Andreas Magdanz Stammheim für die Ewigkeit

Durch die Inhaftierung von Anführern der Terrorgruppe Rote Armee Fraktion (RAF) gelangte die Haftanstalt Stuttgart-Stammheim in den Siebzigerjahren zu trauriger Berühmtheit. Der Fotograf Andreas Magdanz hat sich in einer zweijährigen Projektarbeit des sensiblen Themas angenommen und Stammheim, dessen Hochsicherheitstrakt 2015 durch einen Neubau ersetzt werden soll, für die Nachwelt dokumentiert.

Andreas Magdanz, Luftaufnahme Bau I, 2010/2011; Andreas Magdanz, Luftaufnahme Bau I, 2010/2011; | © Andreas Magdanz Niemand außer den Inhaftierten selbst und dem Justizpersonal ist Stammheim im Norden von Stuttgart wohl jemals so nahe gekommen wie der Aachener Fotokünstler Andreas Magdanz.

Fünf Monate lang hat sich der Spezialist für die Dokumentation bedeutender deutscher Nachkriegsorte in eine der benachbarten Dienstwohnungen der Justizvollzugsanstalt (JVA) einquartiert, um täglich nach 18 Uhr das legendäre Gefängnis in all seinen Facetten zu fotografieren.

Denn erst nachdem die Zellen der heute dort einsitzenden 600 Mörder, Diebe und sonstigen Kriminellen verschlossen waren, konnten Magdanz Türen und Tore geöffnet werden – und damit ein einmaliger Blick in das Innenleben dieser einst so berüchtigten Haftanstalt. Jetzt hängt eine kleine Auswahl der großformatigen Digitalfotografien im Stuttgarter Kunstmuseum. Es sind die bedrückenden Bilder eines Ortes, an dem der als „Deutscher Herbst“ bekannte RAF-Terror sein Ende fand. Andreas Magdanz, Besucherraum, 2010/2011; Andreas Magdanz, Besucherraum, 2010/2011; | © Andreas Magdanz

Zellen mit Aussicht?

„Es ist einmalig, dass den Gefangenen ein so herrlicher Ausblick in die Freiheit geboten wird“, soll laut einem Artikel der Stuttgarter Zeitung der damalige Baudirektor Karl Schwaderer bei der Eröffnung des zehngeschossigen Gefängnis-Neubaus 1963 sarkastisch geäußert haben.

Zwölf Jahre später wurde noch einmal aufgestockt. Nicht an Etagen, aber an Sicherheit: Für 16 Millionen Mark wurde dem Gefängnis eine Mehrzweckhalle zur Seite gestellt, die als Schauplatz der Prozesse gegen die Top-Terroristen der RAF in die Geschichte einging.
Andreas Magdanz, Blick auf Bau I aus Wohnung in der Pflugfelder Straße, 2010/2011; Andreas Magdanz, Blick auf Bau I aus Wohnung in der Pflugfelder Straße, 2010/2011; | © Andreas Magdanz Aus Furcht vor etwaigen Befreiungsversuchen aus der Luft wurde die Mehrzweckhalle – ebenso wie der Hofgang – vor Prozessbeginn großflächig mit Stahlnetzen überspannt. Der Gerichtssaal hatte acht Meter hohe Betonwände und verfügte nur über kleine Oberlichter. Er wurde zum Symbol für funktionale, abschreckende Zweckarchitektur in der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg.

Bleierne Zeit – bleiern fotografiert

Die Bilder von Andreas Magdanz geben eine nüchterne Vorstellung davon, wie bleiern die Zeit in den Siebzigerjahren tatsächlich war. Auf den Fotos sind keine Menschen abgebildet und das Schwarz-Weiß der Motive verwischt oftmals schmutzig grau. Dadurch wirkt die kalte, sterile Umgebung umso bedrohlicher. Magdanz’ Fotos zeigen lange Flure im Neonlicht und leere Zellen mit Fenstern aus Panzerglas. Bis ins kleinste Detail protokolliert Magdanz dabei fotografisch die Tristesse dieses Ortes.
Andreas Magdanz, Blick auf den Nordwest-Innenhof, 2010/2011; Andreas Magdanz, Blick auf den Nordwest-Innenhof, 2010/2011; | © Andreas Magdanz Methodisch arbeitete sich Magdanz von den unteren Etagen zweier Gebäude über Keller, Küche, Wäscherei, Verwaltung, Besucherräume und Krankenstation hoch bis in die siebte Etage, in der die führenden Köpfe der RAF, Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und Jan Carl Raspe, mit vielen Privilegien wie Schallplatten, Fernseher bis hin zur Fachliteratur über Guerillakrieg und neuzeitlicher Sprengtechnik einsaßen.

Die „Todesnacht von Stammheim“

Andreas Magdanz, Ansicht der Zelle 719, 2010/2011; Andreas Magdanz, Ansicht der Zelle 719, 2010/2011; | © Andreas Magdanz Besonders Zelle 719 wird für Magdanz zu einem „historisch aufgeladenen, beseelten Ort“. Hier erhängte sich Ulrike Meinhoff 1976, zwei Jahre nach ihrer Verurteilung zu lebenslanger Haft, am Fensterkreuz.

Und hier erschoss sich Andreas Baader in der sogenannten Todesnacht von Stammheim am 18. Oktober 1977, während sich – nach allgemeinem heutigen Konsens – in den Zellen daneben und gegenüber zeitgleich auch Jan-Carl Raspe und Gudrun Ensslin das Leben nahmen. Zur selben Zeit wurde der von der RAF entführte Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer ermordet; seine Leiche wurde einen Tag später im Kofferraum eines Autos im Elsass gefunden.

Sezierte Geschichte

Stammheim ist nicht die erste zeitgeschichtliche Arbeit von Andreas Magdanz. Zuvor bereits dokumentierte er den Tagebau in Garzweiler (1995–1997), den ehemaligen Krisen-Regierungsbunker Dienststelle Marienthal (1998–2000), das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau (2002/2003), die einstige NSDAP-Kaderschmiede auf dem früheren Truppenübungsplatz „Camp Vogelsang“ (2004) und schließlich die Zentrale des Bundesnachrichtendienstes (BND) in Pullach (2005/2006).

Die aktuelle Serie reiht sich ein in die Vielzahl der Theaterstücke, Bücher und Filme von Regisseuren wie Margarethe von Trotta (Die bleierne Zeit), Reinhard Hauff (Stammheim) oder Heinrich Breloer (Todesspiel), die zeigen, dass das dunkle Stammheim-Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte mit all seinen Ungereimtheiten auch nach Jahren der inhaltlichen Auseinandersetzung noch nicht „ausgedacht“ ist.

Mehr Stammheim geht nicht

Andreas Magdanz, Flur mit Blick auf Zelle 719, 2010/2011; Andreas Magdanz, Flur mit Blick auf Zelle 719, 2010/2011; | © Andreas Magdanz Dabei versucht auch Magdanz, das Thema mit fotografischen Mitteln anschaulich und verstehbar zu machen. Teil seines Konzepts war es, Stammheim möglichst komplett in Bildern zu erzählen und so ein Psychogramm deutscher Befindlichkeit der Siebzigerjahre zu liefern. „Am Ende ist es nicht nur fotografiert, nicht nur gescannt, es ist seziert worden“, sagt der 49-Jährige in dem zur Ausstellung erschienenen Begleitband. Mehr Stammheim geht nicht.

Der Mythos RAF ist nun mit Aufnahmen sogar aus Hebebühne- und Helikopter-Perspektive auch visuell für die Nachwelt auf immer und ewig festgehalten. Damit ist Magdanz’ Anliegen erfüllt, erneut zur Diskussion über diesen wichtigen Teil der Geschichte der Bundesrepublik anzuregen und damit auch künftigen Generationen die Augen zu öffnen. Für ihn ist Deutschland „auf diesem Niveau“ zu Ende erzählt.

Deutschland im Gedächtnis halten

Wie Ulrich Schneider im Begleitbuch zur Ausstellung festhält, habe Gerhard Richter Ähnliches wie Magdanz versucht. Nur dass Richters Gemäldezyklus 18. Oktober mit Porträts von Meinhof, Ensslin und anderen RAF-Gefangenen, für das deutsche Publikum fast unerreichbar, seit 1995 im Museum of Modern Art in New York hängt, nachdem er hierzulande wegen einer angeblichen Glorifizierung von Terror auf wenig Gegenliebe stieß.

„Bleibt zu hoffen“, so Schneiders Fazit, „dass Magdanz’ Bilder ohne Menschen ein Stück Deutschland aus der Distanz im Gedächtnis halten“.
 

Andreas Magdanz, Ansicht Kabine, 2010/2011; Andreas Magdanz, Ansicht Kabine, 2010/2011; | © Andreas Magdanz
Andreas Magdanz. Stuttgart Stammheim
Kunstmuseum Stuttgart, 17. November 2012 bis 24. März 2013.

Der Begleitband Stammheim mit Texten von Michael Sontheimer, Ulrich Schneider, Stefan Skowron, Christoph Schaden und Andreas Magdanz ist 2013 im Hatje Cantz Verlag erschienen (deutsch/englisch, 228 Seiten, ISBN 978-3-7757-3457-8; 49,80 Euro).