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Aktuelle deutschsprachige Krimis
Von Schleierwolken und Menschenfischern

In den letzten Monaten sind sehr unterschiedliche, allesamt lesenswerte deutschsprachige Krimis erschienen. Einige Inhalte: Scheintote, ein Showdown auf der Loreley, Hirn-Upload in Klonkörper sowie subtiler Horror in einer Mutter-Tochter-Beziehung.

Von Holger Moos

Buchcover: Kerkerkind © Knaur Für manche sind Krimis die einzigen Bücher, die sie auch noch abends im Bett lesen können. Nur die Spannung hält sie wach. Lust auf neue Empfehlungen? Diese Auswahl erhöht den Schlafmangel.

Kopflos im Wannseeforst

Katja Bohnets Thriller Kerkerkind ist ein recht blutiges Buch. Ein Kommissarduo folgt den Spuren eines Serienkillers. Zuerst findet man im Wannseeforst die verbrannte Leiche einer schwangeren Frau, anschließend einige kopflose Männerleichen. Einer der beiden Kommissare gerät selbst in Gefahr. Elmar Krekelers Fazit in der Welt lautet: „Ein bisschen braucht man, bis man sich zurechtgefunden hat, bis es einen nicht mehr überrascht, wie in einer Babuschka von einer Privatgeschichte in die nächst tiefer liegende zu geraten, nicht mehr verblüfft wird von der immer stärker werdenden Ahnung, wie sehr alles mit allem zusammenhängt“.

Scheintot in München

Ein Mann wacht in einem Sarg auf, befreit sich und kann sich erst mal an nichts erinnern. Max Bronski schickt seine zunächst nur mit Boxershorts bekleidete Titelfigur „Oskar“ in den Englischen Garten in München und von dort aus weiter auf einen Selbstfindungstrip. Auch diesen Krimi hat Elmar Krekeler in der Welt besprochen. Danach liefert Bronskis neues Buch eine Antwort auf die Frage, warum wir Krimis lesen: „Weil es nichts Wahnsinnigeres gibt als Literatur, die sich unter Genregrenzen hindurchgräbt, über sie hinwegfliegt, dahin, wo Literatur so wahnsinnig ist wie manchmal das Leben. Oskar ist so ein Roman“.

Verbrechen aus Liebe

Sein Romandebüt vorgelegt hat der Filmemacher und Grimmepreisträger Volker Heise. In Außer Kontrolle entfaltet er ein Großstadtpanorama. Erzählt wird von einer Nacht, in der alles eskaliert. „Berlin. Die Stadt als Wille, Vorstellung und Kollaps. Alles muss gut werden mit dem Jungen und dem Mädchen. Alle kollabieren: der Sternekoch, seine Fische, der alte und der junge Polizist, der Ehebrecher, der Notarzt. Rau instrumentiert, in Moll komponiert: Heises Spätsommernachts-Metropolen-Sound“, so die Umschreibung der Krimibestenlisten-Jury (Platz 4 der Krimibestenliste Februar 2018).

Deutsche Sci-Fi

Tom Hillenbrand verknüpft in seinem Science-Fiction-Krimi Hologrammatica die Krimihandlung mit Fragen der künstlichen Intelligenz und der Digitalisierung. Die Jury der Krimibestenliste meint: „2088. Horror für Identitätsfetischisten. Die überhitzte Erde ist holographisch geschönt, man uploadet sein Hirn in Klonkörper. Verschwunden: Spitzenprogrammiererin Juliette samt Knowhow. Quästor Singh hinterher. Prima ausgedacht, schlüssig designt, Zukunft durch Detektivbrille, Philosophie light“ (Platz 4 der Krimibestenliste April 2018).

Nackenkribbeln

Von einer in Berlin lebenden Mittvierzigerin, die als brave Tochter ihre anstrengende Mutter regelmäßig in Wattenscheid besucht und sich dabei zunehmend verfolgt fühlt, handelt Regina Nösslers Thriller Schleierwolken. „Selten wurde subtiler Horror so leise und so gekonnt erzählt. Nichts ist schrill, nichts sensationell, aber vieles ist grausam, gemein und entschieden fies“, schreibt Thomas Wörtche auf culturmag.de. Und auch auf die Krimibestenliste hat es die bislang eher unbekannte Autorin geschafft: „Berlin, Wattenscheid. Korrektorin Elisabeth fühlt sich verfolgt. Die einsame Mutter nörgelt, ihr geht jemand nach, sie fällt vor einen Bus. Demütigungen überall. Schlechtes Gewissen: Hat sie alles richtig gemacht? Einmal, als sie jung war. Diese Vergangenheit kehrt wieder. Subtil: Grauen des Alltags“ (Platz 8 der Krimibestenliste Februar 2018).

Kommissar Marthalers sechster Fall

In Jan Seghers Krimi Menschenfischer ermittelt Kommissar Marthaler in einem bislang unaufgeklärten, grausamen Mordfall aus dem Jahr 1998, der ihn erst nach Südfrankreich und dann auf die Spur einer Menschenhändlerbande führt. Dietmar Jacobsen zieht auf literaturkritik.de folgendes Fazit: „Wie alle Romane der Reihe bringt auch Menschenfischer das Kunststück fertig, am Anfang Disparates immer enger miteinander zu verzahnen. Bis aus mehreren scheinbar unverbundenen Fällen schließlich einer wird, dessen einzelne Aspekte sich gegenseitig erklären“. Auch Brigitte Grahl von krimi-couch.de ist überzeugt: „Ein spannender Fall mit unvorhersehbaren Wendungen und einer schlüssigen Auflösung, und eine straffe Handlung mit einem dynamischen Erzähltempo. Trotzdem gibt es in Menschenfischer immer wieder Platz für Atmosphäre und Gefühl, ja sogar Poesie. Seghers wird immer besser!“

Verlierer, Normalos, Kriminelle

Um einen Video-Journalisten mit beruflichen Problemen, der in einem Drogendeal einen Scoop wittert, geht es in Roland Sprangers Krimi Tiefenscharf. Für Kolja Mensing ist das „Buch [...] ein kompromissloser Krimi aus der trostlosen Provinz“ (deutschlandfunkkultur.de). Und die Jury der Krimibestenliste skizziert das Buch wie folgt: „Fränkisch-tschechisches Grenzgebiet. Familienvater Sascha ist ein Einmann-TV-Team in Nöten. Als investigativer Ermittler kommt er nicht weit. Aber er hat sich auch mit einer Crystal dealenden Neonazi-Bohème angelegt, die grenzüberschreitend operiert. Ernüchterungsmittel für Politikoptimisten“ (Platz 7 der Krimibestenliste April 2018).
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank

Bohnet, Katja: Kerkerkind
München: Knaur, 2018. 331 S.
ISBN: 978-3-426-52093-2
 
Bronski, Max: Oskar
München: Droemer, 2017. 298 S.
ISBN: 978-3-426-30610-9
 
Heise, Volker: Außer Kontrolle
Berlin: Rowohlt Berlin, 2017. 240 S.  
ISBN: 978-3-644-10043-5
 
Hillenbrand, Tom: Hologrammatica
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2018. 557 S.
ISBN: 978-3-462-05149-0
 
Nössler, Regina: Schleierwolken
Tübingen: konkursbuch, 2017. 314 S.
ISBN: 978-3-88769-563-7
 
Seghers, Jan: Menschenfischer
Reinbek: Kindler, 2017. 428 S.
ISBN: 978-3-463-40670-1
 
Spranger, Roland: Tiefenscharf
Hamburg: Polar, 2018. 286 S.
ISBN: 978-3-945133-59-0

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