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Jugend in Ostdeutschland
Rückblicke auf die Baseballschlägerjahre

Das Aufwachsen in Ostdeutschland nach der deutschen Wiedervereinigung wird in gleich mehreren Romanen historisiert und literarisch aufgearbeitet – eine Zeit geprägt von Perspektivlosigkeit, Frustration, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt.

Von Holger Moos

In den frühen 1990er-Jahren nahm in Deutschland die rassistische Gewalt in einem bis dahin unvorstellbaren Ausmaß zu. Die Hälfte der Gewalttaten wurde damals in Ostdeutschland verübt. Die pogromartigen Ausschreitungen in Hoyerswerda 1991 sowie in Rostock-Lichtenhagen 1992 waren zwei traurige Höhepunkte dieser so genannten „Baseballschlägerjahre“ (siehe Serie von ZEIT online).

Lemke: Kinder von Hoy © Suhrkamp Die Dokumentarfilmregisseurin und Autorin Grit Lemke hat bereits im vergangenen Jahr mit Kinder von Hoy einen dokumentarischen Roman über die Geschehnisse in Hoyerswerda und ihre Vorgeschichte veröffentlicht. Lemke beschreibt die gemeinsame Zeit einer Gruppe von Freund*innen um die Erzählerin ab den späten 1960er-Jahren. Der Untertitel „Freiheit, Glück und Terror“ deutet an, dass nicht alles schrecklich war in der sozialistischen Planstadt. Die Plattenbauwüste in Hoyerswerda ist nicht nur geprägt von Tristesse – diese Zuschreibung kommt eher von außen, aus dem Westen – sondern gewährt den Heranwachsenden auch ein hohes Maß an Freiheit und Abenteuer. Der Pogromwoche vom September 1991 stehen Lemkes Protagonist*innen zunächst so fassungs- wie hilflos gegenüber, ehe sie selbst zu Zielen rechter Gewalt werden. Für Marlen Hobrack von der taz erzählt Lemke von einer „Gesellschaft der Diskontinuitäten“. Die so genannte Wende sei für die „disruptionserfahrenen Menschen“ in Hoyerswerda kein so erschütternder Bruch gewesen wie vor allem im Westen immer behauptet. Lemke entlarve damit das „gängige Ost-Nachwende-Narrativ einmal mehr als unvollständig, vereinfacht“.

Ich bin einfach gegangen

Schulz: Wir waren wie Brüder © Hanser Berlin Im Oktober 2018 veröffentlichte Daniel Schulz in der taz einen persönlichen Essay über Jugendliche in Ostdeutschland. Er hat diesen Essay nun zu einem Roman ausgearbeitet, der – wie sein Essay – unter dem Titel Wir waren wie Brüder erschienen ist. Darin schildert er sein Unbehagen als damals „langhaariger Bombenleger“ in einem überwiegend rechten bis rechtsextremen Umfeld in einer brandenburgischen Kleinstadt in den 1990er-Jahren. Die Erzählerfigur ist den Gewalterlebnissen in seiner Umgebung nicht gewachsen. Er träumt zwar davon, Neonazis zu verprügeln, hat aber Freunde mit ähnlicher Gesinnung, denen er nur selten zu widersprechen wagt. Schulz erzählt keine Heldengeschichte. Am Ende bleibt nur die Flucht nach Berlin und die etwas resignative Einsicht: „Ich habe nicht gekämpft und schon gar nicht gewonnen. Ich bin einfach gegangen.“

Bolz: Nullerjahre Kiepenheuer & Witsch Hendrik Bolz, der unter dem Künstlernamen Testo Teil des Rap-Duos Zugezogen Maskulin ist, wurde 1988 in Leipzig geboren und verbrachte seine Jugend überwiegend in Stralsund. Er hat den Roman Nullerjahre geschrieben, der in einer Stralsunder Plattenbausiedlung spielt. Gut zehn Jahre nach dem Mauerfall schreibt er über eine „Jugend in blühenden Landschaften“, wobei Helmut Kohls Versprechen höchstens für die herausgeputzte Altstadt gilt, nicht aber für die Randbezirke und schon gar nicht für das Innenleben der Figuren. Denn diese seien geprägt „von struktureller Vernachlässigung, von Alkohol, Drogen, Gewalt und vor allem: Empathielosigkeit“, so Aida Baghernejad im Tagesspiegel. Stilistisch ist der Text wie ein erweiterter Rap-Song, „bis in die letzten Silben genau gesetzt, er hat einen sehr eigenen Rhythmus und einen präzisen Punch über die volle Distanz von mehr als 300 Seiten. Formal: so und so gut lange nicht gelesen“, resümiert Cornelius Pollmer in der Süddeutschen Zeitung.

Alles soll brennen

Müllensiefen: Aus unseren Feuern © Kanon Auch Domenico Müllensiefens Debütroman Aus unseren Feuern ist ein Nachwenderoman. Doch im Gegensatz zu den drei anderen Romanen spielt er in einer Großstadt, in Leipzig. Erzählt wird die ebenfalls autobiografisch geprägte Geschichte aus der Perspektive eines jungen Mannes. Heiko arbeitet als Bestatter und erkennt im Sommer 2014 in einer Leiche seinen Jugendfreund Thomas. Das führt ihn zurück in seine Vergangenheit, die Ende der 1990er-Jahre und in den 2000er-Jahren spielt. Die drei Freunde Heiko, Thomas und Karsten gehören einer verlorenen Generation aus prekären Verhältnissen an. Sie rauchen, trinken, träumen von Mädchen und hoffen auf ein besseres Leben, scheitern jedoch regelmäßig. Nachdem sie ein paar Schulbücher abfackeln, entdecken sie ihre pyromanische Seite und wollen am liebsten alles brennen sehen. Bei Müllensiefen kommen Neonazis nur am Rande vor, hart und durch die Wende verbittert ist aber die Generation der Väter. Für Julia Lorenz von der taz, die insbesondere die Dialoge und Nebenfiguren lobt, ist Aus unseren Feuern „der wohl seltsamste Roman des Nachwendebuchfrühling“.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Hendrik Bolz: Nullerjahre. Jugend in blühenden Landschaften
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2022. 336 S.
ISBN: 978-3-462-00094-8
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe.

Grit Lemke: Kinder von Hoy. Freiheit, Glück und Terror
Berlin: Suhrkamp, 2021. 255 S.
ISBN: 978-3-518-47172-2
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe.

Domenico Müllensiefen: Aus unseren Feuern. Roman
Berlin: Kanon Verlag, 2022. 336 S.
ISBN: 978-3-98568-015-3
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe.

Daniel Schulz: Wir waren wie Brüder. Roman
Berlin: Hanser Berlin, 2022. 288 S.
ISBN: 978-3-446-27107-4
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe.

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