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Tierporträts
Lieber Igel

Wer seiner Mitmenschen überdrüssig ist, kann sich von diesen ab- und der Natur, insbesondere der Tierwelt, zuwenden. Warum nicht mal den Igel oder das Faultier als Vorbild nehmen?

Von Holger Moos

Auffermann: Igel © Matthes & Seitz Der Verlag Matthes & Seitz bringt schon länger eine Reihe namens Naturkunden heraus. Dort erscheinen regelmäßig sehr schön gestaltete und lehrreiche Tierporträts von eher randständigen und unterschätzen Arten. Zuletzt haben Verena Auffermann Igel  sowie Tobias Keiling und Heidi Liedke Faultiere porträtiert.

Diese schmalen Bücher machen keinen Hehl daraus, dass der Mensch alles nur von seiner Warte aus betrachten und verstehen kann und will. Beobachten wir Tiere, vermenschlichen wir sie und projizieren allerlei Vorstellungen in sie hinein. Manchmal läuft es aber auch andersherum. So verrät Auffermann in ihrem Igel-Buch gleich zu Beginn, dass ihr Vater einen frühen Liebesbrief an ihre spätere Mutter mit „Lieber Igel“ begann. Dieser Spitz- und, nun ja, Kosename ging auf die Tochter über, als die Schulleiterin sie in einem Lehrer-Elterngespräch so charakterisierte – eingedenk der Tatsache, dass ein Igel mit seinen 6000 bis 8000 Stacheln ein recht widerspenstiges Wesen ist. Auffermann jedenfalls gefiel das und sie akzeptierte den Igel als ihr „Krafttier“.

Meister der Unabhängigkeit

Als Kind hat Auffermann die Igel im Garten gerne und ausdauernd beobachtet, auch wenn ihre Eltern vor dieser stinkenden „Arche Noah für Parasiten“ warnten. Es faszinierte sie vor allem eine spezielle Fähigkeit: das Einigeln, „ein biologisches Wunder, eine einzigartige Technik, bei der ein kräftiger Ringmuskel die Rückenhaut anspannt und zu einem Ball formt“. Dieses Abkapseln und Sich-Entziehen mache aus ihm einen Meister der Unabhängigkeit – eine Eigenschaft, nach der sich auch der Mensch sehne. Außerdem vereine der Igel Gegensätze. Er sei niedlich und wild zugleich, immerhin könne er gefährliche Tiere wie Schlangen oder Skorpione töten, fressen und verdauen.

Die folgenden Kapitel handeln von Verhalten und Eigenheiten des Igels, der ein „Urtier" ist. Es gibt ihn seit etwa 65 Millionen Jahren in nahezu unveränderter Gestalt. Auffermann, die Literaturkritikerin, beschreibt die vielen Auftritte des Igels in der Literatur, vor allem in Märchen und Fabeln. Am bekanntesten ist sicherlich Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel, in dem dieser den läuferisch überlegenen Hasen überlistet.

Der altgriechische Dichter Archilochos war der erste, der dem Igel Klugheit zuschrieb. Er sei sogar klüger als der listige Fuchs: „Der Fuchs weiß viele verschiedene Sachen, aber der Igel weiß eine große Sache“. Diese Dichotomie griff der Philosoph Isaiah Berlin 1953 in einem Essay auf und unterteilte Denker und Schriftsteller in zwei Arten: Igel sind auf Systematik bedacht und suchen nach dem einen, alles organisierenden Prinzip. Füchse hingegen lieben die Vielfalt und schweifen gerne ab. Danach sind Plato, Nietzsche, Dostojewski oder Proust Igel, während Aristoteles, Balzac oder James Joyce zu den Füchsen zählen. 

stacheln gegen Haarausfall?

Sogar in der Populärkultur im Nachkriegsdeutschland wurde der Igel stilbildend. 1952 erschienen in der Illustrierten Hörzu die ersten Comics mit dem Igel-Maskottchen Mecki, eine Menschengestalt mit Igelkopf. Er war klein, pummelig und etwas verwahrlost, doch er traf wohl den Zeitgeist. Mecki wurde zudem Namensgeber für einen Bürstenhaarschnitt, die so genannte Meckifrisur.

Auffermann erzählt auch von sich lange haltenden Irrtümern. So trägt der Igel „wegen der Begattung im Stehen“ seine Hoden keineswegs, wie von Aristoteles behauptet und bis ins 16. Jahrhundert geglaubt, in der Nierengegend. Und auch die Hoffnung, verglühte Igelstacheln halten den männlichen Haarausfall auf, gehört ins Reich der Legenden.

Hängetier, Zotteltier? Nein: Faultier!

Keiling / Liedke: Faultiere © Matthes & Seitz Ein Wettbewerb zwischen Faultier und Igel ist schon aus geografischen Gründen nicht möglich. Während es Igel in Europa, Afrika und Teilen Asiens, aber nicht in Nord- und Südamerika sowie Australien gibt, kommen Faultiere nur in Süd- und Mittelamerika sowie in der Karibik vor. Tobias Keiling und Heidi Liedke betrachten das Faultier daher zunächst aus europäischer Perspektive, nämlich als rätselhaftes Wesen aus der „Neuen Welt“, von dem jahrhundertelang falsche, aber fantasiereiche Illustrationen kursierten.

Es ist gut möglich, dass die Spanier, als sie den südamerikanischen Kontinent eroberten, die Faultiere zuerst nur hörten, nicht aber sahen. In Brasilien heißt das Faultier so, wie sich sein Ruf anhört: Ai. Diesen Schrei stößt das Faultier wiederholt in immer tiefer werdender Tonlage aus. Das verleitete Gonzalo Fernández de Oviedo, den Chronisten der spanischen Eroberung Südamerikas, zu der steilen These, die Menschen hätten die Musik entdeckt, indem sie durch den Gesang des Faultiers das Prinzip der Tonleiter kennenlernten. In vielen anderen Sprachen wird das Faultier jedoch, wie im Deutschen, schon durch seinen Namen moralisch abgestempelt: Statt „es Hängetier, Zotteltier, Singtier oder gar Lächeltier zu nennen, haben sich in den europäischen Sprachen wertende Bezeichnungen durchgesetzt“. Es ist einfach das faule Tier, im Englischen ist sein Name gleich eine der sieben Todsünden: sloth.

Faultiere sind in der Tat langsam und sehr gemütlich veranlagt. Ihre Höchstgeschwindigkeit beträgt 1,9 km/h. Sie schlafen bis zu 20 Stunden am Tag und verlassen die hohen Baumkronen nur etwa einmal pro Woche. Mit der Körperhygiene haben sie es, wie der Igel, auch nicht so. Die gelegentliche Dusche im Regenschauer bewirkt, dass in ihrem grünlich schimmernden Fell Algen gedeihen, von denen sich Schmetterlingsraupen ernähren.

Imagewandel

Auch die Evolutionstheorie stellte das Faultier durch seine pure Existenz in Frage. Wie konnte sich dieses in den Augen der Menschen wenig lebenstüchtige Wesen überhaupt entwickeln, wieso ist es nicht ausgestorben? „Haben wir es bei der Entwicklung dieser Tiere vielleicht gar nicht mit Fortschritt zu tun, sondern mit einem Rückschritt?“

Doch in den letzten Jahren hat sich das Image des Faultiers gewandelt. Nun gilt es als Wappentier von Entschleunigung und Genügsamkeit. Es ist Sinnbild für den Wunsch des zeitgenössischen Menschen, sich dem Leistungsdruck, der Konsumgesellschaft und dem Kapitalismus zu entziehen. Die Quintessenz beider Tierporträts könnte also lauten: Von Igel oder Faultier lernen, heißt siegen lernen!

In diesem Jahr sind in der lesenswerten Reihe zwei weitere Bände angekündigt. Dann werden allerdings dem Menschen nicht ganz so „sympathische“ Tiere porträtiert: Hechte und Quallen.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Verena Auffermann: Igel. Ein Portrait
Berlin: Matthes & Seitz, 2021. 127 S.
ISBN: 978-3-7518-0209-3

Tobias Keiling und Heidi Liedke: Faultiere. Ein Portrait
Berlin: Matthes & Seitz, 2021. 143 S.
ISBN: 978-3-7518-0210-9

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