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Reinhard Kaiser-Mühlecker
Bauer sucht Frau

Auch in seinem neuen Roman erzählt Reinhard Kaiser-Mühlecker vom Landleben – existenziell und jenseits aller Landlust-Klischees.

Von Holger Moos

Kaiser-Mühlecker: Wilderer © S. Fischer Schon der Beginn macht deutlich: Ein Heimatroman im Landhausstil erwartet einen hier nicht. Ein junger Bauer sitzt früh am Morgen da, holt den Revolver seines verstorbenen Großvaters aus der Nachttischschublade und spielt Russisches Roulette. Diese „Spiel“ ist ihm zum Ritual geworden, Erlösung wird ihm versagt, wider alle Wahrscheinlichkeit: „Es war im Grunde unmöglich, so unmöglich, als falle bei einem Würfel, wie oft man ihn auch warf, niemals die Sechs, oder niemals die Eins, niemals eine bestimmte Augenzahl, niemals die, auf die man wartete.“

Doch niemand erwartet eine ländliche Idylle , wenn er oder sie ein Buch von Reinhard Kaiser-Mühlecker in die Hand nimmt. Der österreichische Schriftsteller wurde bekannt für seine vielfach prämierten Romane über archaisch wirkende bäuerliche Lebenswelten.  

In seinem neuen Roman Wilderer ist Jakob der wortkarge Protagonist, der den elterlichen Hof schon lange führt, insbesondere von seinem kauzigen Vater aber niemals die erhoffte Anerkennung bekommt. Leser*innen, die Fremde Seele, dunkler Wald (2016) gelesen haben, kennen Jakob bereits. Damals hatte er versucht, sich vom Hof zu lösen und eine Familie zu gründen. In Wilderer lebt er wieder auf dem Hof der Eltern. Die Lage ist ebenfalls alles andere als idyllisch, über dem Hof rast Tag und Nacht Verkehr über eine Autobahnbrücke.

Nicht nur Tiere können wildern

Jakobs Tagesablauf ist monoton. Er schläft wenig, arbeitet viel, und abends betäubt er sich mit Bier: „Es war ein Zeitvertreib, der eine angenehme Wirkung hatte.“ Gelegentlich schaut er auf  der Dating- App Tinder die immer selben Frauenporträts durch. Seit er einmal reingelegt wurde, likt er keine dieser „Schlampen“ mehr. Es ist ein tristes, mühsames Leben. Er kommt gerade so über die Runden. Ein Versuch, mit neu angelegten Fischteichen etwas Geld zu machen, scheitert. Auf seinen Vater Bert ist kein Verlass, immer wieder verschwindet er, manchmal tagelang. Und die Großmutter droht, ihr Vermögen einer „rechten Partei“ zu hinterlassen. Sein Hund ist der einzige treue Gefährte, doch auch dieser verrät Jakob, indem er nicht gehorcht und zu wildern beginnt. Dieser Ausbruch des unkontrollierbar Animalischen ist Jakob nicht fremd, dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – muss das Tier bestraft werden.

Dann taucht eine Städterin im nahe gelegenen Dorf auf. Katja, eine mit ihrem Leben hadernde Künstlerin, hat ein Stipendium bekommen. Sie lernt Jakob kennen, der in der Gemeinde als Handwerker aushilft. Sie findet Gefallen an ihm und an der Idee, den Hof zu modernisieren. Nach anfänglichem Widerstreben gegenüber dieser „Zeitdiebin“ erkennt er, dass auch sie hart arbeiten kann und neue Ideen einbringt, die nicht nur Hand und Fuß, sondern vor allem Erfolg haben. Die beiden heiraten, bekommen einen Sohn, und der mittlerweile auf biologische Landwirtschaft umgestellte Hof wird als „Betrieb des Jahres“ ausgezeichnet. Jakob ist plötzlich ein wohlhabender und angesehener Mann. Alle Zweifel scheinen verflogen.

Doch man ahnt es, dieses Glück wird nicht von Dauer sein. Obwohl er Katja liebt, bleibt Jakob misstrauisch, vielleicht will auch sie nur „ein bisschen … wildern in diesem fremden Leben, damit sie später sagen könnte: So einen habe ich auch mal gehabt“, mutmaßt er. Dass das neuerliche Scheitern nicht ausführlich erzählerisch erklärt wird und trotzdem glaubwürdig ist, ist genau die Kunst Kaiser-Mühleckers.

Stille, großartige Literatur

Es gibt noch ein paar interessante Nebenstränge, so das schwierige Verhältnis Jakobs zu seiner „nutzlosen“, egoistischen Schwester und das sich im Lauf des Romans wandelnde Verhältnis zu seinem anfangs von ihm belächelten Bruder – oder auch Jakobs hilflose Versuche, eine Freundschaft zu einem rumänischen Tagelöhner aufzubauen.

Kaiser-Mühlecker hat erneut sehr stille und zugleich großartige Literatur geschaffen. Er versteht es meisterlich Gefühle unterschwellig zu erzählen. Es muss wenig ausgesprochen werden, und doch spürt man zwischen den Zeilen das Misstrauen und die Gewalt, die in Jakob gären. Die Handlung kulminiert gegen Ende in einer bizarren Gewalttat, als ein anderer Hund ebenfalls zu wildern beginnt. Nur so viel sei verraten: Das Wildern bekommt weder Mensch noch Tier. Doch auch wenn sich Jakobs Leben wieder verändert, kommt er zu einer Einsicht, die ihn bei aller Trostlosigkeit beruhigt: „Es gab kein Siegen, es gab kein Scheitern, es gab nur diese Straße.“
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Reinhard Kaiser-Mühlecker: Wilderer. Roman
Berlin: S. Fischer, 2022. 352 S.
ISBN: 978-3-10-397104-0

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