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Christine Koschmieder
Endlich trocken

Alkohol ist keine Lösung – eine Binsenweisheit. In ihrem neuen Roman verarbeitet Christine Koschmieder vieles von dem, was sie in ihrem Leben bewältigen musste. Und sie schreibt darüber, was die Volksdroge Nummer 1 zerstört hat.

Von Holger Moos

Koschmieder: Dry © Kanon „Warum hat denn niemand was gemerkt?“, fragt der erwachsene Sohn Karl seine Mutter. Die antwortet: „Weil ich das für das Leben gehalten habe. Weil ich nicht gemerkt habe, wie zerstörerisch das ist. Das war ja unser Leben.“ So lange Menschen noch funktionieren, sie nicht unangenehm auffallen und ihr Leben nicht aus dem Ruder läuft, ist Alkoholkonsum kein Thema, oft auch dann nicht, wenn er es sein sollte. Trinken ist zu „normal“, ein gesellschaftlich akzeptiertes, bisweilen erwartetes Vergnügen.

Christine Koschmieders Roman Dry behandelt das Thema Alkohol(sucht), geht es aber aus verschiedenen Richtungen an. Das Buch ist eindeutig  autobiografisch, wenngleich sie vorneweg die Einschränkung macht: „Dry ist meine Geschichte, aber es ist nicht unbedingt die Geschichte derer, die darin vorkommen. Oder zumindest nicht die, die sie erzählt hätten… Dry ist ein Roman, kein Memoir und kein Sachbuch.“

Die Frau, die meine Mutter ist

Bei Koschmieder ist Alkohol natürlich auch keine Lösung, ja nicht einmal das Hauptproblem. Alkohol und seine Auswirkungen stehen nicht im Fokus, die Geschichte wird eher beiläufig erzählt, als etwas, dass der Ich-Erzählerin während all der Herausforderungen, die man Leben nennt, passiert ist. Zunächst geht es um sie als junge Erwachsene, um die Abnabelung vom Elternhaus, erste Liebschaften, die ersten beiden Kinder, ihre große Liebe, den Krebstod des geliebten Mannes, um ein drittes Kind mit einem neuen Partner.

Gegliedert ist das Buch in drei Teile. Im ersten Teil schreibt Koschmieder über ihr Erwachsenendasein, aus „Heller“ wurde „Dunkler“. Nach dem Tod ihres Mannes folgt eine „Grauzone“, in der das Leben weitergeht, weitergehen muss. Im zweiten Teil thematisiert die Autorin ihre Herkunft und Kindheit. Ihr Vater ist alkoholabhängig, aus seiner Betthälfte kommt „ein miefiger Schwall hervor. Zigaretten, Rotwein und Schlaf machen Mundgeruch“. Nichtsdestotrotz hat sie ein liebevolles Verhältnis zu ihm, der ihr „mit auf den Weg gegeben hat, nicht aus Bequemlichkeit mit dem Strom zu schwimmen“.

Die lieblose Mutter macht ihr ständig Vorwürfe, daraus resultiert ein sehr distanziertes Verhältnis. Nach der Scheidung der Eltern bricht der Kontakt ab, die beiden pubertierenden Töchter ziehen mit ihrem Vater in eine neue Wohnung. Als die Ich-Erzählerin sich nach 17 Jahren ihrer Mutter wieder annähert, bezeichnet sie diese so konsequent wie distanzierend als „Frau, die meine Mutter ist“. Körperlich näher kommt die Tochter dieser so verschlossenen Frau erst nach deren Tod, „als sie sich endlich berühren lässt“.

Wohltuend undramatisch

Der letzte Teil des Romans ist schließlich dem Klinikaufenthalt gewidmet, in die sich die Ich-Erzählerin selbst einweisen lässt. Sie muss sich ein Zimmer mit Alex teilen, einer muskelbepackten jungen Frau mit Tatoos, vor der sie sich zunächst fürchtet. Doch als diese ein Primeltöpfchen auf den Tisch stellt, hat sie „sofort weniger Angst vor ihr“. Ganze 105 Tage bleibt sie in der Klinik – Koschmieder schildert den Klinikaufenthalt angenehm unaufgeregt. Hat die Protagonistin anfangs noch Probleme, sich mit ihrer Zimmergenossin zu arrangieren und entwickelt eine unterdrückte „Bomberjackenwut“, so lernt sie im Laufe der Zeit milder zu sich selbst zu werden, sie lernt Angst und Traurigkeit nicht „zu leugnen. Sondern … auszuhalten“. Gerade ihr kritisches Selbstbild als Mutter wird am Ende, bestärkt durch ihre eigenen Kinder, zurechtgerückt: „Mama, du tust immer so, als wäre bei uns alles furchtbar gewesen und als wärst du eine schlimme Mutter. Aber das stimmt so nicht!“

Dry ist ein ehrliches, wohltuend undramatisches Buch, das – so Mithu Sanyal in ihrer Rezension im WDR – „das volle Buffet des Lebens“ bietet. Es ist auch als von der Autorin gelesenes Hörbuch erschienen.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Christine Koschmieder: Dry. Roman
Berlin: Kanon, 2022. 256 S.
ISBN: 978-3-98568-042-9

Hörbuch, gelesen von der Autorin
Berlin: Kanon, 2022. 1 MP3-CD (ca. 9 Std.)
ISBN: 978-3-98568-044-3
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

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