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Digitale Bibliotheken im Vereinigten Königreich
Die digitale Kluft zwischen akademischen und öffentlichen Bibliotheken

Die Zugänglichkeit von digitalen Angeboten ist eine Frage von Budget und Prioritäten. Welche Strategien wenden akademische und öffentliche Bibliotheken im Vereinigten Königreich an?

Von Naomi Smith

Im Jahr 2007 behauptete Mark Herring, dass es sich um eine “absurde Vorstellung handle, [dass das Internet] demnächst die konventionellen Bibliotheken ersetzen werde” (S. 1). Obwohl die Auswirkungen von COVID-19 diese Aussage entkräftet haben, stimmt es, dass bis vor kurzem die Mehrheit der britischen Bibliotheken nur begrenzte digitale Dienste anboten.

Dies hatte weitgehend mit finanziellen Beschränkungen zu tun. Allein große und finanziell gut ausgestattete wissenschaftliche Forschungsbibliotheken, wie etwa die Universität Birmingham, konnten die Bereitstellung digitaler Dienste priorisieren. Seit 2017 wurden beispielsweise 80% des Bibliotheksanschaffungsbudgets der Universität Birmingham für elektronische Bücher (E-Books) und 20% für gedrucktes Material ausgegeben (Universität Birmingham, 2018).

Dass akademische Bibliotheken den digitalen Diensten Vorrang einräumen wollen, lässt sich mit der Leistungsmessungslandschaft der Hochschulbildung (Higher Education; HE) im Vereinigten Königreich erklären. Im Hochschulbereich kann es für eine akademische Bibliothek von kommerziellem Vorteil sein, in der technologischen Innovation als führend angesehen zu werden (Brophy, 2007). Darüber hinaus erklärt die leichte Zugänglichkeit von E-Books, warum akademische Bibliotheken oft den Übergang von physischen zu digitalen Sammlungen anstreben. Für viele sind webgestützte elektronische Ressourcen das bevorzugte Medium zur Erfüllung von Lern-, Lehr- und Forschungsanforderungen (Creaser, 2011). Im Vergleich zu gedruckten Sammlungen besteht der gesellschaftliche Nutzen der Bereitstellung von Büchern in digitalem Format darin, dass sie für Benutzer*innen in verschiedenen Umgebungen zugänglich, unmittelbar und durchsuchbar sind (Deegan und Tanner, 2002). 

Nach Angaben des Zentrums für Informationsverhalten und Forschungsevaluierung (CIBER) erwarten vor allem Forscher*innen “sofortigen Zugang zu allen Arten von Materialien auf ihrem Desktop, die für ihre Forschung relevant sind” (Creaser, S. 53). Noch bedeutender ist, dass Forscher*innen gedruckte Ressourcen oft als “Zugangshindernis” betrachten (Creaser, S. 53); dies aufgrund von Problemen wie der mangelnden Verfügbarkeit von gedruckten Kopien, die eine Wartezeit oder eine Gebühr für eine Fernleihe erforderlich machen können. Akademische Bibliotheken müssen diese Meinungen ernst nehmen. Die Berücksichtigung der Bedürfnisse und Erwartungen der Studierenden ist in dem stark wettbewerbsorientierten Hochschulumfeld, in dem alle akademischen Bibliotheken tätig sind, von entscheidender Bedeutung. Britische Universitäten werden nach dem National Student Survey (NSS) eingestuft – eine “hochkarätige jährliche Umfrage”, die eine “einflussreiche” Quelle für öffentliche Informationen über die Erfahrungen von Studierenden an Universitäten ist (NSS, 2020).

Die Priorisierung digitaler Dienste kann nicht leicht von öffentlichen Bibliotheken übernommen werden. Die finanziellen Beschränkungen, die den Gemeindeverwaltungen seit langem von der Regierung auferlegt werden, machen es den britischen öffentlichen Bibliotheken unmöglich, ausschließlich Online-Ressourcen anzubieten (Swaffield, 2017). Grund dafür ist, dass elektronische Zeitschriften lizenziert werden, wobei die Bibliotheken den Zugang von den Verlagen erwerben müssen. Inflation, Währungsumrechnungen und die Geschäftspraktiken von Verleger*innen verursachen oft teure Abonnementskosten für Zeitschriften. Die Universität Birmingham zahlt weit über £1 Million pro Jahr an Abonnementskosten (Universität Birmingham, 2018). Außerdem steigen diese oft jährlich. Im Durchschnitt sind die Kosten für Zeitschriftenabonnements 2018 im Vergleich zu 2017 um 5–6% gestiegen (Universität Birmingham, 2018). Einige sind um 10% oder mehr gestiegen (Universität Birmingham, 2018).

Aus diesen Gründen ist eine flächendeckende Einführung digitaler Dienste durch britische Bibliotheken unwahrscheinlich. Folglich bleibt die Bereitstellung digitaler Dienste in den Bibliotheken Großbritanniens ungleich. Es besteht eine “digitale Kluft”, wobei die Bereitstellung digitaler Bibliotheksdienste davon abhängt, wo man lebt und ob das Gebiet von gut finanzierten akademischen Bibliotheken oder von öffentlichen Bibliotheken mit unzureichenden Ressourcen versorgt wird.

Während der Pandemie erlebten wir eine Verbindungsunterbrechung zwischen Mitarbeiter*innen und Studierenden, die keinen Zugang zu unseren Diensten hatten, weil sie keinen Internetzugang und/oder keinen geeigneten Computer hatten. Gleichzeitig verdeutlichte die Pandemie Unterschiede in der digitalen Kompetenz, im Vertrauen und in der Fähigkeit der Nutzer*innen, Online-Dienste effektiv zu nutzen.

Naomi Smith

Die COVID-19-Krise hat auch gezeigt, dass es eine soziale und kulturelle Exklusivität bei der Bereitstellung digitaler Bibliotheken gibt, in denen nicht jede*r den gleichen Zugang zu den angebotenen digitalen Diensten hat. Während der Pandemie erlebten wir eine Verbindungsunterbrechung zwischen Mitarbeiter*innen und Studierenden, die keinen Zugang zu unseren Diensten hatten, weil sie keinen Internetzugang und/oder keinen geeigneten Computer hatten. Gleichzeitig verdeutlichte die Pandemie Unterschiede in der digitalen Kompetenz, im Vertrauen und in der Fähigkeit der Nutzer*innen, Online-Dienste effektiv zu nutzen. Wenn wir digitale Dienste allen zugänglich machen wollen, müssen Bibliotheken weltweit innovative Lösungen und bewährte Verfahren gemeinsam nutzen.

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