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Sachbücher zum Thema Inflation
Wenn Geld seinen Wert verliert

Ein Gespenst geht um, nicht nur in Europa: die Angst vor der Inflation. Zur Aufklärung und Beruhigung lohnt ein Blick in die Vergangenheit.

Von Holger Moos

Wallwitz: Die große Inflation © Berenberg Georg von Wallwitz ist Fondsmanager und Mitinhaber einer Vermögensverwaltung. Daneben hat er einige populärwissenschaftliche Sachbücher geschrieben, die beweisen, dass er komplexe wirtschaftliche und finanztechnische Zusammenhänge gut lesbar und für Laien verständlich zu erklären vermag. Zuletzt hat er ein Buch über Die große Inflation verfasst, „als Deutschland wirklich pleite war“. Schon der Titelzusatz verrät: Dieses historische Ereignis, das 1923 in der Hyperinflation kulminierte und zu einer Währungsreform führte, ist nach Ansicht des Autors nicht vergleichbar mit den aktuellen Inflationstendenzen.

Doch die Hyperinflation von 1923 habe sich tief in das kollektive Gedächtnis der Deutschen eingebrannt und das finanzpolitische Denken und Handeln in Deutschland seither dominiert. Wachsende Inflation gehört aktuell wieder zu den beherrschenden wirtschaftspolitischen Themen. Steigende Preise lösen hierzulande tatsächlich nicht nur ein Gefühl der Unsicherheit aus, sondern bisweilen auch Alarmismus und Panik. Derzeit werden die Inflationsängste von niedrigen oder gar negativen Zinsen verstärkt, sodass viele konventionell sparende Menschen fürchten, durch diese Prozesse quasi enteignet zu werden oder zumindest signifikante Verluste hinnehmen zu müssen. In Deutschland sei das Sicherheitsbedürfnis in finanziellen Belangen besonders hoch, was in anderen Ländern in diesem Maße nicht nachvollzogen werden kann.

Lieber ein Wäschekorb als ein Berg von Geld

Für Wallwitz sind die historischen Bilder von Menschen, die Unmengen fast wertloser Banknoten in Wäschekörben zum Einkaufen tragen, immer noch präsent. Er verdeutlicht das auch anekdotisch, so sei damals jemandem beim Einkaufen in einem unaufmerksamen Moment der Wäschekorb gestohlen worden, die darin befindlichen Geldberge ließ der Dieb zurück.

Die Erinnerungen an die Hyperinflation seien dafür mitverantwortlich, dass die Deutschen bei der Finanzpolitik sehr stark auf Austerität beharren. Die schwarze Null baumelt stets vor der Nase des deutschen Finanzpolitikers. Und auch während der Euro-Krise nach 2009 bekamen die europäischen Partner zu spüren, wie stark Deutschland bei den betroffenen Staaten auf der Haushaltskonsolidierung mittels der so genannten Schuldenbremse beharrte und sich gegenüber der gemeinschaftlichen Risikoabsicherung durch Euro-Bonds sperrte.

Nach Wallwitz beruht die fast schon traumatische deutsche Inflationsangst allerdings auf einer kollektiven Fehlleistung. Die Zusammenhänge würden falsch erinnert. Gewöhnlich werde die damalige Entwertung des Geldes mit extremer Arbeitslosigkeit und dem Aufstieg der Nationalsozialisten verbunden.

Ein politisches Phänomen

Tatsächlich aber seien die Arbeitslosenzahlen 1923 ebenso gering gewesen wie die Wahlerfolge der NSDAP. Das änderte sich erst am Ende der 1920er-Jahre im Rahmen der Weltwirtschaftskrise, als gerade eine wachsende Deflation, also ein Preisverfall, die wirtschaftliche Produktion lähmte, immer mehr Menschen entlassen wurden und die Versprechungen der Nazis endgültig und mit fatalen Folgen verfangen konnten.

Am Ende wirft Wallwitz einen Blick in die Zukunft. Er hält eine künftige Inflation nicht für ausgeschlossen, nur sei jede Inflation anders, und die extremen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nach dem Ersten Weltkrieg seien mit den heutigen nicht vergleichbar. Inflation sei nicht zuletzt ein politisches Phänomen, weshalb sie sich allein mit makroökonomischen Modellen schwer vorhersagen lasse: „Die nächste Inflation wird aus einer Richtung kommen, aus der sie niemand erwartet.“ Es fällt schwer, bei diesen Worten nicht an den Krieg in der Ukraine und die momentan daraus resultierenden preistreibenden Rohstoffengpässe zu denken.

Chaos und Pessimismus

Bommarius: Im Rausch des Aufruhrs © dtv Wer einen eher kulturgeschichtlichen Zugang zum Krisenjahr der kurzlebigen Weimarer Republik lesen möchte, dem sei Christian Bommarius' Im Rausch des Aufruhrs. Deutschland 1923 empfohlen. Darin werden die Erlebnisse und Aufzeichnungen Dutzender damals berühmter Menschen verdichtet, und zwar streng chronologisch von Januar bis Dezember.

Der Fokus des Buchs liegt auf dem Berliner Künstler*innen- und Intellektuellen-Milieu. Es ist keine politische Gesamtschau, sondern enthält zahlreiche funkelnde Details, gesammelt aus Zeitungen, Autobiografien und aus Tagebüchern, die Bommarius in verschiedenen Archiven gefunden hat. Das Ergebnis ist so vielschichtig wie die damalige Zeit. „Bommarius gelingt in diesem Buch beides: Er macht die Vielfalt deutlich, das chaotische Durcheinander aller Leben und das eines jeden einzelnen. Und er zeigt in – ich habe sie nicht nachgezählt – sicher mehr als einhundert Einzelaufnahmen den ganzen Film“, freut sich Arno Widmann in der Frankfurter Rundschau.

Mayer: Das Inflationsgespenst © Ecowin Mit historischen, aber auch aktuellen Geldentwertungen setzt sich Thomas Mayer in Das Inflationsgespenst auseinander. Mayer arbeitete früher beim IWF in Washington, später bei Goldman Sachs in London, war dann Chefökonom der Deutschen Bank und leitet nun das Flossbach von Storch Research Institute in Köln. Mayer sieht die in seinen Augen zu leichtfertige Kreditvergabe durch Banken sowie die Unterstützung dieser Praxis durch die Notenbanken kritisch. In seinem Buch erzählt er zunächst eine Weltgeschichte des Geldes, von den Römern bis Mitte des 20. Jahrhunderts. Der Geld- oder Währungsruin ist danach eher Regel als Ausnahme. Anschließend widmet er sich den Finanz- und Geldkrisen der Gegenwart. Die FAZ empfindet Mayers Buch als „zutiefst pessimistisch“.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Christian Bommarius: Im Rausch des Aufruhrs. Deutschland 1923
München: dtv, 2022. 352 S.
ISBN: 978-3-423-29004-3
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

Thomas Mayer: Das Inflationsgespenst. Eine Weltgeschichte von Geld und Wert
Salzburg: Ecowin, 2022. 400 S.
ISBN: 978-3-7110-0305-8
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

Georg von Wallwitz: Die große Inflation. Als Deutschland wirklich pleite war
Berlin: Berenberg, 2021. 320 S.
ISBN: 978-3-949203-09-1
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

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