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Thomas Böhm
Deutschland entdecken

Für alle, die in Deutschland eine Reise planen wollen, ist eine „Wunderkammer des Reisens“ erschienen – auch für die, die glauben, alles über Deutschland zu wissen.

Von Holger Moos

Thomas Böhm (Hg.): Da war ich eigentlich noch nie © Verlag Das kulturelle Gedächtnis Bekanntermaßen unterlag die Reisefreiheit in den letzten beiden Jahren coronabedingt diversen Einschränkungen. Wie schon 2021 hoffen auch in diesem Jahr alle wieder auf Frühjahr und Sommer und ein mögliches Ende der Pandemie. Wer eine Reise in Deutschland plant oder diese auch nur im Kopf unternehmen und dabei frei umherschweifen möchte, dem sei die Lektüre des von Thomas Böhm herausgegebenen Reisebuchs Da war ich eigentlich noch nie ans Herz gelegt.

Darin erfährt man nicht nur, welches die meistbesuchten Kurorte, die tierreichsten Zoos, beliebtesten Badeseen und meist genutzten Radwege sind oder wo es die schnellsten Achterbahnen gibt. Das Buch ist wirklich die im Untertitel versprochene Wunderkammer, es präsentiert vor allem Raritäten und Kuriositäten. In seinem Vorwort beschreibt Böhm, was er mit diesem Buch erreichen möchte: Es soll Deutschland eine magische Aura verpassen, ähnlich seiner Kindheitserinnerung, als er im Alter von fünf Jahren mit seiner Familie im VW-Käfer zum im Spessart gelegenen Wasserschloss Mespelbrunn gefahren ist: „Das Gefühl, dass es beglückend Schönes, Unbekanntes, Entdeckenswertes in unserem Land, in fernerer Nähe, oder näherer Ferne gibt, hat mich seitdem nicht verlassen.“

Anständig oder derangiert?

Es geht um Orte und Landschaften, aber auf den Buchseiten finden sich vor allem sehr viele kulturhistorische Anekdoten und literarische Fundstücke rund um das Thema Reisen. So hätte die bei heute Wandernden obligatorische Funktionskleidung auf der Gepäckliste für Fußreisende aus dem Jahr 1843 vermutlich auch dann gefehlt, wenn es sie schon gegeben hätte. Denn damals war es oberstes Gebot, auch auf Fußreisen „unter anständigen Leuten anständig zu erscheinen“, was mit Funktionskleidung kaum möglich ist. Stattdessen wurde damals empfohlen, ein seidenes Halstuch, Pantoffeln und „leichte, kurze Zeugstiefel“ einzupacken. Als Proviant reichte dagegen ein Stück Brot.

Der bayerische Heimatdichter Ludwig Ganghofer (1855-1920) mühte sich im Alter von 40 Jahren sehr, der „kapriziösen Teufelsmaschine Herr zu werden“, sprich: Radfahren zu lernen. Doch schon zwei Jahre später schrieb er eine Eloge auf das Fahrrad, diesen „unentbehrlichen Faktor des modernen Lebens“. Die Berliner Radpionierin Amalie Rother begann 1890 mit dem Radfahren und pries die emanzipatorische Wirkung des Gefährts. 1897 schrieb sie einen Text über Frauen auf Ferntouren, in dem sie auch darlegte, weshalb französische Frauen keine längeren Radtouren machen. Das liege an der „Erziehung der französischen Frau zur Unselbstständigkeit“. Außerdem sei eine Französin nie dazu zu bewegen, „sich irgendwie in derangiertem Zustand zu zeigen. Und das sei doch auf der Tour unvermeidlich“.

geeignet für verregnete Urlaubstage

Auch Liebhaber von Listen werden fündig. Das Buch bietet etwa eine Liste für das Zubehör einer Campingküche, aber auch Packlisten für Städtereisen, für Damen und Herren, allerdings aus dem Jahr 1897. Und wer sich schon immer gefragt hat, wie lang die Liste der Aufgaben bei der täglichen Reinigung eines Hotelzimmers ausfällt, ist nach der Lektüre ebenfalls schlauer.

Dass Eltern mit Kindern bei Reisenden seit eh und je unbeliebt sind, belegt ein Text von Johanna Schopenhauer, der Mutter des Philosophen Arthur Schopenhauer, aus dem Jahr 1828. In diesem Text empfiehlt sie einen gesonderten Essenstisch für Kinder, „an der sie unter Aufsicht ihrer Mütter eine Stunde früher als die übrige Gesellschaft, mit ihrem Alter zusagenden Speisen abgefüttert würden“, das wäre „sowohl für die Kinder selbst, als für die übrigen Gäste, eine höchst ersprießliche und erfreuliche Anstalt“. Heutzutage haben Kinder auch Anteil an Hotelbewertungen, so hinterließen Eltern folgende Online-Bewertung: „Unser 7-jähriger Sohn weinte bittere Tränen, als er diese Bude sah!“

Da war ich eigentlich noch nie ist ein prall gefülltes Reisebuch, das auf vielerlei Wege und noch mehr Abwege führt – auch geeignet für verregnete Urlaubstage!
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Thomas Böhm (Hg.): Da war ich eigentlich noch nie. Die Wunderkammer des Reisens in Deutschland
Berlin: Verlag Das kulturelle Gedächtnis, 2021. 320 S.
ISBN: 978-3-946990-50-5

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