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Die Bibliothek, ein geschützter Raum?

Von Catharina Boss, Stadtbibliothek Bremen (Deutschland)

Bibliotheken und Bibliothekar*innen schaffen Innovation und Inklusion, sie erhalten, inspirieren und ermöglichen – das war das Motto des diesjährigen virtuellen World Library and Information Congress, veranstaltet von der IFLA. Viele von uns teilen diese Vision: Bibliotheken als offene, inklusive und nachhaltige Orte des Wissens und der Kreativität, an denen Menschen – unabhängig von Alter, Geschlecht, Hautfarbe, Nationalität, Ethnizität oder Religion – die Chance haben, zu informierten und gebildeten Bürger*innen zu werden, und zusammenkommen können, um eine Gemeinschaft zu schaffen und zu teilen. Ich jedenfalls liebe diese Vorstellung von der Bibliothek. Und für mich – eine durchschnittliche weiße Cis-Frau Mitte Dreißig, geboren und aufgewachsen in einer demokratischen und wohlhabenden Industrienation im Herzen Europas – war die Bibliothek immer genau dieser Ort: ein geschützter Raum, wo ich hingehen konnte, um Informationen oder ein gutes Buch zu finden oder ein paar freie Stunden zu verbringen. Ich bin in meinem Leben kaum je marginalisiert worden. Naja, mal abgesehen von den üblichen Nachteilen des Weiblichseins in einer nach wie vor patriarchalisch angehauchten Gesellschaft oder der gelegentlichen Erfahrung von Deutschfeindlichkeit aufgrund meiner Herkunft. Der WLIC 2021 ließ mir jedoch bewusst werden, wie sehr unser Erfolg als Bibliothekar*innen davon abhängt, unsere Institutionen zu geschützten Räumen für alle zu machen, insbesondere für marginalisierte und damit benachteiligte Benutzergruppen – und bis zu welchem Grad das tatsächlich häufig außerhalb unserer Kontrolle liegt.

Eine Session, die meine besondere Aufmerksamkeit erregte, wurde von der LGBTQ+ Users Special Interest Group veranstaltet. Rachel Wexelbaum von der St. Cloud State University (USA) hielt einen eindringlichen Vortrag, der die Herausforderungen bei der Betreuung dieser speziellen, häufig unsichtbaren Benutzergruppe hervorhob. Um nur einige wenige Punkte aufzugreifen: Enthalten Ihre Sammlungen eine nachhaltige Auswahl an Medien für queere Menschen? Arbeiten Sie mit Organisationen vor Ort zusammen? Steht ein geschützter Raum für Programme zur Verfügung? Gibt es in Ihrer Bibliothek genderneutrale Toiletten? Bietet Ihre Organisation Diversitätsschulungen an? Gibt es Richtlinien, Verfahren und Strategien, die sich mit den Fragen Diversität, Inklusion und Gleichberechtigung beschäftigen? Wenn Ihre Antwort auf alle diese Fragen „Ja“ lautete, dann herzlichen Glückwünsch, Ihre Bibliothek ist sehr LGBTQ+-freundlich! Zum Glück (und mit Stolz) kann ich sagen, dass auch meine Bibliothek sich aktiv an der Umsetzung einer ganzen Reihe von Dienstleitungen und Programmen für unterschiedliche Benutzergruppen beteiligt: von Medienpräsentationen und Büchertischen über Lesegruppen, Sprachcafés, Führungen für Benutzer*innen mit unterschiedlichem Bildungsniveau oder Alter oder Sprache, Veranstaltungen, Kampagnen und so weiter. Unser Personal erhält Schulungen in der Betreuung bestimmter Benutzergruppen. Wir haben sogar zwei Vollzeitkolleg*innen, deren Hauptaufgabe darin besteht, Zielgruppen anzusprechen und einzubinden. Tun wir genug? Ich würde gerne das eine oder andere verbessern (wie etwa eine mehrsprachige Website, damit Nicht-Muttersprachler*innen sich leichter bei unseren Dienstleistungen umsehen können), aber insgesamt sind wir auf einem guten Weg. Das sollte nicht überraschen, denn meine Bibliothek liegt in einem der Länder, die Wexelbaum in Bezug auf die Bereitstellung von Dienstleistungen für Minderheiten wie die queere Community als „gut aufgestellt“ bewertete.

Aber was, wenn das rechtliche Umfeld deines Landes dich daran hindert, deine Bibliothek zu einem geschützten Raum zu machen? Bleiben wir beim Beispiel von LGBTQ+-Bibliotheksbenutzer*innen: Wie Wexelbaum hervorhob, sind Bibliotheken in englischsprachigen und (den meisten) westlichen Ländern in Bezug auf die Bereitstellung von Dienstleistungen für ihre queeren Communitys gut aufgestellt, während Institutionen in vielen anderen Ländern unter schwierigeren Bedingungen operieren müssen. Auch dieses Jahr veröffentlichte Spartacus, ein internationaler Reiseführer für Schwule und Lesben, den jährlichen Gay Travel Index 2021. Ich war bei der Durchsicht der Ergebnisse schockiert, wie viele Länder schlecht abschneiden. Wenn eine Regierung Gesetze gegen Homosexualität erlässt und queere Bürger*innen von Verfolgung oder sogar von der Todesstrafe bedroht sind, in welchem Maße kann ihre Bibliothek dann ihren Informationsbedarf erfüllen oder sogar zu einem geschützten Raum werden? Gibt es da überhaupt Spielraum? In den meisten Fällen vermutlich ja, hoffentlich ja. Aber wenn es beinahe unmöglich ist, einen benachteiligten Nutzerkreis zu betreuen, weil sowohl Bibliotheksbenutzer*innen als auch Personal ernsthafte Nachteile riskieren würden – was dann?

Diese Erkenntnis löste bei mir Ratlosigkeit aus. Artikel 2 des IFLA Ethik-Kodexes appelliert an alle Bibliothekar*innen und Mitarbeiter*innen von Informationsdiensten, sicherzustellen, „dass niemandem das Recht des Zugangs zu Information verwehrt wird und gleiche Dienste für alle angeboten werden – ungeachtet des Alters, der Staatsangehörigkeit, der politischen Überzeugung, körperlicher oder geistiger Fähigkeiten, der Genderidentität, des kulturellen Hintergrundes, der Bildung, des Einkommens, des Zuwanderer- oder Asylbewerberstatus, des Familienstandes, der Herkunft, der Zugehörigkeit zu einer bestimmten ethnischen Gruppe, der Religionszugehörigkeit oder der sexuellen Orientierung.“ Gleichzeitig ist sich „die IFLA [...] bewusst, dass diese Grundsätze zwar den Kern jedes Ethik-Kodexes bilden sollten, die Einzelheiten der jeweiligen Ethik-Kodizes jedoch in unterschiedlichen Gesellschaftsstrukturen, Communities of Practice oder virtuellen Gemeinschaften variieren können.“

Letzten Endes führt dies zu einem Dilemma für Bibliothekar*innen, die von restriktiven Gesetzen und Konventionen betroffen sind. Sie vollführen letzten Endes eine Gratwanderung – oder können sich überhaupt nicht bewegen. Gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen erfordert sehr viel Mühe. Ein Kampf, der nicht alleine von Bibliotheken ausgefochten werden kann. Aber um unser selbst und unserer Benutzer*innen willen müssen wir – in dem Maße, in dem das möglich ist (ohne ernsthafte Nachteile zu riskieren) – Flagge zeigen und den Kampf um gleiche Informationsrechte fortsetzen.

Auch wenn diese Frage bei mir gemischte Gefühle hinterließ, öffnete mir die Teilnahme am World Library and Information Congress definitiv die Augen. 2021 war das zweite Mal, dass ich vom Goethe-Institut die Chance bekam, diesen Kongress zu erleben, und genau wie beim ersten Mal bereicherte es nicht nur meine Denkweise, Kolleg*innen zu treffen und ihren Gedanken, Ideen, Projekten und Herausforderungen zuzuhören, sondern bestätigte mir auch erneut, dass Bibliothekar*innen mit Leidenschaft bei der Sache sind, wenn es darum geht, ihre Institutionen zu besseren Orten zu machen – und hoffentlich irgendwann auch zu geschützten Räumen, egal, wo sie sich befinden.

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