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Annika Büsing
Eine etwas andere Schwimmbadliebe

In ihrem Debütroman erzählt Annika Büsing eine ungewöhnliche und angenehm kitschfreie Liebesgeschichte im Ruhrgebiet, angesiedelt am Rand unserer Wohlstands- und Wohlfühlgesellschaft.

Von Holger Moos

Büsing: Nordstadt © Steidl Im Ruhrgebiet leben in den nördlichen Stadtteilen oft die ärmeren, sozial benachteiligten Bevölkerungsschichten. Insofern ist Annika Büsings Romandebüt Nordstadt schon qua Titel ein gesellschaftspolitisches Statement. „Wir waren aufreizend asozial und aufreizend arm“, sagt die Hauptfigur und Ich-Erzählerin Nene über sich, ihre Familie, ihr soziales Milieu. Nene ist Anfang 20. Dass sie eine dreizehn Jahre ältere Halbschwester namens Alma hat, erfährt sie erst, als sie in die Schule kam.

Ein Schwimmbad am Stadtrand ist schon lange Nenes Zuhause. Dort lernt sie schwimmen und trainiert, dort hat sie in einer Umkleidekabine ihren ersten Orgasmus, dort arbeitet sie nun als Bademeisterin und sieht, wie die Rentner*innen ihre Bahnen ziehen. Eines Tages taucht der gehbehinderte Boris im Schwimmbad auf. Als einzige*r der Bademeister*innen leiht Nene ihm eines der Schwimmbretter, obwohl diese eigentlich nur für die Schwimmschule gedacht sind.

Sie ist angezogen von seiner Art. Seine wilden Augen erinnern sie an die eines Pumas, auch das gefällt ihr. Der arbeitslose Boris ist verletzt und verletzlich: Seine Gehbehinderung ist Folge einer Polio-Erkrankung in der frühen Kindheit, seine Mutter ist Impfgegnerin, das Mutter-Sohn-Verhältnis dadurch belastet. Doch Mitleid ist unter seiner Würde. Angesichts der Warnhinweise auf Zigarettenpackungen, fragt er: „Warum kleben die sowas nicht auf Wasserflaschen, auf Toastpackungen, aufs Klopapier? Warum steht da nicht: Das Leben kann zum Tod führen?“ Nene mag auch, dass er die Dinge auf den Punkt bringt. Seine Aussagen seien zwar oft sehr schlicht, doch er sei klug und mutig: „Und die meisten Leute sind nicht mutig. Die meisten Leute sagen … »bildungsfern«, wenn sie dumm meinen“.

Nur vergessen

Beide teilen die Erfahrung von Krisen der Kindheit im sozial prekären Milieu. Auch Nene will auf keinen Fall Mitleid, sie will am liebsten „ein neues Leben. Aber das kann dir keiner geben …, denn gegen Armutsscheiß, gegen Suchtscheiß und Gewaltscheiß ist kein Kraut gewachsen“. Mit all dem kennt sich Nene aus. Das Geld für eine Klassenfahrt kommt „vom Amt“. Als Nenes Mutter stirbt, ist sie acht Jahre alt: „Und ich war schon ganz schön kaputt für acht“. Ihr Vater trinkt und verprügelt sie. Zeitweise lebt sie im Heim oder bei ihrer Halbschwester Alma. Als Siebzehnjährige wird sie vergewaltigt, doch den Täter zur Verantwortung ziehen will sie nicht. „Ich will nur vergessen“, ist ihre Standardantwort, wenn ihre Freundin sie fragt, ob sie nichts dagegen unternehmen wolle.

Boris kann Nähe nur schwer zulassen. Er ist misstrauisch, skeptisch: „Wird das den Winter überdauern?“ fragt er. Nene findet die Frage pathetisch und herzlos zugleich. Boris nennt sie „mein Mädchen“, sie mag das nicht, aber er lässt sich nicht beirren. „Er kann eklig sein. Vor allem, wenn er einen schlechten Tag hat“, sagt Nene. Und schlechte Tage sind keine Seltenheit in Boris' Leben.

Nichts zu verlieren

Büsing erzählt die schwierige Annäherung von Nene und Boris in gefühlvollem, aber auch rauem Ton. Ihr Stil ist lakonisch – und für Büsing gilt ein Ausspruch von Nenes Deutschlehrer: „Lakonie … ist eine besondere Form der Intelligenz“. Die Handlung wird nicht chronologisch erzählt, Büsing springt zeitlich immer wieder hin und her. So beginnt der kurze, aber beeindruckende Roman mit einem Rückblick auf die folgende Liebesgeschichte. Das ist sowohl kompositorisch als auch inhaltlich überzeugend, denn trotz starker Anziehungskräfte erzeugt die belastende Vergangenheit der beiden Hauptfiguren ebenso starke Fliehkräfte.

In dem sozialen Milieu, in dem der Roman angesiedelt ist, ist Glück meistens das Glück der anderen. Also gibt es für Nele und Boris auch kein einfaches Happy End. Aber immerhin die Einsicht, dass man, wenn es schon in der Vergangenheit keinen Moment gibt, „in dem alles gut und heil war“, doch wenigstens in der Gegenwart nichts mehr zu verlieren hat.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Annika Büsing: Nordstadt
Göttingen: Steidl, 2022. 128 S.
ISBN: 978-3-96999-064-3
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

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