Schnelleinstieg:

Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Bibliotheksbenutzer*innen
Der Verlust von „Verstand und Gefühl“ im Zeitalter von Covid-19 und digitale Bibliotheken

Dieser Artikel präsentiert meine persönlichen Überlegungen zu Themen, die sich aus der jüngsten Reihe von Webinaren unter der Schirmherrschaft des Programms „Emerging International Voices“ ergaben. Er konzentriert sich auf Fragen der psychischen Gesundheit und des Wohlbefindens von Bibliotheksbesucher*innen und -mitarbeiter*innen im Zeitalter von Covid-19 und dem wachsenden Aufkommen digitaler Bibliotheken.

Von Naomi L.A Smith

Die Sorge um unsere psychische Gesundheit ist immer wichtig. Doch gerade jetzt, in den Wintermonaten mit weitverbreiteter saisonaler Depression und in der Zeit des Covid-19, in der viele den Verlust geliebter Menschen oder eines Arbeitsplatzes oder die aufgezwungene Isolation betrauern, ist es umso wichtiger, sie aufrechtzuerhalten.

The ‘Sensuality’ of traditional librariesNaomi L.A Smith
Der Verlust von „Verstand und Gefühl“  ist ein Begriff, der von Katrin Schuster im zweiten Webinar der „Emerging International Voices“ geprägt wurde. Er erklärt, wie Covid-19 zum Verlust der Sinne geführt hat, von den bekannten körperlichen Symptomen von Covid-19 bis hin zum Mangel an zwischenmenschlicher Intimität und Verbindung, verursacht durch die Lockdowns und die Schließung von Räumen wie z.B. unseren Bibliotheken, die ein Gemeinschaftsgefühl fördern. Meines Erachtens ist dieser Verlust an „Verstand und Gefühl“ ein wichtiger Grund dafür, dass wir bei der Aufrechterhaltung des emotionalen Wohlbefindens von Bibliotheksbenutzer*innen online weniger erfolgreich sind als mit unserer räumlichen und präsenten Unterstützung von Benutzer*innen vor Covid-19.
 
Gut veranschaulicht wird die „Sinnlichkeit“ traditioneller Bibliotheken durch dieses Bild, das von Marie Østergaard im dritten Webinar der „Emerging International Voices“ verwendet wurde:

Wir sind bei der Aufrechterhaltung des emotionalen Wohlbefindens von Bibliotheksbenutzer*innen online weniger erfolgreich als mit unserer räumlichen und präsenten Unterstützung von Benutzer*innen vor Covid-19.

Hier sieht man, wie „Verstand und Gefühl“ dieser dänischen Bibliothek in den verschiedenen Bibliotheksräumen erlebt worden wären. In verschiedenen Räumen gab es unterschiedliche Aktivitäten, die zu entsprechend unterschiedlichen Atmosphären geführt hätten. Man wäre in diesen Räumlichkeiten verschiedenen Bibliotheksbesucher*innen begegnet, mit denen man unterschiedliche Kontakte herstellen und Erfahrungen hätte machen können.
 
Heterogenität kann natürlich online nachgebildet werden.  Viele Bibliotheken konnten die Vorteile der großen digitalen Plattformen wie Facebook, Instagram, Twitter social, Microsoft Teams und Zoom nutzen, um den Nutzer*innen verschiedene virtuelle Aktivitäten anzubieten, darunter Online-Strickgruppen, virtuelle Buchlesungen sowie Aktivitäten und Spiele für Kinder. Auch Aktivitäten, die sich auf die Unterstützung der psychischen Gesundheit konzentrieren, wurden online geschaffen, wie zum Beispiel „Brieffreund*innen“ für einsame Menschen. Dies wirft jedoch die Frage auf, ob Online-Aktivitäten die gleiche Bedeutung und Wirkung haben wie ihre materiellen Alternativen. Zwar ist die Antwort subjektiv, doch gibt es Belege dafür, dass der Verlust an Verstand und Gefühl ihre Bedeutung verringert.
 
Studien zeigen beispielsweise, dass Eltern und Kinder beim gemeinsamen Lesen von elektronischen Büchern weniger interagieren als bei gedruckten Büchern. Sie stellen fest, dass die Interaktionen seltener sind und, interessanterweise, von geringerer Qualität. Die Eltern diskutierten eher über Technologie als über die eigentliche Geschichte. Ich kann diese „Schwerpunktverlagerung“ nachvollziehen, da ich an vielen Zoom- und Microsoft-Teamtreffen teilgenommen habe, bei denen wir am Ende unverhältnismäßig viel Zeit der Behebung technologischer Probleme gewidmet haben, anstatt uns auf die Traktandenliste zu konzentrieren.      
 
Noch besorgniserregender ist allerdings die Tatsache, dass Untersuchungen zeigen, wie eine längere Bildschirmzeit bei jungen Menschen Ängste und Depressionen verstärken kann. Obwohl ich noch nicht Mutter bin, weiß ich, dass viele Eltern versuchen, die Bildschirmzeit ihrer Kinder zu verkürzen; sie möchten sie lieber an Aktivitäten beteiligen, die die „Sinne“ stärker engagieren. Es kann das Lesen von „richtigen“ Büchern sein, bei denen sie das Papier und/oder die verschiedenen Materialien, die gewöhnlich in Kinderbüchern enthalten sind, berühren und ertasten können, oder die Beschäftigung mit Spielen und Spielzeug, oder Zeit im Freien mit anderen Kindern.
 
Auch Erwachsene werden wohl eher durch körperliche Begegnungen bereichert, bei denen Verstand und Gefühl eine Rolle spielen. Obwohl die berühmte Studie von Albert Mehrabian und Kolleg*innen aus dem Jahr 1967, die feststellte, dass nur 7 Prozent unserer Kommunikation verbal und 93 Prozent nonverbal ist, von manchen diskreditiert wurde, ziehe ich persönlich Interaktionen von Angesicht zu Angesicht vor, bei der ich Körpersprache und Gesichtsausdrücke leichter wahrnehmen kann. Manchmal finde ich es unbefriedigend, mich in Online-Foren zu engagieren. Auch gibt es so viele Online-Benachrichtigungen und neue Informationen, die versuchen, um unsere Aufmerksamkeit zu wetteifern. Dies ist einer der Gründe, weshalb manche Menschen große soziale Netzwerkplattformen für die Kommunikation mit anderen nur ungern nutzen. Weitere Faktoren sind unser wachsendes Bewusstsein für die Voreingenommenheit von Algorithmen, mangelnde Datenethik, der problematische Monopolismus, die Verbreitung von Fehlinformationen und der digitale Rassismus, der diesen Plattformen innewohnt. Dieser Verlust an Freude wiederum ist der Grund, warum ich mich frage, ob heute für das emotionale Wohlbefinden der Bibliotheksbenutzer*innen so erfolgreich gesorgt werden kann wie vor Covid-19, besonders, wenn sich so viele Bibliotheken angesichts ihrer Reichweite stark auf diese großen „seelenlosen“ Plattformen stützen.

 
Im ersten Webinar des Programms „Emerging International Voices“ erläuterte Kate Moffat, dass einige Bibliotheken das Potenzial haben, unabhängige, anspruchsvolle, nutzer*innenzentrierte digitale Plattformen für Nutzer*innen zu entwerfen, die sich auch erfolgreich mit letzteren auseinandersetzen. In einem früheren Artikel habe ich jedoch darauf hingewiesen, weshalb Datenbereitstellung nicht etwas ist, das von jeder Bibliothek ohne weiteres umgesetzt werden kann. Als ich den Ausführungen einiger meiner Kolleg*innen in den „Emerging International Voices“ und Partha Pratim Das zuhörte, wurde mir außerdem bewusst, dass Bibliotheken in nicht-westlichen Ländern beim Übergang ihrer Dienstleistungen von der räumlichen zur digitalen Bereitstellung wahrscheinlich mit finanziellen und anderen Sachzwängen konfrontiert sein werden. Möglicherweise werden sie sich auch auf bestehende Technologien wie soziale Netzwerke stützen müssen, um ihre Nutzer*innen zu erreichen.
 
Dies bringt mich dazu, das Thema der digitalen Kluft hervorzuheben. Obwohl es, wie mein letzter Punkt, über Verstand und Gefühl hinausgeht, ist es ein weiterer Beweis dafür, dass die emotionalen Bedürfnisse unserer Kundschaft heute nicht wie vor Covid-19 erfüllt werden und nicht erfüllt werden können. Nicht alle Nutzer*innen haben Zugang zu den Fernaktivitäten, die Bibliotheken anbieten. Studien in Amerika zeigen, wie Alter, Klasse und ethnische Zugehörigkeit viele daran hindern, auf einen Großteil der Technologie zuzugreifen, die für manche von uns selbstverständlich ist. Obwohl es hier in Großbritannien schon lange vor Covid-19 digitale Ungleichheiten zwischen britischen Bevölkerungsgruppen gab, macht diese Pandemie das Problem der digitalen Ausgrenzung für die Ärmsten und Schwächsten des Vereinigten Königreichs zu einer Katastrophe in Sachen verlorene Bildung und Chancen. 
 

Wie können wir das emotionale Wohlbefinden unserer Nutzer*innen wirksam unterstützen, wenn wir selbst vor der gleichen Herausforderung stehen?

Diese Abkoppelung verschlimmert psychische Gesundheitsprobleme, indem sie Gefühle der Isolation, Einsamkeit und des Verlusts von Verstand und Gefühl nährt. Obwohl auch in diesem Fall einige Bibliotheken Telefondienste anbieten konnten, um diese „fehlenden Gruppen“ zu erreichen, oder sogar kostenlose Hotspots und Laptops (mein Arbeitsplatz tat Letzteres), ist dies kein umfassendes System. Dies zu ermöglichen hängt einmal mehr von der finanziellen Kapazität der jeweiligen Bibliothek ab.
 
Schließlich müssen wir eingestehen, dass der Verlust von Verstand und Gefühl auch das Bibliothekspersonal getroffen hat. Als Bibliotheksassistentin an der University of East London war ich bei der Fernarbeit mit meinen eigenen Herausforderungen konfrontiert. Ich kann einen Tweet von Dr. Kawanna Bright nachempfinden, in dem sie ihre Student*innen inständig bat zu verstehen, dass auch ihre Fähigkeit, sich zu konzentrieren und ausgewogenes und konstruktives Feedback zu geben, derzeit stark eingeschränkt ist. Dies kann auf beliebige Bibliotheksmitarbeiter*innen zutreffen, die vielleicht vom Management gebeten werden, digitale Inhalte zu schaffen und bereitzustellen, um ihre Nutzer*innen zu engagieren. Wie können wir das emotionale Wohlbefinden unserer Nutzer*innen wirksam unterstützen, wenn wir selbst vor der gleichen Herausforderung stehen?
 
Auch wenn einige Leser den Ton dieses Artikels düster finden mögen, halte ich es für wichtig, dass wir die psychische Gesundheit sowohl unserer Nutzer*innen als auch unserer Kolleg*innen berücksichtigen, insbesondere dann, wenn sich Covid-19 als ein langfristiges Problem erweisen sollte. Obwohl Social-Media-Plattformen zweifellos nützliche Dienste und Möglichkeiten für neue und aufregende Entwicklungen für Bibliotheken bieten, die in schwierigen Zeiten ihr Bestes versuchen, müssen wir ihre Wirksamkeit bei der Förderung unserer fürsorglichen Rolle in unseren Gemeinden analysieren. Viele von uns in der Bibliotheksbranche finden die fürsorgliche Unterstützung, die wir unserer Kundschaft bieten, den lohnendsten Aspekt unserer Arbeit.

Top