inges idee 21 Jahre Einfälle

Seit über 20 Jahren arbeitet die Berliner Künstlergruppe „inges idee“ an Projekten im öffentlichen Raum. Mit spielerischem Charme entwerfen die Berliner Skulpturen, die grundsätzlich jeder verstehen soll.

Ghost / Unknown Mass, Towada Art Center, 2011, Towada, Japan; Ghost / Unknown Mass, Towada Art Center, 2011, Towada, Japan; | © inges idee Das Logo ist geradezu perfekt: ein kleines „i“ mit einem Trema, jenem horizontalen Doppelpunkt, der in der deutschen Sprache gar nicht vorkommt: ï – für inges idee. Entworfen hat es der Grafikdesigner Knut Bayer, und annähernd perfekt ist es, weil es Witz und Geist der vierköpfigen Berliner Künstlergruppe in einem beinahe figürlichen Zeichen so verdichtet, als wäre es ein Einfall der vier „Inges“ selbst gewesen.

Piercing, 2001, Rathaus Heidenheim; Piercing, 2001, Rathaus Heidenheim; | © inges idee Seit 1992 arbeiten Hans Hemmert, Axel Lieber, Thomas A. Schmidt und Georg Zey gemeinsam an Projekten, die zwischen den Polen „Kunst am Bau“ und „Kunst im öffentlichen Raum“ angesiedelt sind. Zuerst auf Berlin, später auf ganz Deutschland fokussiert und seit einigen Jahren auch international erfolgreich, realisiert inges idee meist bildhauerische Werke für öffentliche und private Auftraggeber.

So realisierten die Künstler etwa eine sich minütlich im Uhrzeigersinn drehende Straßenlaterne auf dem Bahnhofsvorplatz im schwedischen Linkøping, einen Fußballplatz im westfälischen Emsdetten, der durch einen mittig hindurchströmenden Fluss in zwei Hälften geteilt ist oder, jüngst im Rahmen der Emscherkunst 2013 bei Oberhausen, einen geschwungenen, freistehenden Strommast von 35 Metern Höhe (Zauberlehrling).

„Unsere Arbeiten sind keine abstrakten Skulpturen, und wenn, dann findet Abstraktion darin als erzählerisches Element statt“, sagt Axel Lieber.

Zwischen Gefälligkeit und Subversion

Es ist das Gegensatzpaar von Ordnung und Unordnung, das die Welt von inges idee umklammert. Und es ist eine geradezu kindlich-jungenhaft anmutende Neugier für unwahrscheinliche Antworten auf die jeweils neu zu entscheidende Frage, wie die Dinge aussehen, wenn man sie einfach zu groß oder zu klein werden lässt, dehnt, staucht, übertreibt und wieder ausbalanciert.

Im selben Boot / In internationalen Gewässern, Marinetechnikerschule Paro, 2002; Im selben Boot / In internationalen Gewässern, Marinetechnikerschule Paro, 2002; | © inges idee Der zum 20-jährigen Bestehen der Gruppe 2012 erschienene Übersichtskatalog Projekte 2006–2011 zeigte einmal mehr den speziellen, überbordenden Humor, der die Arbeiten von inges idee ausmacht.

Das Erfolgsprinzip besteht darin, dass inges idee in ihrer Kunst von alltäglichen Erfahrungen und Situationen ausgeht: „Wir arbeiten mit Sachen, die jeder kennt und stellen sie auf den Kopf. Unsere Arbeiten funktionieren rein visuell, sie sind für jeden ohne Vorkenntnis verstehbar“, erläutert Hans Hemmert – und erzählt von jenem von den Künstlern selbst verwendeten „Laienblick“ als Ausgangsmoment jeder Arbeit von inges idee.

Bei den Brainstormings in den verwinkelten Atelierräumen in Berlin-Wedding entstehen Projekte, die vordergründig kinderleicht wirken und hintergründig eine anarchische Haltung erkennen lassen.

Diese kann von Kindern sofort geschätzt und von Erwachsenen gleichzeitig als subtil abgründig begriffen werden, wobei die Künstler den Spagat zwischen Gefälligkeit und Subversion entsprechend der Ansprüche von Ort, Aufraggeber und Idee immer wieder neu aufführen.

Trojanische Pferde

Growing Gardener, Art Village Osaki Art Project, 2006, Tokio, Japan; Growing Gardener, Art Village Osaki Art Project, 2006, Tokio, Japan; | © inges idee Dabei setzt inges idee auf ein Prinzip, nach dem die Arbeiten in den örtlichen Zusammenhang eindringen und sich dort wie „Schmarotzer“ breitmachen: In den Vorgarten der Landeszentralbank in Potsdam setzten die Künstler 1999 die Skulpturen von 17 übergroßen Elstern – volkstümlich als diebische Tiere bekannt. Für die Wiese der Marinetechnikschule im vorpommerschen Parow entwarfen sie 2002 die Skulptur eines blauen Spielzeugschiffs, das die Größe eines realen Bootes angenommen hat – und das sie dabei gleichzeitig als „trojanisches Pferd“ beschreiben. Und auf die meerseitige Terrasse eines Kongresszentrums im kanadischen Vancouver platzierten die Künstler 2009 einen 18 Meter langen, massiven Wassertropfen.

Man kann bei solchen Arbeiten etwa an Claes Oldenburg und die Pop Art denken. Als Antwort auf die Frage, welche kulturelle Strömung inges idee am meisten prägte, verweist Axel Lieber aber auf den Punk. Die Körperlichkeit und Direktheit, die die Kunst der (West-Berliner) Achtzigerjahre prägte, sei ein entscheidender Einfluss für das künstlerische Verständnis der Vier gewesen, die sich im Umfeld der damaligen Hochschule der Künste und der mittlerweile wiedereröffneten Galerie Vincenz Sala kennenlernten.

Rotkäppchen und..., Universität Potsdam, 2010; Rotkäppchen und..., Universität Potsdam, 2010; | © inges idee

Globalisierungsgewinner

Als Garant dafür, dass es inges idee auch nach über 20 Jahren gemeinsamer Arbeit gelingt, ohne schwerwiegende Meinungsverschiedenheiten produktiv zu bleiben, hat sich laut Axel Lieber der Umstand herausgestellt, dass alle vier Mitglieder der Gruppe auch einzeln als Künstler professionell aktiv sind. Die ökonomische Situation tut ihr Übriges: Die Gruppe, die sich in den ersten Jahren noch um die meisten Aufträge bewerben musste, realisiert mittlerweile 95 Prozent ihrer Arbeiten aufgrund von Anfragen.

Drop, Vancouver Convention Center, 2009, Vancouver, Canada; Drop, Vancouver Convention Center, 2009, Vancouver, Canada; | © inges idee Dass inges idee für ihre Werke über die Jahre auch aus einem Ideenfundus von wiederkehrenden Motiven wie Tropfen, Schneemännern, hügeligen Sportfeldern, Tieren oder weit in die Höhe gedehnten menschlichen Figuren schöpft – letztere etwa stehen, in verschiedenen Varianten, in Berlin, Luxemburg, Singapur, Bremerhaven und Tokio –, macht die Gruppe zwar zu Globalisierungsgewinnern. Dies ist allerdings nur zu begrüßen, hinterlässt inges idee doch überall Werke im öffentlichen Raum, mit denen das Spiel überzeugend zu einem Grundprinzip für die Deutung dieser Welt erklärt wird.