Maria Lassnig Introspektionen

Wie sehen Spannungsgefühle im Nacken aus und welche Farben haben sie? Der Suche nach Bildern für innere Empfindungen gilt das Lebenswerk der Künstlerin Maria Lassnig, die dafür auf der 55. Biennale von Venedig einem Goldenen Löwen erhielt. Die Hamburger Deichtorhallen zeigen eine Auswahl aus sieben Dekaden ihres Schaffens.

Maria Lassnig, Dreifaches Selbstporträt/New Self, 1972; Maria Lassnig, Dreifaches Selbstporträt/New Self, 1972; | © Courtesy der Künstlerin, Foto: UMJ / N. Lackner „Bewohntes Körpergehäuse“ ist ein Ausdruck, den Maria Lassnig häufiger verwendet, wenn es um ihren Körper geht. Das klingt etwas fremd, macht in seiner distanzierten Form aber auch deutlich, dass es der Künstlerin nicht um gemalten Ausdruckstanz geht. Da die 1919 geborene Österreicherin seit Jahrzehnten körperliche Erfahrungen wie beispielsweise Schmerzen malt, liegt dieses Missverständnis nahe. Tatsächlich bewegt sie sich damit jedoch näher an der wissenschaftlichen Forschung als im Strudel emotionaler Befindlichkeiten.

Malerei aus sieben Jahrzehnten

Maria Lassnig Maria Lassnig | © Sepp Dreissinger Eine gute Gelegenheit sich mit Lassnigs Kunst vertraut zu machen bietet Der Ort der Bilder in den Hamburger Deichtorhallen. Über hundert Werke aus den Jahren von 1945 bis 2012 hat Kurator Günther Holler-Schuster zusammengetragen. Da die Vorbereitungen der Ausstellung, die zunächst in kleinerer Ausführung in der Neuen Galerie Graz zu sehen war, mit der Erarbeitung eines Werkverzeichnisses zusammenfielen, bekam er uneingeschränkten Zugang zum Atelier der Künstlerin.

In enger Zusammenarbeit mit ihr entstand eine Auswahl von zum Teil nie gezeigten Exponaten. Das ist insofern bemerkenswert, weil Maria Lassnig dafür bekannt ist, sich nur sehr ungern – und sei es auch nur zeitweilig – von ihren Bildern zu trennen. Um ihre Unterschrift auf einem Leihvertrag gebeten, habe sie einmal alle angegebenen Rückgabedaten durchgestrichen und mit den Worten „zu lange“ kommentiert, berichtet Peter Pakesch, Kurator der Neuen Galerie Graz und ein Vertrauter der Künstlerin.
Katalogansicht: Maria Lassnig, Der Ort der Bilder

Innere Realitäten

Von der engen Verbindung zwischen Person und Werk zeugt auch der hohe Anteil an Selbstporträts. Selbst ihre informellen Bilder aus den Fünfzigerjahren zählt Maria Lassnig dazu. In Selbstportrait/Abstrakter Kopf (1956) legt sie auf einer schmutzig-hellgrünen Fläche ein Feld aus geometrischen Formen in verschiedenen Braun-, Blau- und Grüntönen an.

Maria Lassnig, Selbstporträt/Abstrakter Kopf, 1956; Maria Lassnig, Selbstporträt/Abstrakter Kopf, 1956; | © Courtesy der Künstlerin, Foto: UMJ / N. Lackner Das einzig ihr wirklich Reale, äußerte Lassnig einmal über ihre Malerei, seien ohnehin die physiologischen Gefühle, die sich innerhalb ihres Körpergehäuses abspielen: „Druckgefühl beim Sitzen und Liegen, Spannungs- und räumliche Ausdehnungsgefühle – ziemlich schwierig darstellbare Dinge“. Je stärker der Blick durch die Betrachtung ihrer Arbeiten geschult ist, desto eher ist man dann auch hier bereit, den „abstrakten Kopf“ zu spüren, zu erahnen.

Bereits die frühen Arbeiten prägt Lassnigs außergewöhnliches Gespür für Farbe. In den Sechzigerjahren kommt dann eine sehr eigene, gegenständlich anmutende Figuration hinzu: Da gibt es Geräte mit menschlichen Zügen, sciencefictionartige Erweiterungen des Körpers, genauso wie fehlende Gliedmaßen. Aufgrund ihrer Auseinandersetzung mit den grundsätzlichen Bedingungen der menschlichen Existenz wird häufig eine Verwandtschaft Lassnigs zum englischen Maler Francis Bacon beschworen. Im Hinblick auf Farbigkeit und Linienführung trifft es ein Vergleich mit dem Werk des Amerikaners Philip Guston ästhetisch jedoch besser.

Performance im Bildformat

Ausstellungsansicht Ausstellungsansicht | © Henning Rogge / Deichtorhallen In der umfangreichen Hamburger Retrospektive vermögen nicht alle Bilder von Lassnig in gleicher Weise zu überzeugen; dafür fesseln die großartigen Werke um so mehr. Interessante Bezüge lassen sich zur Performancekunst herstellen: Zu einer Zeit, in der ihre Wiener Kollegen den Ausstieg aus dem Bild verkündeten und das Publikum unmittelbar an ihrer körperlichen Existenz teilhaben ließen, versuchte Lassnig sehr ähnlichen Themen in ihrer Malerei Ausdruck zu verleihen. Zur Hochzeit des Wiener Aktionismus lebte sie allerdings in New York: Nach Wien kehrte sie erst 1980 zurück, als sie – mittlerweile 60-jährig – eine Professur an der dortigen Akademie der Bildenden Künste erhielt. Ausstellungsansicht Ausstellungsansicht | © Henning Rogge / Deichtorhallen Goldene Löwinnen Internationale Bekanntheit erfuhr die 1919 in Kärnten geborene Künstlerin erst in den Neunzigerjahren. Warum sie solange auf die verdiente Anerkennung warten musste, ist offensichtlich: „Wie auch anderen Künstlerinnen war ihr eine schnelle und einfache Karriere versagt“, formulieren ungewohnt deutlich auch die Veranstalter im Katalogvorwort der Hamburger Schau: eine Frau also und noch dazu eine, die ihr Publikum mit explizit weiblich konnotierten Themen konfrontiert. In dieser Hinsicht weist ihre Biografie große Gemeinsamkeiten mit der zweiten Grand Dame der Kunstwelt Louise Bourgeois auf. Auch Bourgeois erhielt nach lange versagtem Ruhm im Alter von 88 Jahren einen Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk.

Trotz zahlreicher Künstlerfreunde und wichtiger Unterstützer ihrer Arbeit, litt Maria Lassnig unter der fehlenden Aufmerksamkeit, genauso wie sie inzwischen die darauf folgenden Vereinahmungsversuche teilweise als unheimlich empfindet. Ziemlich lässig brachte sie sowohl dieses Dilemma als auch ihr großes Thema der Körpererfahrung anlässlich ihrer Ausstellungseröffnung 2010 in München auf den Punkt: Die sichtbar gut gelaunte Künstlerin trug eine aus gelben Absperrbändern gefertigte Krawatte mit der Aufschrift „Police Line: Do Not Cross“.
 

Maria Lassnig: Der Ort der Bilder
Deichtorhallen Hamburg
21. Juni bis 8. September 2013