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Best Practice Beispiele aus Russland
Gewöhnliche Bibliothek online: Drei Strategien zum Erfolg

Wie kann eine gewöhnliche Bibliothek auch online Erfolg haben? Nur wenig wird darüber gesagt, was zu tun ist, wenn Ressourcen fehlen oder es in sozialen Netzwerken kein Publikum gibt. Ich biete drei einfache Strategien für die Online-Zusammenarbeit mit Bibliotheken an und einen kleinen Bonus zum Thema Charisma.

Von Ilya Rogovenko

In diesem Herbst hatte ich das Glück, an dem vom Goethe-Institut und der IFLA (Internationaler Verband der bibliothekarischen Vereine und Institutionen) organisierten internationalen Seminar “Emerging International Voices” teilzunehmen. Im Mittelpunkt der Diskussionen stand die Frage, was Bibliotheken während des Lockdowns tun sollten, wenn sie sich gezwungen sehen, online zu gehen. Zwar gab es auf dem Seminar keine vorgefertigten Erfolgsrezepte, aber es ist dennoch möglich, interessante Schlussfolgerungen zu ziehen.
 
Ich arbeite in einer gewöhnlichen öffentlichen Bibliothek. In den Hauptstädten gibt es Hunderte von Bibliotheken wie die meine, Dutzende in den Städten und nur einige wenige in den Dörfern. Mit den Nationalbibliotheken oder den Verwaltungen von Bibliothekssystemen haben sie wenig gemeinsam – ihre Situation ist viel einfacher. Es gibt eine Bibliothek, es gibt Leser*innen, die meist in Gehdistanz wohnen, und es gibt die Interaktion zwischen diesen beiden. In sozialen Netzwerken hat eine kleine Bibliothek oft eine Anhängerschaft von etwa 100-200 Personen. Es gilt bereits als großer Erfolg, wenn die Posts 10-20 Likes haben. Dies ist normalerweise die Grenze. Für mich persönlich ist es wichtig, über diese Bibliotheken zu reden. Sie sind in der Mehrheit, und sie sind am wenigsten auf Veränderungen vorbereitet.

In dieser Hinsicht kann die Bibliothek als Raum für den Import von Kultur aus anderen Teilen des Landes und darüber hinaus wirken; die Entfernung spielt dabei keine Rolle mehr.

Was sollten Sie also tun, wenn Sie eine gewöhnliche Bibliothek sind und irgendwie online ein Publikum finden müssen? Hier sind drei Strategien, die in verschiedenen Situationen funktionieren könnten. Poster von Online-Streams aus Wologda: Kultur aus ganz Russland Poster von Online-Streams aus Wologda: Kultur aus ganz Russland

1. Importieren Sie die fehlende Kultur

Die Stadt Wologda in Russland liegt neun Stunden Zugfahrt von Moskau entfernt. Es ist ein kleiner, traditioneller Ort mit einer Bevölkerung von dreihunderttausend Menschen. Auch die Bibliothek Nr. 21 ist sehr gewöhnlich. Da jetzt alles online ist, erkannten die Kolleg*innen in dieser Bibliothek, dass es möglich wäre, interessante Menschen aus ganz Russland zu einem Zoom-Anruf einzuladen. Und sie machten erste Anrufe. Vor der Quarantäne hatten sie oft Musiker*innen und Schriftsteller*innen nach Wologda eingeladen, aber jetzt tun sie es online. Für die Einwohner*innen von Wologda ist die Möglichkeit, sich mit Kulturschaffenden aus anderen Städten zu unterhalten, sehr interessant, denn bei ihnen gibt es nicht genug eigene Kulturschaffende. Und die Inhalte, die auf diese Weise vermittelt werden, sind nicht nur für die Einwohner*innen von Wologda wertvoll, sondern auch in ganz Russland gefragt.
Moskauer Band auf einem Wologda-Stream: 102 Likes, 17.000 Views! Moskauer Band auf einem Wologda-Stream: 102 Likes, 17.000 Views! In dieser Hinsicht kann die Bibliothek als Raum für den Import von Kultur aus anderen Teilen des Landes und darüber hinaus wirken; die Entfernung spielt dabei keine Rolle mehr. Man muss die Leute auch nicht nur zu öffentlichen Versammlungen einladen, sondern kann kreative Workshops organisieren, Sitzungen zu Designkonzepten abhalten, Festivals mit Beteiligung von Nichtansässigen veranstalten und so weiter
Museum für eine ferne Galaxie in einer öffentlichen Bibliothek in Moskau Museum für eine ferne Galaxie in einer öffentlichen Bibliothek in Moskau

2. Themenbezogene Plattform 

So nahm etwa die Bibliothek Nr. 161 in Moskau Kontakt mit “Star Wars”-Fans auf, was zur Organisation eines Museums für eine ferne Galaxie und gelegentlichen gemeinsamen Veranstaltungen führte.

Mit einem Publikum zu arbeiten ist sehr schwierig, wenn es alle potenziellen Leser*innen der Bibliothek einschließt, inklusive Teenager, Erwachsene und Kinder mit Eltern. Es ist nicht einfach, eine gemeinsame Basis zwischen so unterschiedlichen Bibliotheksnutzer*innen zu finden. Um Ihr Publikum zu vergrößern, können Sie eine Gruppe von Personen identifizieren, die an einem bestimmten Thema interessiert ist, und ihr eine Zusammenarbeit anbieten. So nahm etwa die Bibliothek Nr. 161 in Moskau Kontakt mit “Star Wars”-Fans auf, was zur Organisation eines Museums für eine ferne Galaxie und gelegentlichen gemeinsamen Veranstaltungen führte. Star Wars-Fans aus der ganzen Stadt begannen, in die Bibliothek zu kommen. Als der Lockdown angekündigt wurde, verlor die Bibliothek den Kontakt zur Fangemeinde nicht, sondern führte weiterhin online Veranstaltungen für sie durch.
Star Wars-Stream mit einem Verleger und Cosplayer. 104 Likes und 3.5K Views! Star Wars-Stream mit einem Verleger und Cosplayer. 104 Likes und 3.5K Views! Mögliche Online-Gemeinschaften sind Fans literarischer Universen (Herr der Ringe, Harry Potter, Der Hexer und andere) oder Menschen, die sich für bestimmte Hobbys interessieren (Brettspiele und Rollenspiele, historische und nachbildende Gesellschaften, Musikliebhaber*innen usw.). Für Begegnungen und den Austausch von Informationen benötigen Gruppen von Menschen mit gemeinsamen Interessen in der Regel eine Plattform.
 
Wenn Sie nicht über eine solche themenbezogene Plattform verfügen und Sie sich bereits in einem Lockdown befinden, können Sie die Interessen und Hobbys der Mitarbeiter*innen nutzen und versuchen, darauf basierend Inhalte und Online-Veranstaltungen zu erstellen: Comics lesen und diskutieren, Fernsehserien kommentieren usw. So können Bibliotheksbenutzer*innen erfolgreich angesprochen werden
Markendesign, das auf lokalem Wissen basiert Markendesign, das auf lokalem Wissen basiert

3. Lokales Wissen

Die letzte Methode setzt auf lokale Identität. Von Bibliotheken wird gewöhnlich erwartet, dass sie lokales Wissen fördern, aber sie schöpfen das Potenzial dieses Bereichs ihrer Arbeit nicht immer aus. Der Bezirk oder die Stadt, in welchem bzw. welcher sich die Bibliothek befindet, umfasst bereits ein bestimmtes Publikum, das sich entsprechend seiner geografischen Lage identifiziert. Am einfachsten erreicht man es, indem man eine auf der lokalen Identität basierende Marke schafft und diese im Namen der Bibliothek fördert. In diesem Jahr hat das Bibliothekssystem von Selenograd den prestigeträchtigen Bibliothekswettbewerb in der Kategorie “Marke” gewonnen. Was taten sie, um zu gewinnen? Sie entwickelten die Marke von Selenograd, indem sie die Geschichte der Stadt mit ihren Merkmalen und Attraktionen hervorhoben, und sie stellten schöne Souvenirs her und begannen, diese zu verteilen. Und online gelang es ihnen, die Einwohner*innen für sich zu gewinnen und so ein treues Publikum zu schaffen
Ein von Bibliothekar*innen gedrehter Dokumentarfilm Ein von Bibliothekar*innen gedrehter Dokumentarfilm Und ich verstehe, wie das funktioniert. Kürzlich haben meine Kolleg*innen ein Video über ein kleines Gebiet im Osten der Stadt veröffentlicht. Im Video erzählen die Bewohner*innen ein wenig von der Geschichte des Ortes und über sich selbst: Sie wirken sehr aufrichtig und freundlich. Die Bewohner*innen des Viertels waren begeistert und sahen sich das Video erfreut an. Wir erhielten viel begeisterte Kritik und mehr als 50.000 Views in verschiedenen sozialen Netzwerken (darunter mehr als 2.000 auf YouTube). Den Leuten gefällt der Ort, an dem sie leben, und sie fühlen sich zu denen hingezogen, die ihre Begeisterung teilen
Der Fall der Royal Academy: ein Schinken Der Fall der Royal Academy: ein Schinken

Bonus. Finden Sie Ihre Stimme 

Alle drei Strategien können in einer Bibliothek gleichzeitig oder auch separat verwendet werden, doch gibt es noch einen weiteren wichtigen Punkt. Harry Verwayen, einer der Sprecher des EIV, sprach über den Fall der Royal Academy. Sie twitterten eine sehr einfache Botschaft: “Wer kann uns den besten Schinken zeichnen?”. Und sie erzeugten damit eine verrückte Kundenaktivität. 

Lassen Sie sich eine Idee einfallen, die unerwartet genug ist, um Ihre Kolleg*innen zu überraschen und sie zum Schmunzeln zu bringen, und Sie haben Ihr Ziel erreicht.

Es ist klar, dass es in sozialen Netzwerken immer um provozierende Inhalte geht, und hier ist es wichtig, eine unverwechselbare Stimme zu finden, die ein neues Publikum ansprechen kann, ohne dabei das alte zu verlieren. Die Royal Academy spricht zu ihren Anhänger*innen in der Art, wie es enthusiastische und manchmal exzentrische Intellektuelle tun würden. Die Sie vielleicht auch bitten, einen Schinken zu zeichnen
Die beste Sitcom, die ich mir je angeschaut habe Die beste Sitcom, die ich mir je angeschaut habe Es ist wichtig, dass Sie Ihre eigene Stimme finden und sie anders und besonders machen. Wie kann ich dies für eine gewöhnliche Bibliothek tun, die nicht das Publikum der Royal Academy hat? Es ist ganz einfach: Amüsieren Sie sich. Lassen Sie sich eine Idee einfallen, die unerwartet genug ist, um Ihre Kolleg*innen zu überraschen und sie zum Schmunzeln zu bringen, und Sie haben Ihr Ziel erreicht. Hier ist ein wunderbarer Fall, der meine Idee illustriert. Das Geschichtsmuseum von Waukegan ist ein gewöhnliches, kleines Provinzmuseum. Zwar hat es nur zweitausend Followers, aber was sie sich einfallen ließen, ist unglaublich. Sie kündigten an, dass sie ihre eigene Sitcom lancieren würden, in der alle Rollen an ihre Stühle gingen: gewöhnliche, historische, en miniature. Eben anders. Und sie begannen, Episoden (bereits über hundert) darüber zu veröffentlichen, wie Stühle um Macht kämpfen, wie sie lieben und verraten, leben und sterben. Sehr dramatisch und sehr lustig. Und vor allem sehr mutig. Sie beschlossen, eine Sitcom über Stühle zu drehen und taten dies auch. Ich bin sicher, diese Art von intellektuellem, verrücktem Humor passt perfekt zu Bibliothekar*innen.

PS: Vielen Dank dem Projekt Emerging International Voices für die Gelegenheit, verschiedene Stimmen aus der ganzen Welt zu hören. Es ist wirklich inspirierend.

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