Otto Piene im ZKM Elemente und Experimente

Otto Piene hat 1990 an der Gründung des Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe mitgewirkt; seitdem war er dort immer wieder in Ausstellungen vertreten. Mit „Energiefelder“ wird dem Künstler kurz vor seinem 85. Geburtstag seine erste Einzelausstellung am ZKM zuteil.

Otto Piene; Otto Piene; | © Südpol-Redaktionsbüro/M. Conrads An seine erste künstlerische Tätigkeit in Karlsruhe erinnert sich Otto Piene genau: 1968 war er eingeladen, mit Helium gefüllte Skulpturen auf der damaligen U.S. Air Force Base in die Luft steigen zu lassen. Das war die Zeit, in der Piene den Himmel als Kunstraum entdeckte.

Bei diesen sogenannten Sky Art-Events mussten oft Dutzende von Personen mithelfen, wobei Piene bewusst verschiedene gesellschaftliche Gruppen zusammenführte. Ein „Einstieg in die partizipierende Event-Kunst“ sei dies gewesen, sagt der Künstler 2013 anlässlich seiner Ausstellung Energiefelder am Museum für Neue Kunst des ZKM in Karlsruhe.

Es waren vor allem die Sky Art-Events, die den 1928 geborenen Künstler international populär machten. Sie sollten das Bewusstsein schärfen, „dass wir vom Himmel leben und dass wir vom Himmel essen“. Die Bilder des 125 Meter hoch gewölbten Regenbogens, den Piene für die Abschlussfeiern der Olympischen Spiele 1972 in München bog, stehen für diese spektakulären Arbeiten.
Energiefelder. Otto Piene zum 85. Geburtstag


Mythologische Momente

Umso mehr verwundert es, dass die mit nur knapp 50 Arbeiten eher bescheiden ausgefallene Retrospektive Pienes auf eine Dokumentation seiner Sky Art-Arbeiten verzichtet hatte. Zum Ausgleich, so Kurator Philipp Ziegler, seien die „mythologischen Momente“ von Pienes Sky Art-Arbeiten auch in den ausgestellten keramischen Arbeiten aufgehoben. Immerhin sähe der Künstler die schweren, glasierten Tontafeln als Geschwister der „leichten“ Sky Art an.

Was an Arbeiten wie Frieze (2007) oder Viereck Auflösung (2008) jedoch vor allem auffällt, ist die Ähnlichkeit der abstrakten Motive zu Pienes Arbeiten aus den späten Fünfziger- und frühen Sechzigerjahren. Beide Werke bedienen sich jener Rastertechnik, die Piene seit 1957 anwandte und für die das die Ausstellung eröffnende gelbe Bild o.T. (1959/60) steht. Damals hatte der Künstler Papptafeln mit Locheisen in Rasterformationen perforiert und hierdurch Öl auf eine Leinwand gepresst, wodurch die Reliefbilder entstanden.

Lichtballette und Feuerbilder

Als Mitglied der Künstlergruppe ZERO (1958–66) widmete Piene dem Experiment mit visuellen Phänomenen die höchste Aufmerksamkeit. „Licht“, „Elemente“ oder „Energie“ waren Begriffe, mit denen die Mitglieder der Gruppe den Kontrast zum damals vorherrschenden, ihnen düster erscheinenden Informel suchten.

In diesem Rahmen machte Piene zwei Entdeckungen: Auf der Suche nach einer Möglichkeit, seine Rasterbilder zu dokumentieren, ließ er Licht von Kerzen und Petroleumlampen durch die perforierten Papptafeln hindurchscheinen und entwickelte daraus ab 1959 seine „Lichtballette“, bei denen sich im dunklen Raum bewegende Objekte Lichtpunkte an Wände, Boden und Decken werfen. Pirouetten (2012) und Four-Foot Light Cube Black (2012) geben in der Ausstellung hiervon Zeugnis. Etwa zeitgleich experimentierte Piene mit Rauchzeichen auf Papier; hieraus entstanden seine Feuerbilder, für die er mit Farbe besprühte Leinwände in Brand setzte. In einem konstruktiv verstandenen Akt entstanden hierbei Arbeiten wie Komet (1973) oder Hot Mountain (1964/1974) mit fast figürlichen Motiven. Otto Piene, Fleurs du Mal, 1969; Otto Piene, Fleurs du Mal, 1969; | © Otto Piene / VG Bild-Kunst, Bonn 2013, Foto: altengarten.de

Eine neuartige Ästhetik

Neben der großformatigen pneumatischen Arbeit Fleurs du Mal (1969) ist der 45-minütige Film Black Gate Cologne das – quasi lebendige – Herz der Ausstellung. Gemeinsam mit dem italo-amerikanischen Künstler Aldo Tambellini hatte Piene 1968 für eine Fernsehproduktion im Auftrag des Westdeutschen Rundfunks (WDR) eine Live-Aktion mit Publikumsbeteiligung realisiert, bei der unter anderem Lichtarbeiten und Filme zum Einsatz kamen. Die Aufnahmen wurden später so collagiert, dass eine neuartige Ästhetik elektronischer Bildmedien aufschien.

Die Nähe Pienes zu Arbeiten von László Moholy-Nagy ist immer wieder betont worden; von Moholy-Nagys Mitarbeiter György Kepes übernahm Piene 1974 die Leitung des Center for Advanced Visual Studies am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge (USA). Diese Linie thematisiert die Ausstellung kaum. Eine Retrospektive am ZKM, die den Ausstellungskapazitäten des Hauses und nicht zuletzt der Bedeutung Pienes für die Gegenwart intermedialer Künste gerecht würde, ist Energiefelder leider nicht.
 

Otto Piene, 1928 in Laasphe geboren, wurde nach einem Studium der Malerei, Kunsterziehung und Philosophie in München, Düsseldorf und Köln als Gründungsmitglied der Künstlergruppe ZERO bekannt. Die seit 1958 von Düsseldorf aus wirkende Gruppe, zu der neben Piene Heinz Mack und Günther Uecker gehörten, erregte durch die Ablehnung des seinerzeit in Westdeutschland vorherrschenden Informel Aufsehen. Internationale Bekanntheit erlangte sie durch die Vernetzung mit Künstlern im europäischen Ausland wie Yves Klein oder Piero Manzoni. Nach Auflösung von ZERO 1966 vertiefte Piene seine Lehrtätigkeiten an Universitäten in den USA. Pienes in zahlreichen Ausstellungen gezeigte Werke werden bis heute hochpreisig gehandelt und gelten vor allem im Bereich der intermedialen Künste als einflussreich.