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Offenheit, Zugänglichkeit, Gemeinschaft
Aus Liebe zu den Bibliotheken

Während ich diesen Schlussbericht schreibe, mein 7 Wochen altes Baby auf dem Bauch balanciere und versuche, mich daran zu erinnern, wie man blind tippt, bringe ich es nicht fertig, über die „Emerging International Voices“ (EIV)-Seminare vom Oktober nachzudenken, ohne meinen Sohn im Kopf zu haben.  

Von Rachael Culley

In der Tat gelingt es mir nicht, über die Zukunft der Bibliotheken nachzudenken, ohne mir zu überlegen, wie sie – digital und räumlich – zu seinen Lebzeiten aussehen werden. Bibliotheken waren ein integraler Bestandteil meiner eigenen Kindheit, und da ich in den letzten fünf Jahren in der British Library gearbeitet habe, sind sie auch ein wichtiger Teil meiner Karriere geworden. Die Teilnahme am EIV-Programm 2020, das mit der Ankunft unseres Kleinen zusammenfiel, hat mich daran erinnert, wie wichtig die Zukunft der Bibliotheken nicht nur für meine Arbeit, sondern auch in meinem Privatleben ist.

Ein Juwel: der Turm der King‘s Library in der British Library Foto von Paul Grundy Eine Schönheit: King’s Library tower in der British Library (photo by Paul Grundy)

Mein Dank gilt dem Goethe-Institut und der IFLA für ihre Einladung zur Teilnahme an dieser aufschlussreichen und spannenden Gelegenheit sowie den Expert*innen, die die drei Seminare geleitet und meinen Mitstreiter*innen, die unsere Gespräche so interaktiv und anregend gestaltet haben. In Anbetracht der etwas einzigartigen Umstände, in denen ich mich zu Beginn der EIV-Sitzungen befand, werde ich über meine wichtigsten Erkenntnisse aus den Seminaren und Diskussionen über die Zukunft der Bibliotheken nachdenken sowie über die Richtung, in die sie sich zu Lebzeiten meines Sohnes entwickeln könnten.

Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie auf Bibliotheken

Wenn wir auf die Diskussionen der EIV zurückblicken, war es erfrischend, die Errungenschaften der Bibliotheken auf der ganzen Welt zu feiern: Seit Inkrafttreten der Lockdowns wurden sie in eine völlig neue Arbeitsweise geworfen. Bibliotheken sind seit langem führend im allem Digitalen, wie Gerald Leitner (IFLA-Generalsekretär) es ausdrückte: „Bibliotheken waren das Internet vor dem Internet“. Aber da sich viele von uns in diesem Jahr in einem Szenario mit „vielen Störungen und wenig Planung“ wiederfanden, sollten wir uns vor Augen führen, was als Reaktion auf COVID-19 und den Lockdown erreicht wurde. Spannende Kampagnen in den sozialen Netzwerken, Online-Kurse, digital durchgeführte Veranstaltungen, die digitale Bereitstellung von Objekten zur Konsultation und sogar das Sammeln von Daten rund um die Pandemie, damit Bibliotheken für künftige Generationen eine Aufzeichnung haben, haben es den Bibliotheken ermöglicht, während einer schwierigen und uns auf die Probe stellenden Zeit relevant und „offen“ zu bleiben und ein echtes Gefühl von Komfort und Online-Gemeinschaft zu erhalten.  

Das Potenzial der Digitalisierung nutzen, um neue Zielgruppen zu erreichen

In vielen Fällen waren die vergangenen acht Monate eine Zeit, in der „alles stillstand“, aber die EIV-Seminare haben mich daran erinnert, wie viel im Bibliothekssektor geschaffen und weiterentwickelt wurde. Die Bibliotheken haben die Gelegenheit genutzt, um neue Zielgruppen anzusprechen und so den fortwährenden und sich ständig wandelnden Wert von Bibliotheken in jedem Klima bekräftigt. Katie Moffat, die Leiterin des Bereichs Digital bei der Audience Agency, betonte, wie wichtig es ist, die Nutzer*innen in den Mittelpunkt des digitalen Designs zu stellen – ein Wert, den die British Library mit ihrer Living-Knowledge-Strategie teilt. In Zeiten der Krise geschieht es bei der Arbeit leicht, dass man sich auf das, was man liefern möchte, konzentriert anstatt auf das, was das Publikum sehen will. Wir sollten unsere Annahmen über unsere Nutzer*innen immer wieder hinterfragen, um sicherzustellen, dass wir ihnen ständig das bieten, was sie auch wirklich wollen.

Digital vs. materiell: Gefährten statt Feinde

Die EIV-Diskussionen haben nützlicherweise daran erinnert, dass das Digitale und das Materielle in Bibliotheken nicht dasselbe tun können; sie sollten sich ergänzen, nicht ersetzen. Das Digitale kann den bereits vorhandenen Wert von Bibliotheken steigern, indem es Erfahrungen und Dienstleistungen generiert, die sonst nicht angeboten werden könnten, und ein spannendes Angebot schafft, das über „traditionelle“ Bibliotheksdienste hinausgeht. Luke Swarthout, der Leiter der Digital Policy an der New York Public Library (NYPL), ermutigt Bibliotheken, die digitalen Möglichkeiten zu nutzen, um „die Regeln neu zu formulieren“. So können die Bibliotheken weiterhin zentrale demokratische Institutionen bleiben, die die Gemeinschaften fördern und unterstützen.

Bibliotheken als Erlebnis für die Sinne

Ist es möglich, die einzigartige und ganz besondere soziale Serendipität der räumlichen Bibliothek in die digitale Welt zu übertragen?  Katrin Schuster von der Münchner Stadtbibliothek erinnerte mich an das materielle, sinnliche Angebot von Bibliotheken. Sie sprach über den Verstand und das Gefühl von Bibliotheken – etwas, das man leicht vergisst, wenn man von zu Hause aus arbeitet, oder das man als selbstverständlich ansieht, wenn man das Glück hat, jeden Tag in einer Bibliothek tätig zu sein. Der Geruch einer Bibliothek, das Blättern in den Beständen, der Anblick der Bücherreihen – die Erfahrung einer Bibliothek berührt die Sinne und ist mit keiner anderen vergleichbar.

Zusammenarbeit ist entscheidend

Jedes EIV-Seminar bekräftigte die Erkenntnis, dass niemand ein Monopol auf gute Ideen hat und die einzige Möglichkeit für Bibliotheken, im Wandel der Zeit kulturell relevant zu bleiben, darin besteht, dass die Institutionen weiterhin miteinander und mit ihren Nutzer*innen reden, voneinander lernen und ihre Angebote gegenseitig verbessern. Marie Østergaard, Projektmanagerin bei den öffentlichen Bibliotheken in Aarhus, Dänemark, bekräftigte, wie Kommunikation und Interaktion von Bibliotheksräumlichkeiten in einen virtuellen Raum übertragen werden können. Bibliotheken sind keine Inseln – sie sind gemeinsame Räume für Gemeinden und Partner*innen, die offen sein und so genutzt werden sollten, wie es jede Nutzer*innengruppe wünscht. Um das Überleben und Gedeihen von Bibliotheken sowohl materiell als auch virtuell zu sichern, sollten wir künftig die Kraft nicht unterschätzen, die entstehen kann, wenn wir alle unsere Kräfte bündeln. Wir sind niemals Konkurrent*innen, wir sind alle mit unseren Gemeinschaften verbunden und können diesen besser dienen, wenn wir zusammenarbeiten.

Die Werte und Überzeugungen von Bibliotheken, nämlich Offenheit, Zugänglichkeit und Gemeinschaft, sind untrennbar mit ihrer Existenz und ihrem Überleben verbunden. Sie bestimmen, wer wir sind und was wir tun, und wir sollten sie nie aus den Augen verlieren.

Die Werte und Überzeugungen von Bibliotheken, nämlich Offenheit, Zugänglichkeit und Gemeinschaft, sind untrennbar mit ihrer Existenz und ihrem Überleben verbunden. Sie bestimmen, wer wir sind und was wir tun, und wir sollten sie nie aus den Augen verlieren, egal, was in der Welt passiert und welche Anforderungen die digitale Landschaft an uns stellt. Ich denke, dies unterscheidet den Bibliothekssektor von jedem anderen auf der Welt.

Während die Bibliotheken im Moment vielleicht geschlossen sind, werden wir uns durch die Mini-Bibliothek meines Sohnes arbeiten. Mit Hilfe einer Sammlung von Büchern aus meiner Kindheit und der meines Mannes werden wir in den kommenden Jahren bestimmt einen kleinen Bücherwurm haben, der seine ganz eigene Liebe zu Bibliotheken entwickeln wird.
Die erste Bibliothek unseres Babys: Die bisherige Sammlung von Baby Jude Babys erste Bibliothek: Baby Judes bisherige Sammlung
 

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