es eher ein Buch über die Jugend. Die Sprache der Jugend, das Phlegma der Jugend, ihr Benehmen und die Interessen – saufen, rauchen, rappen, schmusen – das kann gewöhnungsbedürftig sein, wenn man als Leserin ein paar Jährchen älter ist. Aber bald stellt sich neben einigen Erkenntnissen und Aha-Momenten auch eine Solidarität ein. Derbe Worte, „Alter“ hier, „Alter“ da, eine brutale Ausdrucks- und Handlungsweise und die teils erschütternde Unlust, Antriebslosigkeit und jugendliche Dummheit, das zieht sich durch Angela Lehners Zweitwerk. Authentisch bildungsfern zu wirken, erfordert ein großes sprachliches Geschick. Dieser Autorin ist es gelungen.

Rollenspiel

Der Einstieg ist durchaus gemächlich, genauso gemächlich wie das jugendliche Dasein in einer österreichischen Provinzgegend in einem Alter sein kann, in dem man für vieles zu jung ist – zumindest für den erlaubten Teil. Sehr langsam wird der Leser, die Leserin an die „Crew“ herangeführt, die in einer Ortschaft namens Tal irgendwo in den Bergen lebt. Zur Crew gehören Tarek, Bene, Melli, Hannes, Andreas, Michael und seine Schwester Julia, die Protagonistin. Sie selbst nennt sich und ihre Klasse „Restmüll“, schwänzt oft die Schule, was sie „Urlaub machen“ nennt und ist auch ansonsten wenig interessiert am Weltgeschehen. Bis ihr Geschichtslehrer ein Experiment startet, bei dem jeder in die Rolle einer Persönlichkeit oder einer Institution des Weltgeschehens wie Bill Clinton, Gerhard Schröder oder eines Pressebeobachters schlüpft. Durch dieses Rollenspiel kommt Bewegung in das lahme Schuldasein, es entstehen Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten. Die Jugend, so scheint es, macht sich zum ersten Mal Gedanken über etwas anderes als darüber, wo sie „Bier ohne Widerstand“ bekommen kann. „Einen Ort zum Existieren zu finden, ist als Jugendlicher nicht einfach. Einen zu finden, in dem man ungehindert saufen kann, noch schwieriger“, heißt es dann auch von Julia.

Selbstfindung in elternloser Welt

Das Buch hat zu Anfang die eine oder andere Länge, aber letztlich ist diese vermeintliche Ereignislosigkeit nichts anderes als eine präzise Situationsbeschreibung. Lehners Sprachwitz ist gut, die Sprache ebenfalls. Sie wie auf dem Buchrücken als „unverwechselbaren Sound“ zu bezeichnen, trifft es voll und ganz. Tschick, seas, tu weiter – die Autorin liefert natürlich keine Übersetzung für den Piefke-Leser, aber der an der österreichischen Grenze groß gewordenen Rezensentin ist dieses Vokabular angenehm geläufig. Tschick, die Zigarette, eh klar. Seas, da verstehen auch die Bayern, dass gegrüßt wird - ja Servus! Und tu weiter ist einfach nur wunderbar Österreichisch.

Nur langsam lernt man die Jungen und Mädchen zwischen 15 und 18 Jahre kennen, die Dinge tun, die in dem Alter üblich sind. Die Selbstfindung ist voll im Gange. Die einen sind strebsam, steuern die Matura oder einen guten Hauptschulabschluss an, die anderen verkörpern eher das Gegenteil. Julias Bruder Michael ist Gymnasiast, die beiden leben in einer elternlosen Welt. Wie auch alle anderen Jugendlichen in einer fast elternlosen Welt leben. Sie müssen es alleine schaffen, sowohl die Schule als auch das tägliche Leben mit Einkaufen ohne viel Geld, Essen zubereiten, zum Optiker gehen usw.

2001 ist in neun Abschnitte eingeteilt, jeder mit einem Monat überschrieben. Mit dem 11. September endet das Buch. Doch vorher, im August, wird man als Leserin aus der gemütlichen Distanz herausgeholt – da rappelt’s im Karton. Also bitte lesen.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Angela Lehner: 2001. Roman
Berlin: Hanser, 2021. 384 S.
ISBN: 978-3-446-27106-7 
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