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Digitale Bibliotheken in Russland
Geschichten erzählen, Gedichte und Hände waschen

In ihrer Fähigkeit, kreativ zu denken, sind Russ*innen wirklich unglaublich. Ich habe eine kurze Liste von Praktiken erstellt, die in russischen Bibliotheken während der Isolationsperiode geschaffen worden sind. Erfreuen Sie sich an fünf digitalen Fallstudien, die hier exklusiv für das Goethe-Institut präsentiert werden.

Von Ilya Rogovenko

1. Geschichten per Telefon

Ilya Rogovenko - Screenshot 1 Plakattext: “Rufen Sie uns an, und wir lesen Ihrem Kind ein Märchen vor!” | Screenshot by Ilya Rogovenko | CC BY-SA 4.0

 

In Russland heißt die beliebteste Bibliotheksinnovation dieser COVID-19-Saison "Geschichten per Telefon". Die Idee ist ganz einfach: Sie können die Bibliothek anrufen, und eine der Bibliothekar*innen liest Ihrem – oder einem anderen – Kind eine Geschichte vor. In der Regel dauert die Lesung zwanzig bis sechzig Minuten. Das Buch wird jedem Kind einzeln vorgelesen, und die Bibliothekar*innen nehmen auch Wünsche entgegen.

Diese einfache Idee ist bei den Bibliotheksbenutzer*innen sehr gut angekommen. Die Bibliothekar*innen, die diese Idee entwickelt haben, sind in Radio und Fernsehen gefragt: Fast alle Massenmedien haben über die Initiative berichtet, und die Kulturministerin nannte sie als Beispiel für eine erfolgreiche Tätigkeit während der COVID-Epidemie.

2. Online Poetry Slam

Ilya Rogovenko - Screenshot 2 Screenshot by Ilya Rogovenko | CC BY-SA 4.0 Während der Quarantäne nahm die Zahl der Online-Musikkonzerte dramatisch zu. Alles begann sich online zu verschieben, und wir erkannten sofort, dass dies eine Gelegenheit war, Menschen innerhalb und außerhalb des Landes an einem gemeinsamen virtuellen Ort zu versammeln. Wir beschlossen, mit Poesie zu arbeiten, und so entstand das "Link"-Projekt, das Dichtern Online-Lesungen anbietet.

Es sieht wie folgt aus: Mehrere Dichter versammeln sich zur festgesetzten Stunde in einem Online-Raum. Wir verwenden WhereBy, weil es cooler aussieht als Zoom. Die Gastgeber*innen kündigen die Dichter*innen an, die ihre Gedichte 10–15 Minuten lang vorlesen, und all dies ist von ungezwungener Kommunikation begleitet. Die Sendung findet in sozialen Netzwerken statt und generiert Zehntausende von Views. Immer mehr Bibliotheken nehmen am Projekt teil und bieten ihre eigenen Formate an, darunter literarische Diskussionen und Erzählabende.

3. Online Festivals

Ilya Rogovenko - Screenshot 3 Screenshot by Ilya Rogovenko | CC BY-SA 4.0

Nur wenige Menschen dürften heute über eine Online-Vorlesung oder einen Meisterkurs staunen. Wenn man viele solcher Veranstaltungen zusammenträgt, ist es durchaus möglich, ein vollwertiges Online-Festival zu veranstalten. Das ist sehr praktisch, denn statt für mehrere kleine Veranstaltungen kann man so für ein großes Festival werben, das potenziell jedem ein Publikum bietet.

Ein gutes Beispiel ist das Festival "Farbe der Magie", welches dem Geburtstag von Terry Pratchett gewidmet war. Dieses Online-Festival dauerte fast eine Woche. Eine der wichtigsten Lehren daraus ist, dass die literarische Fangemeinde bereit ist, sich an der Organisation solcher Veranstaltungen zu beteiligen und eine Schlüsselrolle bei der Erweiterung des Publikums zu spielen.

4. Eine Digitale Zeitschrift

Ilya Rogovenko - Screenshot 4 Das Top-Magazin für digitale Bibliotheken! Culturise! | Screenshot by Ilya Rogovenko | CC BY-SA 4.0

Für eines der Bibliothekssysteme der Hauptstadt (ein Zusammenschluss von 30–35 Bibliotheken) ist die Pandemie zu einem wichtigen Motor für mutige Personalreformen geworden. Man beschloss, ein interbibliothekarisches Redaktionsbüro einzurichten und mit regulären Bibliotheksmitarbeiter*innen zu besetzen. Der Titel dieses Projekts könnte mit dem neu geprägten Verb "Culturise" (Kulturieren) übersetzt werden.

Wie wurde dies erreicht? Die Verwaltung des Systems kündigte einen Wettbewerb für die Mitarbeit in der Redaktion an. Alle Bibliothekar*innen konnten sich beteiligen, indem sie eine kreative Aufgabe erledigten, die das Verfassen eines Artikels zu einem bestimmten Thema einschloss. Auf diese Weise wurden sieben der talentiertesten Bibliothekar*innen ausgewählt, die nun das Redaktionsbüro bilden. Die Herausgeber*innen begannen, qualitativ hochstehende Artikel mit beneidenswerter Regelmäßigkeit auf einem neuen Teilbereich der Webseite des Bibliothekssystems zu veröffentlichen. Kurze Zusammenfassungen von Artikeln werden in sozialen Netzwerken veröffentlicht, um Besucher*innen auf die Webseite zu leiten und neue Benutzer*innen für die Bibliotheksdienste zu gewinnen.

5. Hörbücher + saubere Hände

Ilya Rogovenko - Screenshot 5 Screenshot by Ilya Rogovenko | CC BY-SA 4.0

Welcher Zusammenhang könnte zwischen Hörbüchern und der Coronavirus-Pandemie bestehen? Bibliothekar*innen einer russischen Bibliothek schlugen eine Zusammenarbeit mit dem Hörbuchdienst Storytel vor, die sich als sehr beliebt erwiesen hat. Die Bibliothekar*innen wählen Passagen von 30 Sekunden Länge aus, die man sich beim Händewaschen anhören kann. Jedes Mal, wenn man sich die Hände wäscht, hört man sich einen neuen Ausschnitt an, den Storytel für das Projekt kostenlos zur Verfügung stellt. Mehrere solche Sammlungen sind jetzt zusammengestellt.

Russischen Bibliothekar*innen haben zahlreiche weitere digitale Projekte erstellt, und es erscheinen laufend neue Aktivitäten. Es scheint, dass es neben all den negativen Auswirkungen des Coronavirus einen echten Gewinn gibt: Die Bibliotheken haben die Entwicklung ihrer digitalen Dienste beschleunigt, und sie sind nicht mehr aufzuhalten!

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