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Andreas Brettschneider
Der Robin Hood von Aden

Der 15-jährige Geedi schließt sich seinem Bruder, einem somalischen Piratenanführer, an. Das birgt nicht nur Gefahren, sondern wirft auch moralische Fragen auf.

Von Holger Moos

Brettschneider: Auch junge Leoparden haben Flecken © Ueberreuter In Hafun, einem Fischerdorf an Somalias nordöstlicher Küste, wird nur der Beifang der großen Hochseefischerschiffe angespült. „Was sie in Europa nicht gebrauchen können“, ist die dürftige Lebensgrundlage der ortsansässigen Bevölkerung. Wie Mahnmale liegen drei auf Grund gelaufene Schiffe auf einer Sandbank. Die Kinder nennen sie „die drei großen Toten“. So beginnt Andreas Brettschneiders Jugendroman-Debüt Auch junge Leoparden haben Flecken.

Der 15-jährige Geedi erlebt mit seiner kleinen Schwester Amina die Traurigkeit seiner Eltern. Denn sein älterer Bruder Aayan hat sich lange zuvor den Piraten vor Somalias Küste angeschlossen und seither nichts von sich hören lassen. Geedis Vaters möchte nicht auch noch seinen zweiten Sohn verlieren. Er nimmt Geedi das Versprechen ab, niemals dem verlockenden Ruf der Piraten zu folgen. Über Geedi wird oft gesagt, er trage seinen Kopf in den Wolken, doch er sieht glasklar die Benachteiligung seiner kleinen Schwester, die nicht zur Schule gehen darf, obwohl sie schlauer als er ist.

Mein Bruder, der Piratenboss

Geedi hat seherische Fähigkeiten. Als eines der drei havarierten Schiffe über Nacht verschwindet, sieht er in einem Tagtraum die Rückkehr seines Bruders voraus. Eine Woche später kommt Aayan tatsächlich nach Hause, mit einer goldenen Uhr und wertvollen Ringen im Gepäck. Er erzählt von Abenteuern, mit denen die Geschichten der alten Dorfbewohner nicht mithalten können. Als er bald darauf nachts von einem Pick-up abgeholt wird, versteckt sich Geedi auf der Ladefläche und fährt mit.

Aayan will seinen kleinen Bruder zunächst zurückschicken. Doch dieser bleibt und erweist sich sogar als nützlich. Es stellt sich heraus, dass nicht nur Geedi, sondern auch Aayan mit der Sehergabe ausgestattet ist. Also wird Geedi bald ein richtiger Pirat, darf bei der Planung dabei sein und sogar bei den Überfällen, wenn auch nur auf dem Mutterschiff der Piraten.

Ein richtiges Leben im falschen?

Im Lager der Piraten angekommen erkennt Geedi, dass sein Bruder kein Geringerer ist als der legendäre Piratenboss Nidar, im Volksmund „Geist von Aden“ genannt - und eine Art Robin Hood, der im Gegensatz zu seinem skrupellosen Rivalen Dayax sein Geld mit Überfällen und nicht mit Geiselnahmen verdient. Einen Teil des erbeuteten Geldes verteilt er unter der armen Dorfbevölkerung. Gleichzeitig entzaubert er die anfangs allzu romantischen Vorstellungen Geedis vom Freibeuterdasein: „Denn in Somalia sind wir alle Piraten. Dafür musst du gar kein Schiff haben ... Als Kind Somalias ist es dein Schicksal, dass du immer das Falsche tust, obwohl es das Richtige ist.“ Zwar sei es einerseits falsch, Pirat zu sein und andere zu bestehlen, doch andererseits sei es richtig, sich von denen, die den Somaliern die Zukunft geraubt haben, etwas zurückzuholen. Das wirft natürlich moralische Fragen auf: Kann eine Handlung im Allgemeinen falsch, im Besonderen aber richtig sein? Gibt es doch ein richtiges Leben im falschen?

Brettschneider gelingt nicht nur ein spannender Abenteuerroman mit Wendungen, die zeigen, dass die Piraterie ein brutales und tödliches Geschäft ist. Vielmehr erzählt er auch von der Perspektivlosigkeit und Not, die die Menschen in Somalia und anderswo in die Kriminalität zwingen. Eine Lage, für die die westliche Welt mindestens mitverantwortlich ist.

Dieser Text ist in leicht veränderter Form zuerst in der Süddeutschen Zeitung erschienen.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Andreas Brettschneider: Auch junge Leoparden haben Flecken
Berlin: Ueberreuter, 2022. 192 S.
ISBN: 978-3-7641-7121-6
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

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