Katja Strunz
Falten von Zeit und Raum

Mit ihren gefalteten Wand- und Raumobjekten wurde Katja Strunz schnell bekannt. Ihre Ausstellung in der Berlinischen Galerie zeigt nun, wie komplex ihre minimalistischen raumgreifenden Skulpturen sind.

Katja Strunz Katja Strunz | © Alexandre de Brabant „Durch die Eisenbahn wird der Raum getötet, und es bleibt uns nur noch die Zeit übrig.“

Das, was Heinrich Heine vor 170 Jahren nach seiner ersten Fahrt mit dem damals neuen Transportmittel notierte, führt die in Berlin lebende Künstlerin Katja Strunz an, wenn man auf den Titel ihrer Ausstellung in der Berlinischen Galerie zu sprechen kommt: Drehmoment (Viel Zeit, wenig Raum).

„Drehmoment“ ist ein technischer Begriff für die Antriebskraft von Maschinen. Laut Duden bezeichnet er das „Maß für das Bestreben eines Körpers, sich zu drehen“. Ein weiterer gedanklicher Rahmen also wird hier gesetzt.

Schlaffheit und Straffheit

Katja Strunz, Viel Raum, wenig Zeit, 2013; Katja Strunz, Viel Raum, wenig Zeit, 2013; | © Katja Strunz, Foto: Matthias Kolb Betritt man die 40 Meter lange und acht Meter breite Ausstellungshalle – ein klassisches Exemplar eines „White Cube“ – ist man erstaunt: Nur vier Arbeiten bekommt man zu sehen. Zwei monumentale Skulpturen ziehen die Aufmerksamkeit an, sodass die dritte, gleich hinter dem Eingang, beinahe übersehen werden könnte.

Dabei ist es gerade diejenige, die den zweiten Teil des Ausstellungstitels „gedreht“ wiederholt: Viel Raum, wenig Zeit. Zwei Luftballons hängen da an einer Balkenwaage: ein aufgeblasener und einer, aus dem die Luft entwichen ist. Sie halten das Gleichgewicht, obwohl der schlaffe, faltige an kürzerer Kette hängt.

Das irritiert – nicht nur visuell. Auch wenn die Ballons täuschend echt aussehen: Es sind Abgüsse. Ihre Farbe ist Schwarz, wie die der anderen Skulpturen auch – was auch als Antwort auf das reine Weiß des Raumes verstanden werden kann.

Raum wird verdichtet

Der schwarze Lack auf der zweiten Skulptur allerdings ist ramponiert. Wie ein großer Papierknäuel mutet sie an. Katja Strunz hat sie aus mehreren Aluminiumplatten montiert. Einen Tag habe sie gebraucht, um sie mit dem Gabelstapler so in Form zu bringen, verrät die Künstlerin bei einem Gespräch in ihrem Atelier in Berlin-Kreuzberg – und zeigt das Modell. Nicht nur die Skulpturen selbst, auch ihre Wirkung im Ausstellungsraum erarbeitet sich die Künstlerin anhand von Modellen aus Papier. Auf den Raum zu reagieren, ist ihr Arbeitsprinzip.

Katja Strunz, Drehmoment, Ausstellungsansicht, 2013; Katja Strunz, Drehmoment, Ausstellungsansicht, 2013; | © Katja Strunz, Foto: Matthias Kolb Papier und Metall sind zurzeit die bevorzugten Materialien von Strunz. Das große Objekt im hinteren Teil der Ausstellunghalle wirkt von Weitem wie eine klar definierte raumgreifende Skulptur. Von Nahem zeigt es sich als fortlaufendes Metallband, das aus einzelnen gleichmäßig parallel gefalteten Elementen zusammengesetzt ist.

Es hängt in acht Metern Höhe über einem Stahlseil und wird durch Verstrebungen zu einer sich nach unten verbreiternden geschlossenen ovalen Form gebracht. Erst beim Nähertreten kann man bemerken, dass Anfang und Ende des Blechbandes leicht versetzt auf dem Boden aufliegen.

Mit solchen formalen Details rufen die auf den ersten Blick einfach erscheinenden Skulpturen vielschichtige Assoziationen hervor. An eine zusammengerutschte Treppe ließe sich ebenso denken wie an eine defekte Fahrzeugkette.

Philosophische Referenzen

Dass die Länge des Metallbandes der Länge des Museumsraumes entspricht und die Fläche des Ausgangsmaterials der anderen Skulptur deren Breite ausspannen könnte, ist nicht offensichtlich – für Katja Strunz aber wichtig. Ein Leitmotiv ihrer Arbeiten ist die Verdichtung und Vernichtung von Raum – sie formuliert es als „Einfalten und Einfallen“.
Katja Strunz, Memory Wall (II), 2008; Katja Strunz, Memory Wall (II), 2008; | © Katja Strunz, Foto: Jan Bauer Wenn sie die eine Skulptur Tellurischer Riemen und die andere Tellurische Kontraktion nennt, nimmt sie direkt Bezug auf Texte des französischen Philosophen Paul Virilio. Er beschrieb, wie sich mit der Entwicklung der Fahrtechnik die Geschwindigkeit immer mehr erhöht, sich so nicht nur Raum-, sondern auch Zeitdistanzen extrem verringern. Auch die Zeit wird „getötet“. Vor dem Computerbildschirm wird der Mensch schließlich bewegungsunfähig, denn die digitalisierte Welt rast nun zu ihm.

Zwischen gestern und heute

Ihr gehe es um Entschleunigung, sagt Katja Strunz. Sie wolle die Trägheit von Material und die Schwere der Geschichte sichtbar machen. Vor über zehn Jahren begann sie die Serie Yesterday’s Papers, aus der sie vier Blätter in der Ausstellung zeigt: herausgetrennte, leer gebliebene vergilbte Seiten aus antiquarischen Büchern.

Dass sie unterschiedlich gealtert sind, fällt nicht sogleich auf. Den Titel und Worte wie „yesterday“ und „today“ hat Katja Strunz im Bleisatz, dem traditionellem Buchdruckverfahren, in wechselnden Formationen aufgedruckt. Sie versteht das als ein Auffalten eines Raumes der Vergangenheit.
Katja Strunz, Yesterday's Papers, 2002; Katja Strunz, Yesterday's Papers, 2002; | © Katja Strunz, Foto: Matthias Kolb

Das „konstruktivistische Gespenst“

Begonnen habe sie eigentlich mit Malerei, erzählt die 1970 im saarländischen Ottweiler geborene Künstlerin, die neben Kunst in Mainz und Karlsruhe auch Philosophie studierte. Bild und Begriff konnte sie in der Malerei jedoch nicht zusammenbringen. Dann entdeckte sie das „konstruktivistische Gespenst“: ein zufälliges Arrangement von Papierschnipseln, das nach dem Arbeiten übrigblieb. Seitdem sind Collagen die Basis ihres Werkes.

Katja Strunz, Untitled, 2012; Katja Strunz, Untitled, 2012; | © Katja Strunz, Foto: max-color Strunz benutzt dazu unterschiedliche Papiere, teils aus ausrangierten Büchern. Aus Holz und Metall entstanden dann Wand- und Rauminstallationen. Die Relation von Raum und Zeit beschäftigt die Künstlerin seitdem in aufeinander aufbauenden Werkkomplexen.

Drehmoment zum Beispiel variiert das Motiv der Uhr, die keine Zeit mehr anzeigt. Deformierte Zifferblätter kommen ebenso zum Einsatz wie aggressive kinetische Apparaturen, die Ausstellungsbesucher auffordern, Uhren herunterfallen zu lassen oder gegen die Wand zu schlagen. Im Atelier bewahrt Katja Strunz eine Sammlung ausrangierter Turmuhren auf. Zu sehen sind hier auch einige ihrer geometrischen Faltobjekte, die ihr das Etikett einbrachten, konstruktivistisches Formenvokabular zu adaptieren.

Mit dem ultimativen Schwarzen Quadrat des russischen Konstruktivisten Kasimir Malewitsch von 1913 hat sich Katja Strunz zwar auseinandergesetzt, doch sie legt Wert auf den Unterschied: „Meine Arbeiten beziehen sich nicht nur auf den Konstruktivismus, sondern ich verstehe sie selbst als konstruktivistisch.“
 

Katja Strunz: Drehmoment (Viel Zeit, wenig Raum)
Berlinische Galerie
26. April bis 2. September 2013