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Jan Costin Wagner
Delikte am Menschen

Jan Costin Wagner greift in seinem neuen Kriminalroman um einen Pädophilenring wahre Ereignisse auf. Das Ergebnis ist ein dichtes Geflecht aus Stimmen.

Von Holger Moos

Wagner: Am roten Strand © Galiani Berlin In Jan Costin Wagners zweitem Roman um die Wiesbadener Polizisten Ben Neven und Christian Sandner steht ein Pädophilenring im Fokus. Um diesen ging es auch schon bei der Aufklärung ihres ersten Falles in Sommer bei Nacht (2020). Der Buchtitel  Am roten Strand verspricht ein Urlaubsidyll, doch dahinter verbirgt sich ein „Seeblickcamping“, auf dem eine kleine Gruppe von Männern unter der Führung eines IT-Experten ihr pädophiles Unwesen treibt. Mit diesem Setting verweist Wagner auf zwei bekannte Missbrauchsfälle in Deutschland: zum einen auf den Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz im nordrhein-westfälischen Lügde, der 2019 öffentlich wurde, zum anderen auf den Missbrauchsfall in einer Kleingartenlaube in Münster aus dem Jahr 2020, in dessen Zentrum ein IT-Spezialist stand.

„Delikte am Menschen“ heißt die Abteilung, in der Ben Neven und Christian Sandner arbeiten. Ben steht im Rahmen einer polizeiinternen Ermittlung gerade selbst unter Druck, da seine tödlichen Schüssen auf einen Mann, der einen unschuldigen Jungen töten und auf einer Waldlichtung vergraben wollte, untersucht werden. Doch ihm sind keine strafbaren Verstöße nachzuweisen.

Täter werden zu Opfern

Das Heikle an Wagners neuer Krimireihe ist, dass eben dieser Ermittler Ben Neven ein Familienvater ist, der selbst mit pädophilen Neigungen zu kämpfen hat. Da es zu seinem Job gehört, kinderpornografische Fotos und Videos zu sichten, verliert er diesen Kampf regelmäßig. Auch sein Kollege Christian Sandner ist vorbelastet. Er lebt mit Anne zusammen, die in ihrer Kindheit missbraucht wurde und mehr mit dem neuen Fall zu tun hat, als ihm lieb ist.

Noch heikler wird es, als zwei der potenziellen Täter kurz nacheinander umgebracht werden, die Polizei auch diese Fälle aufklären und Täter vor der Rache ihrer Opfer schützen muss. Dadurch erreicht das Verschwimmen der Grenzen zwischen Tätern, Opfern und Ermittlern ganz neue Dimensionen.

Im Zusammenhang mit der Ermordung der beiden Täter erklärt Anne, worum es ihrer Meinung nach geht: „Täter werden zu Opfern. Sie sollen das Wichtigste verlieren.“ Und das Wichtigste ist aus Sicht der Opfer die Kontrolle. Dass Kontrolle Macht ist, haben sie an Leib und Seele äußerst schmerzhaft erfahren. Machtlos wollen sie nie mehr sein. Und handelt die Staatsmacht nicht, bleibt nur Selbstjustiz.

Eine gute Lüge

In vielen kurzen Kapiteln, denen immer der Name der jeweiligen Figur vorangestellt ist, bietet Wagner Einblicke in die Innenwelt der beiden Polizisten, der Täter sowie der Opfer. Auch dem pensionierten, am Selbstmord seiner Tochter leidenden Landmann, Ex-Kollege und Bens Mentor, sind ein paar Kapitel gewidmet.

Wagner ist kein Effekthascher. Er erzählt diese Geschichte distanziert, in ruhigem Tonfall, aber dennoch mit Empathie. Der Perspektivreichtum und die vielen Erzählstränge sind herausfordernd, aber nicht überfordernd, gestalten den Roman stattdessen enorm vielschichtig. Auch wenn die Geschichte mit einem großen Knall endet, ist am Ende nichts gut. Keine Heilung in Sicht, für niemanden. So schickt Ben seine Tochter zwar mit beruhigende Worten ins Bett, doch er denkt: „Eine gute Lüge.“
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Jan Costin Wagner: Am roten Strand
Berlin: Galiani Berlin, 2022. 304 S.
ISBN: 978-3-86971-209-3

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