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Digitale Bibliotheken, digitale Gemeinschaften und digitale Partnerschaft
Verbreitung von Wissen statt Rivalität

Von Barnabás Virág

Andere Teilnehmer*innen des Programms „Emerging International Voices“ haben über ihre landeseigenen Bibliotheksdienste und die digitale Leistungsfähigkeit ihrer Institutionen geschrieben. Diese Beiträge befassen sich mit den sozialen und wirtschaftlichen Besonderheiten der einzelnen Länder und ihren vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten. Die Länder sind mit verschiedenen Problemen konfrontiert, und ihre Ziele sind dementsprechend sehr unterschiedlich. Ausschlaggebend sind neben der digitalen Raumnutzung auch die lokalen Vorlieben und individuellen Merkmale der lokalen Gemeinschaften.
 
Diese Texte befassen sich mit den Auswirkungen der COVID-19-Pandemie, die das Engagement der Bibliotheken in der digitalen Welt beschleunigt hat und künftig mögliche Vorteile für den Berufsstand mit sich bringt. Jede einzelne Bibliothek hat sich bemüht, den Kontakt zu ihren Nutzer*innen aufrechtzuerhalten, und entsprechend ihren Fähigkeiten haben Bibliotheken den Nutzer*innen auf verschiedenen Online-Plattformen geholfen und Online-Veranstaltungen wie Vorträge, Schriftsteller*innen-Leser*innen-Treffen und Ausstellungen organisiert.
 
Obwohl es viele theoretische Arbeiten zu diesem Thema gibt, ziehe ich es vor, empirische Berichte zu lesen, die in der Praxis getestet worden sind. Ilya Rogovenko aus Moskau erwähnte fünf Bibliotheksdienste, die während der Pandemie eingeführt wurden: 1. Geschichten per Telefon; 2. Einen Online-Poetry-Slam; 3. Online Festivals; 4. Eine digitale Zeitschrift (in Zusammenarbeit mit weiteren Bibliotheken); 5. Hörbücher + saubere Hände (Händewaschen beim Anhören einer literarischen Aufnahme). Zane Siliņa aus Riga stellte das Projekt „Familienbibel“ vor, bei dem die Nutzer*innen gebeten wurden, in ihren Bücherregalen nach alten Bibeln zu stöbern und ihre Funde mit speziellen Hashtags in sozialen Netzwerken zu teilen. Manchmal fanden die Nutzer*innen in diesen Bibeln wertvolle Aufzeichnungen von Familienereignissen. Die spannendsten Funde wurden in einer Ausstellung in der lettischen Nationalbibliothek präsentiert.
 
Aus den Webinaren ergab sich u.a. die Frage, inwieweit die Bibliothek als eine demokratische Institution angesehen werden kann. Die Katona-József-Bibliothek sorgt für Chancengleichheit sowohl on- als auch offline. Das Gebäude ist völlig behindertengerecht und mit Rampen, Aufzügen und Fahrspuren für Sehbehinderte ausgestattet. Die Regalabstände und Tischhöhen wurden so gestaltet, dass sie auch von Rollstühlen aus leicht zugänglich sind. Mit unseren Partner*innen organisieren wir regelmäßig Programme zur Unterstützung von Menschen mit besonderen Bedürfnissen. So haben beispielsweise der Blinden- und Sehbehindertenverband des Komitats Bács-Kiskun und unsere Bibliothek einen speziellen Kurs für blinde und sehbehinderte Nutzer*innen angeboten, die mit intelligenten Geräten arbeiten möchten. Im Rahmen des Programms für digitales Wohlbefinden bieten wir Besucher*innen, die Mitglieder der Bibliothek sind, kostenlose Computerbenutzung an.
 
Wir bieten Zugang zu einer von unseren Kolleg*innen aufgebauten Datenbank  (Building on the Natural Curiosity of People) und zu elektronischen Datenbankabonnements. Die meisten sind über unsere Webseite zugänglich, aber einige können nur vor Ort gelesen werden. Unsere Leser*innen können die EBSCO-Datenbank, die internationale Artikel enthält, und die ungarische digitale Wissenschaftsbibliothek Arcanum nutzen. Das Motto von Arcanum lautet: „Wo Google aufhört, fängt Arcanum an“. In der ständig wachsenden Datenbank kann man Zeitschriften, Zeitungen, Lexika und Bücher finden, und man kann auch browsen. Unsere Bibliothek abonniert das Nationale Audiovisuelle Archiv (NAVA), über welches Programme zugänglich sind, die von den öffentlich-rechtlichen ungarischen Fernseh- und Rundfunkkanälen produziert wurden. Auf derselben Plattform stellt der Verband der Fachverleger*innen (SZAKTÁRS) die Werke von sechzehn Verleger*innen zur Verfügung. Obwohl das hochgeladene Material frei abfragbar ist, kann der Inhalt nur durch institutionellen Zugang abgerufen werden.

Bei der Planung digitaler Dienste ist nutzer*innenorientiertes Denken von wesentlicher Bedeutung. Es ist nicht allein die Aufgabe der Bibliothekar*innen, Entscheidungen über den Inhalt ihrer Plattformen zu treffen, sondern auch die Nutzer*innen sollten die Möglichkeit haben, ihre Bedürfnisse zu äußern. In Ungarn wird die Planung digitaler Bibliotheksdienste von der zentralen Verwaltung durch die strengen Regeln, die für Ausschreibungsressourcen gelten, beeinflusst. Üblicherweise werden staatliche oder von der EU unterstützte Entwicklungen umgesetzt. Die Katona-József-Bibliothek steht landesweit an der Spitze des Qualitätsmanagements. Die Rückmeldungen der Leser*innen ist uns wichtig, und wir führen regelmäßig Bewertungen der Offline-Nutzung unserer Dienste und Programme durch. Wir haben jedoch weniger Informationen über unsere Online-Dienste, obwohl die Statistiken der Webseite ständig überwacht und analysiert werden.
 
Der Einbezug von Senior*innen in unsere digitalen Dienste ist eine Priorität, die wir durch Schulung zu erreichen suchen. Die Katona-József-Bibliothek bietet seit dem Jahr 2000 Kurse für Internetnutzer*innen an, und die Teilnehmer*innen stammen hauptsächlich aus der älteren Generation. Im Laufe der Jahre hat sich die Ausbildung auf mehreren Ebenen entwickelt: Es gibt nun Gruppen für Anfänger*innen, Fortgeschrittene und sogar Superfortgeschrittene. Ihr Ziel ist es, die Studierenden mit den elektronischen Medien vertraut zu machen und ihnen die Möglichkeit zu geben, digitale Kompetenzen zu erwerben. Zu den Themen gehören Nutzung von E-Mails, Suche in Datenbanken, elektronische Verwaltung mit Hilfe von E-Government und Registrierung in sozialen Netzwerken. 
 
Die Diskussionen der Emerging International Voices haben gezeigt, dass in Ländern wie etwa den USA oder Dänemark die Ausleihe von E-Books bei den Nutzer*innen beliebt ist. In Ungarn ist dieser Dienst noch nicht weit verbreitet und wird nur von einigen wenigen Bibliotheken angeboten. Wir bieten der Öffentlichkeit die Möglichkeit, E-Book-Reader auszuprobieren. Wir offerieren unseren Leser*innen auch andere Online-Inhalte, etwa das Nationale System, die Datenbank und das Dokument-Repositorium der elektronischen Dokumentenübertragung (ELDORADO), die das Herunterladen und Online-Lesen von öffentlich zugänglichen Werken ermöglichen. Die Ungarische Elektronische Bibliothek (MEK), die seit den 1990er Jahren in Betrieb ist, bietet derzeit Zugang zu mehr als 20.000 urheberrechtlich geschützten Werken. Die Digitale Akademie der Literatur (DIA) enthält Werke zeitgenössischer Autor*innen und wird vom Literaturmuseum Petőfi betrieben; sie bezahlt den Autor*innen als Nutzungsgebühr ein monatliches Stipendium.
 

Wie demokratisch können digitale Bibliotheken in Anbetracht der Tatsache, dass viele Menschen keinen Zugang zum Internet haben, überhaupt sein?

Die Webinare boten einige inspirierende Ideen und brachten Themen für die weitere Erforschung auf, z.B. die digitale Gemeinschaft. Einige wiederkehrende Fragen blieben unbeantwortet, etwa die Frage, wie demokratisch digitale Bibliotheken in Anbetracht der Tatsache, dass viele Menschen keinen Zugang zum Internet haben, überhaupt sein können. In dieser Hinsicht befindet sich jedes Land in einer ganz unterschiedlichen Situation. In Ungarn verfügt der öffentliche Bibliotheksdienst in seinen Räumlichkeiten über einen 100%igen Internetzugang, der ohne Einschränkungen zur Verfügung steht. Auch die Frage, wie Datenschutz und Offenheit im Internet gewährleistet werden können, regt zum Nachdenken an. Eine heiklere Frage betrifft das Ausmaß, in dem in der digitalen Welt emotionale Beziehungen (wieder)hergestellt werden können, sowie die Folgen des Verlusts nicht digitalisierbarer, wahrnehmbarer Dinge wie Berührung, Geschmack oder Geruch. Kann eine Gemeinschaft aus Nutzer*innen digitaler Bibliotheken, aus Personen, die nach denselben Themen oder ähnlichen E-Books suchen, gebildet werden? Schließlich gibt es Urheberrechtsfragen, die noch ungelöst sind: Fragen, die möglicherweise eine separate Webinar-Reihe verdienen würden.
 
Ich hoffe sehr, dass die Teilnehmer*innen der Webinare auch nach Projektende in Kontakt miteinander bleiben. Dies würde nicht nur eine weitere Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch bieten, sondern auch Möglichkeiten für eine kurz- oder langfristige Zusammenarbeit eröffnen.

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