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Digitale Bibliotheken in Belgien
Die digitale Landschaft von Grenzen befreien

Der Lockdown in Brüssel war ein Beschleuniger für den Wandel in Richtung digitale Angebote für Bibliotheken. Aber wie bringt man über den Bildschirm die typische Bibliothekserfahrung in die Wohnungen von Menschen?

Von Lizet van de Kamp

Bibliotheken waren schon immer taktile Orte: Räume, an denen man zwischen Regalen und Korridoren voller Bücher wandelt und nach einem bestimmten Buch sucht, wobei man sich an den ersten drei Buchstaben des Autorennamens orientieren muss, oder wo man sich einfach von Buchumschlägen oder sorgfältig kuratierten Sammlungen inspirieren lässt. Darüber hinaus waren Bibliotheken schon immer ein Ort der Begegnung, der Arbeit, des Lernens und der Vernetzung.

Während des Lockdowns begannen wir, digitale Dienste zu nutzen, von denen wir bisher nur träumen konnten.

Während des Lockdowns, von März bis Juni, waren Bibliothekar*innen in aller Welt gezwungen, die Arbeitsweise von Bibliotheken zu überdenken. Bei Muntpunt, der größten niederländischsprachigen Bibliothek Brüssels, begannen wir, digitale Dienste zu nutzen, von denen wir bisher nur träumen konnten. Da das eigentliche Bibliotheksgebäude unzugänglich war, mussten wir unsere Dienstleistungen neu überdenken. Wie bringen wir die typische Bibliothekserfahrung über Bildschirme in die Wohnräume und Handflächen der Menschen?

Digitale Inhalte

Zwar hat es lange gedauert, aber nun sind E-Books endlich ein Teil der Sammlungen der Bibliothek in Flandern und Brüssel. Englische E-Books gibt es schon seit einigen Jahren, und ab diesem Monat (September 2020) werden unseren Kund*innen endlich auch niederländische E-Books zur Verfügung gestellt. Das ist eine erfreuliche Entwicklung, aber die Art und Weise, wie das E-Book-System aufgebaut ist, hat einen großen Nachteil: Jedes Buch kann nur von einer Person aufs Mal gelesen werden.

Dies ist ein Musterbeispiel für eine Digitalisierung, bei der digitale Produkte wie analoge behandelt werden. Die eigentliche Idee hinter E-Books ist, jederzeit Zugang zu ihnen zu haben (und natürlich weniger Gewicht herumzuschleppen). Aber wie sich herausstellt, muss man immer noch warten, bis man an der Reihe ist, wenn jemand vor einem das Buch zu lesen angefangen hat. Dies ist natürlich eine Frage der Lizenzgebühren, aber das ist Benutzer*innen, die an sofortige Befriedigung durch Netflix oder Spotify gewöhnt sind, schwer zu erklären.

Digitale Aktivitäten

Online-Aktivitäten waren etwas, worauf wir bei Muntpunt schon seit einiger Zeit hingearbeitet haben. Die Organisation dieser Aktivitäten gewann durch den Lockdown an Dynamik. Jetzt stehen wir an einem neuen Scheideweg: Wie wird es weitergehen, wenn die Menschen ihre Wohnungen wieder verlassen dürfen?

Wir können uns auf die Vorteile von Online-Aktivitäten konzentrieren. Zum Beispiel wurde die Frage der Distanz zu einer fernen Erinnerung, als Muntpunt ein Online-Treffen mit der mexikanischen Autorin Fernanda Melchor organisierte. Eine kubanische Lesebegeisterte interviewte Melchor via Zoom über ihr neuestes Buch Saison der Wirbelstürme, und die Veranstaltung wurde live auf Facebook übertragen, damit alle unsere Follower es sehen konnten. Eine Autorin aus Mexiko für einen Vortrag vor einem Live-Publikum nach Brüssel zu bringen, wäre normalerweise fast unmöglich oder zumindest sehr teuer gewesen.

Andere ausgezeichnete Online-Aktivitäten während des Lockdowns reichen von Online-Meisterklassen und Buchclubs bis hin zu interaktiven Märchenstunden für Kinder.

Nicht nur die Bibliotheken profitieren von Online-Aktivitäten, sondern die Menschen fühlen sich auch wohler, wenn sie von zu Hause aus an Sitzungen und Workshops teilnehmen. Sie sehen die Vorteile: keinen Zeitverlust durch Anreisen und zudem die Möglichkeit, in bequemer Kleidung zu bleiben – zumindest von der Taille abwärts. Im Herbst wird unser Konversationsunterricht auf Niederländisch aufgrund des positiven Feedbacks und der Tatsache, dass wir online einen größeren Personenkreis erreichen können, ausschließlich online fortgesetzt.

Der erste Reflex besteht darin, Offline-Produkte zu digitalisieren, ohne sie tatsächlich in ein digitales Produkt umzuwandeln.

Digitale Kenntnisse

Während des Lockdowns waren fast alle Menschen gezwungen, neue digitale Fertigkeiten zu erlernen: von grundlegenden Kenntnissen zu Videoanrufen bis hin zur Nutzung sozialer Netzwerke zur Verbreitung von Informationen. Bibliotheken sind dafür bekannt, dass sie grundlegende Computerdienste anbieten: Dateibearbeitung, Surfen im Internet und E-Mail. Über die App-o-theek (die "App-Apotheke") bot Muntpunt telefonische Hilfe an, um die digitale Kompetenz jener zu verbessern, die in dieser sich schnell verändernden Situation leicht ins Hintertreffen geraten könnten.

Am anderen Ende des Spektrums bot Muntpunt Meisterkurse mit dem Titel "Meistern Sie Ihre Netzwerke" für Personen an, die ihre fortgeschrittenen digitalen Kenntnisse verbessern wollten. Diese Kurse reichten von der Erstellung von Podcasts bis zur Schaffung von Online-Gemeinschaften.

Es bleibt zu hoffen, dass in Zukunft mehr Partner*innen aus dem künstlerischen, kulturellen und akademischen Bereich einbezogen werden können. Auf diese Weise kann unsere Arbeit im Bereich der digitalen Kompetenzen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Digitale Gemeinschaften

Digitale Lesegemeinschaften in Flandern konzentrieren sich meist rund um Städte. Cultuurconnect, der wichtigste Vermittler von digitalen Bibliotheksdiensten in Flandern, bietet eine Plattform für digitale Leseforen mit dem Namen "[Ihre Stadt] liest" an, z.B. "Antwerpen Liest", "Löwen Liest". Diese Gemeinschaften ergänzen sich sehr gut mit einer Reihe von Präsenz-Veranstaltungen und lokalen Lesetipps. Ein besseres Beispiel für eine Online-Lesegemeinschaft in Flandern ist "Alle lesen". Mit mehreren Posts pro Tag in Ihrer Facebook-Gruppe spielt es keine Rolle, wo Sie leben; wichtig ist, was Sie gerade lesen.

Abschließend lässt sich sagen, dass der durch den COVID-19-Ausbruch verursachte Lockdown alle gezwungen hat, die digitalen Dienste von Bibliotheken zu überdenken. Dennoch werden sie nach wie vor von den meisten Bibliotheken als Ergänzung zu ihren Offline-Diensten betrachtet und nicht als eigenständigen Dienst. Der erste Reflex besteht darin, Offline-Produkte zu digitalisieren, ohne sie tatsächlich in ein digitales Produkt umzuwandeln. Die digitalen Angebote scheinen noch immer von physischen Grenzen umgeben zu sein, so wie eine Bibliothek mit ihrer eigenen Nachbarschaft verbunden ist. Doch ist das Internet für alle, zu jeder Zeit und an jedem Ort verfügbar. Warum sollte es bei einer digitalen Bibliothek anders sein?

In Belgien, genauer gesagt in Flandern, arbeiten wir noch an den Grundlagen. Ein einziges Bibliothekssystem für alle flämischen Bibliotheken wird beispielsweise gerade erst eingeführt. Diese Grundlagen müssen geschaffen werden, bevor wir weitermachen und die digitalen Instrumente in vollem Umfang nutzen können.

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