Konzeptkunst „I love Tino Sehgal“

Tino Sehgal, 2012
Tino Sehgal, 2012 | © Sabine Weier

Choreograf bewegter Skulpturen und Meister des Ephemeren – dies sind nur zwei Etiketten für den Konzept-Künstler Tino Sehgal, der Kapital aus geistigem Mehrwert schöpft.

Ein Mann bewegt sich zu dem Song Will you still love me tomorrow. Minutenlang bleibt der Kamera-Fokus auf die herangezoomte Brustpartie mit dem Falten werfenden T-Shirt-Aufdruck „I ♥ Tino Sehgal“ unverändert.

Das gleichnamige Youtube-Video – 2008 hochgeladen von der schwedischen Initiative International Performance Exchange (Inpex) – macht ausgerechnet einen intellektuellen Konzeptkünstler zum Objekt der Begierde. Ist es eine ironische Anspielung auf die raffiniert einfachen künstlerischen Ausdrucksmittel Tino Sehgals oder ein Kommentar zum Kunstbetrieb, der den 1976 geborenen Deutsch-Briten als Everybody’s Darling zu feiern droht?

Synthese des Inkompatiblen

Dabei interessiert der Mainstream einen wie ihn, den experimentellen Bildhauer des Sozialen, nicht. Gedrängt von seiner Überzeugung, verfolgt Sehgal kompromisslos seine Ziele, ohne allerdings je die Rolle des Provokateurs oder des Enfant terrible anzunehmen. Er polarisiert nicht, sondern sucht die Synthese – zuweilen von eigentlich Inkompatiblem. Bezeichnend hierfür war seine Entscheidung, das unbefriedigende Volkswirtschaftsstudium unorthodoxer Weise um eine Ausbildung zum Tänzer zu ergänzen. Nicht etwa, um eines gegen das andere auszuspielen, sondern um fortan ökonomische Innovationen künstlerisch zu erforschen. Hierfür wählt Sehgal bewusst das Format der Ausstellung, denn er sieht darin das Ritual westlicher Demokratien schlechthin, das gewisse sozioökonomische Mechanismen spiegelt.

Wertschöpfung aus Immateriellem

Seine gleichermaßen kunst- wie wirtschaftstheoretische Leitfrage dabei lautet, ob Kunst ein irgendwie stoffliches Artefakt sein müsse, um Gegenstand von ökonomischer Wertschöpfung zu sein. Letztlich geht es Sehgal um eine ethische Position in einer Post-Wachstumsökonomie, wenn er im Bereich der Künste den Verzicht auf Dingfestes und Habhaftes radikalisiert.

Um zu erkunden, wie sich Immaterielles oder Flüchtiges dennoch – buchstäblich – auszahlen kann, implantiert Sehgal die darstellenden und musischen Künste sozusagen artfremd in das Setting der bildenden Kunst. Ebenso verfährt er mit konstruierten Gesprächssituationen, häufig über ökonomische oder geistesgeschichtliche Themen, in die – von ihm instruierte – Laien oder Fachleute die Ausstellungsbesucher involvieren.

Handlung als Werk

Auf der Biennale in Venedig beispielsweise bestand 2013 die „bewegende Konstellation oder sich bewegende Skulptur“ (Sehgal) darin, dass zwei oder drei Menschen auf dem Boden hockten oder knieten. Indem Sehgal in den Räumlichkeiten einer Kunst-Biennale den einen Interpreten singen, den anderen tanzen ließ, werden die ephemeren Künste, die sich nur im Moment ihrer Ausführung realisieren, in einen ihnen fremden Kontext gesetzt und folglich nach Kriterien der visuellen Künste beurteilt. Das Spiel mit Fremdkörpern – im Doppelsinn des Wortes – ist konstitutiv für Sehgals Arbeiten: Auch wenn er auf Tanz, Gesang, Gespräch, Aktion, Performance Bezug nimmt, besteht er darauf, dass seine Werke ins Museum gehören. Damit die gesamte Versuchsanordnung funktioniert, müssen die üblichen Parameter der bildenden Künste – White Cube, Öffnungszeit, Museumswärter, Sammelwert et cetera – eingehalten werden, denn mittels dieser Konventionen wird der Ausstellungsbesucher quasi konditioniert, die körperliche Aktion als Kunstwerk zu begreifen.

Das Ende gängiger Kategorien

Doch welche Rolle nimmt hier der Künstler, welche der Betrachter ein? Dem Wesen eines Spieles vergleichbar, mit seiner Dialektik zwischen offenem Handlungsfeld und festgelegten Regeln, instruiert Sehgal seine Interpreten. Er legt fest, in welchem Rahmen sie ihre Bewegungen entfalten dürfen. Der bildende Künstler wird zum Impulsgeber, der nur einen Handlungsrahmen konstruiert. Außer Kontrolle bleibt dabei die Reaktion und Interaktion der Betrachter, die im musealen Kontext plötzlich mit einer Handlung anstelle eines Objekts konfrontiert werden und – das ist wesentlich! – diese mitgestalten, ja allererst in Gang setzen. Die gängige Unterscheidung zwischen Autor, Werk und Rezipient greift nicht mehr.

Das situative Kunstwerk lässt sich nicht an die Wand hängen und auch nicht veräußern, es existiert überhaupt nur im Erleben – so die Kunsthistorikerin Dorothea von Hantelmann – und später in der Erinnerung des Ausstellungsbesuchers. Um auszuschließen, dass auf einer Sekundärebene doch ein stoffliches und damit immer verfügbares Zeugnis an die Stelle des eigentlich als Situation gedachten Kunstwerks tritt, besteht Sehgal darauf, dass die Verkaufstransaktion mündlich erfolgt. Er verfasst keinerlei schriftliche oder grafische Darlegungen und er autorisiert fotografische oder filmische Dokumentation seiner Arbeiten nicht.

Sehgal produziert zwar geistigen Mehrwert, aber keine Dinge, die sich als Spekulationsobjekte vereinnahmen lassen. Die Kunstwelt dankt es ihm. Er durfte seine Arbeiten bereits in den heiligen Hallen des New Yorker Guggenheim Museums, auf der Documenta und in der Tate Modern in London zeigen und galt den Juroren der Biennale von Venedig 2013 als Bester Künstler.

Will you still love me tomorrow? Man darf davon ausgehen.
 

Buchempfehlung

Von Hantelmann, Dorothea: „How to Do Things With Art. Zur Bedeutsamkeit der Performativität von Kunst“, Diaphanes, Zürich, Berlin 2007

Tino Sehgal bespielt vom 12. März bis zum 23. April 2014 das Foyer des Centro Cultural Banco do Brasil (CCBB) in Rio de Janeiro. Auf Einladung des Goethe-Instituts Rio entwickelt er für das Deutschlandjahr in Brasilien sein neues Stück mit fünfzig Akteuren während eines dreimonatigen Aufenthalts vor Ort.