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Stärke durch Zusammenarbeit
Gemeinsame Anstrengungen der Bibliotheken in Bolivien im Kampf gegen die COVID-19-Pandemie

Von Ramiro Rico

Im Laufe der Geschichte waren Bibliotheken mit zahlreichen Problemen konfrontiert. Seit den Anfängen der Menschheit hatte die Felskunst an den Orten, an denen vor 44.000 Jahren die ersten Schreibversuche unternommen wurden, ihre eigenen Herausforderungen in Form von Problemen wie etwa der Konservierung (Darvill & Batarda Fernandes, 2014). Auch andere historische Ereignisse bereiteten den Bibliotheken Schwierigkeiten, etwa der Brand der Bibliothek von Alexandria (Thiem, 1979), die Pest  (Hayes, 2019) oder die Zensur – die Liste ist zu lang für diesen Aufsatz. Heute stehen wir alten Problemen in neuen Formen gegenüber, nicht nur COVID-19, sondern auch Fehlinformationen und sogar eine „Infodemie“ (Zarocostas, 2020).

Bibliotheken in Bolivien vor und nach COVID-19

In den vergangenen Jahren hat der Analphabetismus in Bolivien, einem Land im Herzen Südamerikas, langsam abgenommen (Velásquez Loaiza, 2018), aber der funktionale Analphabetismus besteht trotz der Bemühungen der Regierung und anderer um seine Beseitigung fort (Página 7, 2017). Das bedeutet, dass nur 3% der Bevölkerung Bücher lesen, während die verbleibenden 97% dies gewöhnlich nicht tun, selbst wenn sie es „könnten“. Vielleicht liegt es daran, dass der Kampf gegen den Analphabetismus eher mit Vorträgen geführt wird als auf der Freude am Lesen beruht und die Bemühungen nicht in Bibliotheken, sondern in Schulen stattfinden.
 
Um Bolivien zu verstehen, muss man auch die Wirtschaft des Landes berücksichtigen. Trotz eines „Wirtschaftsbooms“ in den letzten Jahren ist seine Wirtschaft aufgrund der anhaltenden Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und extremer Schwierigkeiten innerhalb des Privatsektors 
(Weltbank, 2020) sowie beträchtlicher Ungleichheitsraten (Lykke E., 2020). nicht nachhaltig. Dies führt dazu, dass die Menschen ihre Anstrengungen nicht auf Bildung, sondern auf die Arbeit konzentrieren, um ihre Grundbedürfnisse wie etwa Nahrung zu decken.
 
Die Bibliotheken haben versucht, alle UN-Ziele für eine nachhaltige Entwicklung (SDGs) zu verfolgen, aber entsprechend den Daten des Colegio de Profesionales en Ciencias de la Información (CPCIB) konzentrieren sie sich auf die wichtigste Herausforderung: die Bildung. Dies ist angesichts der niedrigen funktionalen Alphabetisierungsrate im Land verständlich. Die Bibliotheken arbeiten auch in allen Bereichen der SDGs, doch mit geringerer Intensität.
SDGs, die von Bibliotheken in Bolivien verfolgt werden SDGs, die seitens Bibliotheken in Bolivien angegangen werden

Bolivien befand sich schon immer in einem Zustand des sozialen Konfliktes. Nur wenige Monate vor der Ankunft von COVID-19 in unserem Land erlebten wir die Unterdrückung indigener Demonstrant*innen  (Saavedra, 2014), Wahlbetrug (Kurmanaev, 2019) und einen konstanten Zustand politischer Spaltung und Spannung.
 
Im Jahr 2019 führten die Mitglieder des CPCIB einen Kurs mit Themen ein, die bis dahin von den Bibliothekar*innen des Landes kaum beachtet worden waren: freier Zugang und digitale Bibliotheken. Auch die Asociación Boliviana de Bibliotecarios bemühte sich, Bibliothekar*innen zu unterstützen, doch dies geschah erst Monate später.
 
Die Bemühungen der CPCIB brachten nicht nur einen Kurs zustande, sondern führten auch zu einem Netz der Zusammenarbeit. Viele Bibliothekar*innen setzten sich zum ersten Mal mit Online-Diensten oder Fernarbeit auseinander. Diejenigen, die bis dahin technikresistent gewesen waren, stellten sich der Herausforderung und nutzten alle Werkzeuge, vor denen sie sich gefürchtet hatten. Das Virus zwang die Bibliothekar*innen, sich neues Wissen anzueignen, um sich der digitalen Welt stellen zu können; dies führte zu einer „erzwungenen Zusammenarbeit“ und einer „erzwungenen Aktualisierung“.

Digitale Bibliotheken und Zusammenarbeit

Die digitale Welt hat die Art und Weise verändert, wie Menschen Informationen suchen und finden. Es mag scheinen, als wären Bibliotheken in diesem neuen Paradigma in Gefahr. „Eine digitale Bibliothek ist ein innovativer Bibliotheksdienst, der sich der Informationstechnologie bedient, und fast jede größere Entwicklungsphase einer digitalen Bibliothek geht mit großen technologischen Veränderungen einher“  (Li et al., 2019). Diese Definition kann verbessert werden, wenn wir die Arbeit von Carević berücksichtigen, die soziales und menschliches Verhalten als Zentrum der digitalen Bibliothek einführt und damit verknüpft (Carević, 2020). 
 
Eine digitale Bibliothek kann also als eine innovative Bibliothek definiert werden, die Informationstechnologie einsetzt, welche auf dem Verhalten der Bibliotheksbesucher*innen basiert. Diese Definition deckt sich mit denjenigen, die in den Webinaren und Meisterklassen des Programms „Emerging International Voices“ verwendet wurden

Die digitale Bibliothek scheint die beste Antwort auf die Lockdown-Maßnahmen und die soziale Distanzierung zu sein. In einem Land wie Bolivien aber, in dem das Internet eines der langsamsten und teuersten der Welt ist (...), wird die digitale Ungleichheit zu einem ernsthaften Hindernis.

Die digitale Bibliothek scheint die beste Antwort auf die Lockdown-Maßnahmen und die soziale Distanzierung zu sein. In einem Land wie Bolivien aber, in dem das Internet eines der langsamsten und teuersten der Welt ist  (CCB, 2019), und in dem nicht die gesamte Bevölkerung Zugang dazu hat oder ein Gerät besitzt, mit dem sie sich damit verbinden kann, wird die digitale Ungleichheit zu einem ernsthaften Hindernis. Sie könnte die Probleme des Analphabetismus und der schlechten Bildung noch verschlimmern.
 
In diesem Szenario werden digitale Bibliotheken zu einer Lösung für einen Teil der Bevölkerung, vergrößern jedoch die Ungleichheiten gegenüber den schwächeren Gruppen. Also finden wir bereits weitere Herausforderungen trotz der Bemühungen der Bibliothekar*innen, sich diesen neuen Herausforderungen zu stellen. 

Was lässt sich also tun?
 

Im Kampf gegen die Ungleichheit sind Bibliotheken Schlüsselinstitutionen. Bibliothekar*innen helfen allen möglichen Menschen quer durch das soziale Spektrum. Die Schaffung eines Bibliotheksdienstes, der sich auf die Kundschaft konzentriert, muss gesamtheitlich sein und die Bedürfnisse aller Kund*innen berücksichtigen.
 
Die Bibliotheken haben die Pflicht, diese Probleme zu bekämpfen. Wo es ihrer Kundschaft an Technologie mangelt, müssen sie sich überlegen, wie sie Dienstleistungen anbieten können, um eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen.
 
Um Zugang zur digitalen Welt zu haben, waren unterprivilegierte Menschen in Bolivien früher auf Bibliotheken oder Internetcafés angewiesen, aber mit dem Lockdown wurde diese Gruppe zurückgelassen. Dem Beispiel der Universidad Autónoma de México UNAM (UNAM, 2020) folgend, besteht die Möglichkeit der Ausleihe von Computern oder Geräten.
 
Bibliotheken waren ein Ort, in dem die Gemeinschaft zusammenfinden und Bibliothekar*innen die Bildung fördern konnten, aber die soziale Distanzierung hat es schwierig gemacht, dieses Ziel zu erreichen. Soziale Netzwerke sind eine Möglichkeit, dieser Schwierigkeit zu begegnen, indem sie Online-Leseclubs bilden und Bildungsmöglichkeiten für die Kundschaft bieten.
 
Schließlich war es in einem Land mit einer sich entwickelnden Wirtschaft, in dem bereits vor der COVID-19-Krise eine politische, wirtschaftliche und soziale Krise herrschte, schwierig, E-Books zu kaufen oder ein Unternehmen wie Elsevier zu beauftragen, wissenschaftliche/akademische Informationen an Wissenschaftler*innen auszuleihen. Doch trotz dieser Hindernisse fanden die Bibliothekar*innen mittels freiem Zugang und Zusammenarbeit einen Weg, um für ihre Kund*innen eine bessere Welt zu schaffen.

 

Bibliography

 
Carević, Ž. (2020). Contextualised Stratagem Browsing in Digital Libraries [DuEPublico: Duisburg-Essen Publications online, University of Duisburg-Essen, Germany]. 

CCB. (2019, mayo 21). Gobierno asegura que Bolivia ya no tiene el internet más caro y más lento a comparación de otros países

Darvill, T., & Batarda Fernandes, A. (2014). Open-air rock-art preservation and conservation: A current state of affairs (pp. 1-16).

Hayes, J. (s. f.). When the Public Feared That Library Books Could Spread Deadly Diseases. Smithsonian Magazine. Recuperado 14 de noviembre de 2020, de 

Kurmanaev, A. (2019, diciembre 5). “Election Fraud Aided Evo Morales, International Panel Concludes”. The New York Times

Li, S., Jiao, F., Zhang, Y., & Xu, X. (2019). Problems and Changes in Digital Libraries in the Age of Big Data From the Perspective of User Services. The Journal of Academic Librarianship, 45(1), 22-30. 

Lykke E., A. (2020, marzo 20). Measuring Inequality at the Sub-National Level in Bolivia. SDSN Bolivia

Página 7. (2017, abril 9). Tres de cada 100 bolivianos lee dos libros anualmente. Página 7. 

Saavedra, J. L. (2014, agosto 15). MASACRE CHAPARINA [Text]. Erbol Digital Archivo. 

Thiem, J. (1979). The Great Library of Alexandria Burnt: Towards the History of a Symbol. Journal of the History of Ideas, 40(4), 507.

UNAM. (2020, octubre 29). A disposición de universitarios el centro más grande de la UNAM para préstamo de computadoras e internet. Gaceta UNAM. 

Velásquez Loaiza, M. (2018, enero 25). Con una tasa de analfabetismo de 2,7%, ¿es Bolivia un ejemplo en educación para América Latina? | CNN. 

World Bank. (2020, octubre 1). Bolivia: Panorama general [Text/HTML]. World Bank. 

Zarocostas, J. (2020). How to fight an infodemic. The Lancet, 395(10225), 676. 

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