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Paulina Stulin
Toleranzübungen auf der Liegewiese

Sommer, Sonne, Freibad – das gehört anerkannt zusammen. Zwar bietet das Wasser ersehnte Abkühlung, aber am Beckenrand schwelen die gesellschaftlichen Konflikte weiter und die Köpfe bleiben heiß. Paulina Stulin fängt in ihrem Comic den Mikrokosmos Freibad bunt und munter ein – Happyend nicht ausgeschlossen.

Von Marit Borcherding

Stulin: Freibad © Jaja Verlag Auf dem diesjährigen Münchner Filmfest war er schon zu sehen, der neue Film von Erfolgsregisseurin Doris Dörrie. Aber bevor Freibad – fast am Ende der Badesaison – im September 2022 in die deutschen Kinos kommt, hat die preisgekrönte Comic-Künstlerin Paulina Stulin unter dem gleichen Titel eine knapp 300 Seiten umfassende gezeichnete Version des Drehbuchs vorgelegt, auf Anregung von Doris Dörrie selbst. In einem Interview bekennt die Regisseurin, es hätte für sie einen „unglaublichen Mehrwert …, eine Geschichte nochmal im Comic nachlesen zu können, wo es eine ganz andere Verbindung zwischen Bild und Text gibt und ich als Leserin das für mich auch ganz anders sortieren und bestimmen kann“.

Gewichtiger Plot im Komödienstil

Worum geht’s in diesem Buch, dessen sommerliches Cover schon so erfrischend wirkt und das sich ausschließlich in einem Frauenfreibad abspielt – vermutlich dem Loretto-Damenfreibad in Freiburg im Breisgau nachempfunden, dem einzigen in ganz Deutschland? Paulina Stulin fasst den Inhalt in einem Interview auf der Verlagswebsite bündig selbst zusammen: „Im Zentrum des Plots stehen die Themen Kopftuch, Umgang mit dem weiblichen Körper in unserer Gesellschaft, Selbstbestimmung und Solidarität unter Frauen.“ Alles ziemliche Brocken mit Sprengkraft. Aber die Leser*innen sollten davon eben nicht erschlagen oder niedergedrückt werden. „Doris hat mir bei unserem ersten Gespräch über dieses Projekt sinngemäß gesagt, dass solche ernsten Angelegenheiten nur in einer Komödie gebührend behandelt werden können“, gibt Stulin die beabsichtigte Tonalität zu Protokoll.

Die Handlung beginnt furios mit einem Polizeieinsatz in der Frauendomäne, eine „Prügelei von Weibern“ sei gemeldet worden. Bei der Suche der Staatsmacht – alles Männer – nach den Verursacherinnen geraten nach und nach sämtliche Protagonistinnen in den Blick: Kassenfrau und Bademeisterin, türkischer Familienclan und alternde Schlagersängerin, verschleierte Frauen aus Saudi-Arabien und Oben-ohne-Badegästinnen. Die Polizisten fahren bald wieder weg, aber die Konflikte sind noch da – da führt etwa ein Burkini zu maximaler Erregung nicht nur bei zwei weißhäutigen Damen im Liegestuhl, sondern auch bei der türkischstämmigen Mutter der Trägerin dieses verhüllenden Ganzkörperanzugs. Die Stammgästinnen wiederum wechseln in ihren Dialogen hin und her zwischen feministischen Bekundungen und Ressentiments mit rassistischen Anklängen. Als irgendwann eine Gruppe vollverschleierter Frauen auftaucht, ändern sich die Fronten noch einmal.

Lesen in Gesichtern

Paulina Stulin grundiert ihr Buch in sommerlich strahlenden Farben: Himmel und Wasser sind blauer als blau, die Liegewiese leuchtet saftig grün. Weniger idyllisch ist das, was sich immer wieder in den Gesichtern der Frauen abspielt – Wut, Enttäuschung, Ärger, Unverständnis: Stulin ist eine Meisterin der Darstellung wechselnder, ausdruckstarker Mimik. Weil sie fast immer nah an ihre Figuren herangeht, teilt sich jegliche Emotion sofort mit, die Geschichte wirkt dadurch ungeheuer lebendig. Der Eindruck verstärkt sich durch das schnelle Hin- und Herspringen innerhalb des begrenzten Freibadareals: Mal beobachtet Stulin eine Unterhaltung am Kiosk, mal ist sie mit der Bademeisterin unterwegs, mal fängt sie eine Auseinandersetzung am Beckenrand ein. Die Dialoge in den Sprechblasen sind schnell, pointiert, zielen gerne mal unter die Gürtellinie, und immer wieder sind sie auch sehr witzig.

Wegrennen, um wiederzukommen

Insgesamt schenken sich die Freibad-Frauen nichts, irgendwann kündigt die Bademeisterin, ein Mann wird an ihrer Stelle eingestellt, was zu noch mehr Aufruhr führt. Viele Protagonistinnen rennen zwischendrin wutentbrannt weg – um am Ende einigermaßen geläutert wiederzukommen. Da hat dann die Mutter der Burkini-Trägerin endlich schwimmen gelernt, durchgängig niemanden schmeckt die neuerdings angebotene vegane Wurst, und der kurzzeitige Bademeister darf zur Wiedereröffnung immerhin dekorativ verkleidet vor der Tür herumsitzen. Versöhnlicher Ausklang einer ernsthaft-vergnüglichen Gesellschaftsstudie, lebendig und mitreißend bebildert, die an einem Nachmittag auf dem Badetuch durchgeblättert werden kann, deren Themen aber über den letzten schönen Sommertag hinaus nachwirken.
  • Stulin: Freibad, S. 16-17 © Paulina Stulin / Jaja Verlag
  • Stulin: Freibad, S. 22-23 © Paulina Stulin / Jaja Verlag
  • Stulin: Freibad, S. 172-173 © Paulina Stulin / Jaja Verlag
  • Stulin: Freibad, S. 180-181 © Paulina Stulin / Jaja Verlag
  • Stulin: Freibad, S. 220-221 © Paulina Stulin / Jaja Verlag
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Paulina Stulin: Freibad. Nach dem gleichnamigen Film von Doris Dörrie
Berlin: Jaja Verlag, 2022. 296 S.
ISBN: 978-3-948904-38-8

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