Polnische Kunst in Deutschland Von wegen Hype!

Auch wenn es etwas Zeit gebraucht hat, bis der Rest der Welt es gemerkt hat: Polen hat eine lebendige und eigenwillige Kunstszene. Auch in Deutschland ist die Botschaft angekommen. Das zeigt etwa die Ausstellung „Twisted Entities“ im Leverkusener Museum Morsbroich.

Anna Molska und Wojciech Bakowski, Completed, 2009; Anna Molska und Wojciech Bakowski, Completed, 2009; | © Courtesy Foksal Gallery Foundation, Warschau/Warsaw Es ist schon ein merkwürdiger Reflex, dass nach dem Erfolg einiger polnischer Künstler im internationalen Ausstellungsbetrieb so schnell von „Hype“ die Rede ist. In der Presse kursieren bereits Vergleiche zwischen der aktuellen polnischen Kunstszene und dem Phänomen der Young British Artists (YBA) in den Neunzigerjahren, um die Bedeutung der „jungen Polen“ zu betonen. Eine gedankenlose Schnellschuss-Logik: Schließlich gilt die YBA mittlerweile weniger als ernstzunehmende Bewegung denn vor allem als plumper Versuch einer mehr oder weniger gelungenen Paketvermarktung. Damit hat die polnische Gegenwartskunst nichts gemein.

Maciej Kurak, 7000 Bar, 2013; Maciej Kurak, 7000 Bar, 2013; | © Courtesy local_30 Gallery, Warschau/Warsaw: Foto: Museum Morsbroich, Leverkusen In Polen existiert seit langem eine international einflussreiche Kunstszene, deren performativer Ansatz und kritisches Denken eine eigene Tradition besitzen. Für die Zeit vor 1989 wäre hier vor allem Tadeusz Kantor (1915–1990) zu nennen, dessen installative Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg Umarla Klasa (Die tote Klasse) 1975 weltweit Aufmerksamkeit erhielt; die Bedeutung des bildhauerischen Werks von Alina Szapocznikow (1926–1973) wird aktuell neu entdeckt. Bis heute in vieler Hinsicht prägend ist auch die im Warschau der Neunzigerjahre vollzogene provokante, politische Verortung innerhalb der Kunstwelt von einer im Nachhinein als „Kritische Künstler“ bezeichneten Gruppe um Paweł Althamer.

Neues vom Nachbarn?

Wo also ist der internationale Hype? Aus deutscher Sicht stellt sich die Situation ohnehin anders dar. Zwar könnten Ereignisse wie das sogenannte Polen-Nordrhein-Westfalen-Jahr 2011/12, die Ausstellung Tür an Tür. Polen – Deutschland. 1000 Jahre Kunst und Geschichte im Berliner Martin-Gropius-Bau und die Tatsache, dass Artur Żmijewski die letzte Berlin-Biennale kuratierte und dazu auch viele polnische Künstler einlud, das Gefühl einer thematischen Ballung hervorrufen; deshalb aber von einem Polen-Hype zu sprechen, erscheint doch arg vermessen.

„Polen ist kein exotisches Land, das es in Deutschland erst zu entdecken gilt“, sagt die in Warschau geborene und in Berlin lebende Kuratorin Joanna Warsza, die gemeinsam mit Żmijewski verantwortlich für die Berlin-Biennale 2012 war. „Von Berlin aus gesehen, liegt Polen direkt nebenan. Traditionell gibt es sehr enge Verbindungen, nicht nur zwischen den Städten Warschau und Berlin, sondern überhaupt zwischen beiden Ländern.“

Miroslaw Balka, 2 x (112 x 75 x 16) (Two Legs), 1991/1998; Miroslaw Balka, 2 x (112 x 75 x 16) (Two Legs), 1991/1998; | © Courtesy der Künstler und Gladstone Gallery, New York/Brüssel Darüber, ob diese nachbarschaftliche Nähe, auch aufgrund der nach wie vor existierenden Ressentiments gegenüber dem Osten Europas, in anderen Teilen Deutschlands weniger empfunden wird, kann man nur spekulieren. Zu einer Zeit, in der die markanten Wendepunkte für die Öffnung Polens gegenüber dem Westen – die Solidarność-Bewegung der Achtzigerjahre und die Wahl von Karol Wojtyła zum ersten slawischen Papst – mittlerweile mehr als drei Jahrzehnte zurückliegen, sollten die begangenen Versuche, sich mit der gemeinsamen Geschichte von Polen und Deutschland zu beschäftigen, eigentlich mehr als selbstverständlich sein.

Keine Nationalschau

Monika Sosnowska, Ohne Titel / Untitled, 2010; Monika Sosnowska, Ohne Titel / Untitled, 2010; | © Courtesy Alastair Cookson Aktuell zeigt das Museum Morsbroich unter dem Titel Twisted Entities eine Auswahl zeitgenössischer Positionen polnischer Kunst. Unter den beteiligten Künstlern sind viele Namen, denen man in den letzten Jahren auch auf großen internationalen Ausstellungen begegnen konnte: der 1958 in Warschau geborene Mirosław Bałka zum Beispiel, der an der Documenta IX und zahlreichen Biennalen teilnahm, oder die 40-jährige Monika Sosnowska aus Ryki, die 2007 im polnischen Pavillon der Venedig-Biennale mit einer an ein riesiges deformiertes Gerüst erinnernden Skulptur für Aufmerksamkeit sorgte.

Andere prominente Künstler fehlen – der Maler Wilhelm Sasnal etwa oder Paweł Althamer. Und das ist sehr gut so: nicht, weil man nicht auch ihre Werke gerne sehen würde, sondern weil sich die Ausstellung insgesamt der fragwürdigen Behauptung einer nationalen Übersichtsschau verweigert.

Grenzen aus Papier

Stattdessen bringt Twisted Entities gezielt Künstler zusammen, deren Arbeiten sich durch einen Zugriff auf lebensnahe Themen und spezifische Momente der Verdrehung auszeichnen – ein Zugriff, der zum Teil durch die Ästhetik des Theaters geprägt ist. Mit alltäglichen Materialien werden so vorhandene Regelsysteme befragt, dekonstruiert und auf den Kopf gestellt.

Jan Mioduszweski, Regal, 2008; Jan Mioduszweski, Regal, 2008; | © Courtesy lokal_30, Warschau/Warsaw Jan Mioduszewskis perspektivisch verzerrte, absurd in den Raum ausufernde Schrankwände etwa berichten humorvoll von einem psychotischen Gefühl der Bedrängung durch die Dinge; Michał Budnys lapidar auf dem Boden ausgelegte Papierschlangen reflektieren mit einfachsten Mitteln das Thema Grenzen: Beim näheren Hinsehen lassen sich in der wie zufällig entstanden wirkenden Form die geografischen Konturen Polens erkennen.

Die Arbeiten der beteiligten Künstler seien ihr zunächst wegen ihrer speziellen Erzählform auf verschiedenen Ausstellungen und Messen aufgefallen, erzählt Stefanie Kreuzer, die Kuratorin der Ausstellung. Erst danach habe sie festgestellt, dass es sich größtenteils um polnische Künstler handelt – und begonnen zu recherchieren. Das Polnische Institut Düsseldorf vermittelte ihr eine Reise nach Polen; so kam es zu der gelungenen Auswahl an bekannten und weniger bekannten Künstlern, deren Arbeiten nun im Museum Morsbroich zu sehen sind. Entstanden ist eine behutsam kuratierte, thematische Ausstellung, die sich hervorragend in die Räume des ehemaligen Barockschlosses einfügt. Michał Budny, Untitled (Borders), 2006; Michał Budny, Untitled (Borders), 2006; | © Piotr Bazylko Collection, Warschau/Warsaw

Keine Mode

Statt sich also der Rede vom Hype anzuschließen, muss man das Gegenteil behaupten: Es hat viel Zeit gebraucht, bis die Stimmen der polnischen Künstler im Westen überhaupt gehört wurden. So jedenfalls könnte man es in Anlehnung an den Katalogbeitrag Wer spricht da? Künstlerinnen und Künstler aus Polen der Kunsthistorikerin und -kritikerin Noemi Smolik zur Morsbroicher Ausstellung formulieren.

Zwei Ursachen macht Smolik in ihrem Aufsatz für die Zeitverzögerung verantwortlich: Zum einen die Dominanz einer nordamerikanisch-westeuropäisch geprägten Weltperspektive, und zum anderen das lange Zeit in der bildenden Kunst vorherrschende Diktum der Abstraktion, dem die eher durch das Theater beeinflusste, ikonische polnische Kunsttradition zuwiderläuft. Die Tatsache, dass sich diese Dinge nun allmählich zu ändern beginnen, hat dabei mit einer kurzfristigen Modeerscheinung zum Glück nichts zu tun.
 

„Twisted Entities. Zeitgenössische polnische Kunst“, Museum Morsbroich, Leverkusen, 27. Januar bis 28. April 2013