Schnelleinstieg:

Direkt zum Inhalt springen (Alt 1) Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Philipp Böhm
Fassade und Verzweiflung

Philipp Böhm hat einen literarisch stimmigen und überraschenden Erzählband geschrieben. Es geht um Fettberge, einen Elvis-Imitatoren oder Diplomatenjagden.

Von Holger Moos

Böhm: Supermilch © Verbrecher Der Debütroman Schellenmann (2019) des 1988 in Ludwigshafen geborenen, heute in Berlin lebenden Philipp Böhm wurde als eigenwillig bezeichnet. „Der kluge und anspielungsreiche Text hält in seiner offenen Form sehr viel für den Leser bereit, ein literarisch durchaus waghalsiges Unterfangen ist geglückt. Schellenmann ist das beeindruckende Debüt eines sehr ambitionierten jungen Autors“, schrieb damals Martin Gaiser auf literaturkritik.de.

Nun hat Böhm mit Supermilch einen Erzählband veröffentlicht. Die darin enthaltenen Geschichten sind nicht minder eigenwillig. Scheinbar alltägliche Szenarien kippen ins Groteske, Drastische und Dystopische.

Motivationszwänge und esoterischer Klimbim

In der ersten Erzählung schildert Böhm etwa die schöne neue Arbeitswelt in einer Online-Marketingagentur mit all den leer drehenden Meetings, die man auch aus anderen Zusammenhängen kennt. „Jeder gibt sich Mühe, besonders geschäftig zu wirken“, heißt es. Der Alltag ist geprägt von Motivationszwängen und esoterischem Klimbim wie etwa einem Gong, der nach jedem Verkaufsabschluss geschlagen wird. Doch hinter diesen Fassaden herrscht Verzweiflung – eine Verzweiflung, die den zweifelnden Ich-Erzähler eine Mail an Jeff Bezos schreiben lässt, weil der ja angeblich alle Mails liest oder das zumindest behauptet.

In der folgenden Geschichte taucht man ab in die echte, stinkende Unterwelt. Dort arbeitet sich ein Kanalarbeiter namens Achill mit seinen Kollegen an einem riesigen Fettberg ab, der die Kanalisation blockiert. Durch eine Szene in einem Dokumentarfilm wurde Achill zu einem Internet-Meme. Nun begleitet Mady, eine junge Künstlerin, den Trupp, um die Arbeiter zu fotografieren. Die Welten passen natürlich nicht zueinander: „Sie wird irgendwo einen schönen kleinen Vortrag halten und schöne kleine Sätze aufsagen, und wir werden immer noch hier unten sein“, sagt Achills Kollege Rocko. Und was denkt Achill, der stoische Kanalreinigungsschamane und „Fettflüsterer“? Als Mady ihn fragt, ob denn nicht noch etwas Großartiges im Leben komme, so wie es überall versprochen werde, antwortet er nur: „Es sind Lügen, aber das macht nichts.“

Was kommt nach dem Internetruhm?

So verwirrend und vielschichtig geht es weiter. „Unser Flecken“ handelt von gut verdienenden und entschleunigungswilligen Stadtbewohner*innen, die aufs Land ziehen, um dort zu sich zu kommen. Dann tauchen jedoch wie aus dem Nichts unheimliche Kisten auf, die alles ins Wanken bringen. Eines Nachts stehen die Kinder des Dorfes stumm und bewegungslos auf dem Feld zwischen den Kisten Spalier. Somnambul geht der Ich-Erzähler auf eine der Kisten zu.

Auch ein Elvis-Imitator hat seinen Auftritt – genauer: seinen letzten YouTube-Auftritt. Was die Frage aufwirft, wie es nach dem kurzlebigen Internetruhm weitergeht. Wie altert man als YouTube-Star? Dann wieder geht es um eine Frau, die in der Beta-Phase eines dubiosen Projekts den Kontakt zu ihrer verstorbenen Großmutter sucht. Oder um Jugendliche, die regemäßig auf Menschen-, bzw. Diplomatenjagd gehen.

„Niemand von uns fragt, wie es kam, dass wir so wurden“, heißt der erste Satz der ersten Erzählung. Böhm hat mit Supermilch derart realistische und zugleich surreale bis dystopische Erzählungen vorgelegt, dass die Leser*innen gezwungen sind, sich mit der Realität auseinanderzusetzen und nichts als eindeutig gegeben zu akzeptieren.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Philipp Böhm: Supermilch
Berlin: Verbrecher, 2022. 174 S.
ISBN: 978-3-95732-514-3
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

Top