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Max Annas
Es wird dunkel in Deutschland

Wer sich die zunehmende Fremdenfeindlichkeit in unseren Gesellschaften vor Augen führt, kann Angst bekommen. Die beklemmende Dystopie des Krimiautors Max Annas schildert die Zukunft Deutschlands alles andere als rosig, besonders für Menschen mit fremden Wurzeln.

Von Holger Moos

Annas: Finsterwalde © Rowohlt Finsterwalde heißt das Buch. Und darin ist es erneut sehr finster geworden in Deutschland. Regiert wird das Land von einer extrem nationalistischen Partei, die im Wahlkampf „Politik für Euch“ versprochen hat. Eine Politik für eine bestimmte Gruppe ist in der Regel aber auch eine Politik zum Nachteil einer anderen.
 
Bei Annas sind diese Nachteile massiv. Polizisten, Soldaten und Bürgerwehren machen in aller Öffentlichkeit Jagd auf Fremde. Menschen, die keinen deutschen Pass haben oder den Machthabern einfach nicht deutsch genug sind, werden in Abschiebelagern gefangen gehalten und sind sich selbst überlassen. Es herrscht das Recht des Stärkeren. Eines dieser Lager befindet sich in Finsterwalde, gut 100 Kilometer südlich von Berlin.

Durch Drohnen überwacht

Überwacht werden die Lagerinsassen nicht nur vom Wachpersonal, das an den Zäunen patrouilliert, sondern auch von Drohnen. Über dem Lager werden Lebensmittel abgeworfen. Die Menschen stürzen sich wie die Tiere auf diese Pakete.
 
In diesem Lager lebt Marie mit ihren beiden Kindern Antoinette und Kodjo. Sie war Ärztin in Berlin, wurde dann aber interniert, weil sie dunkelhäutig ist. Mit einigen weiteren Lagerinsassen entkommt sie durch einen Abwasserkanal. Die Gruppe will nach Berlin, um drei zurückgelassene afrikanische Kinder zu retten.

Unpolitisch qua Immigrationsvertrag

Gegen das Lagerleben geschnitten ist die Geschichte von Theo und Eleni, einem griechischen Paar mit zwei Töchtern. Eleni ist wesentlich jünger als Theo, die Kinder sind nicht von ihm. Vor allem ihr ist es zu verdanken, dass die Familie nach Deutschland kommen kann. Sie ist eine der gut ausgebildeten Fremden, die man in Deutschland als Fachkräfte gerade noch toleriert, wenngleich nur auf Probe. Theo, der in Griechenland als kritischer Journalist gearbeitet hat, muss eine elektronische Fußfessel tragen. Auch die Gedanken sind nicht frei, den Immigrantinnen und Immigranten ist es per Einreisevertrag verboten, in ihrem ersten Jahr in Deutschland politische Diskussionen zu führen.
 
Annas versteht es, durch diese beiden Handlungsstränge Spannung zu erzeugen und sie am Ende auch miteinander zu verknüpfen. Man fragt sich, ob und wann diese Dystopie wahr werden kann. Annas gibt gleich zu Beginn eine diesbezügliche Einschätzung ab: „Relativ bald. Oder vielleicht zwei, drei Jahre später.“ Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder derzeit erfolgreichen Parteien sind garantiert nicht zufällig.
 
Rosinenpicker Annas, Max: Finsterwalde
Reinbek: Rowohlt, 2018. 400 S.
ISBN: 978-3-498-07401-2

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