Candida Höfer Raumsichten

Seit Beginn ihres Schaffens setzt sich Candida Höfer in ihren Fotografien mit Orten auseinander, die eine Geschichte haben. Ihre Motive zeigen meist Innenräume, Plätze der Begegnung, der Kommunikation, des Wissens – es sind von Menschen gestaltete Lebensräume, Räume mit einer Aufgabe.

Campo Santo Pisa 1985; Campo Santo Pisa 1985; | © Candida Höfer, Köln; VG Bild-Kunst, Bonn 2013 Häufig sind es prachtvolle Innenräume in spektakulärem Ambiente. Ihre Bilder zeigen aber auch auf den ersten Blick unscheinbar anmutende Räume, die erst bei eingehender Betrachtung ihre Geschichte erzählen. Gegen Ende der 1960er-Jahre greift Candida Höfer zum ersten Mal Motivgruppen auf, die sie in ihrem späteren Œuvre umfassend thematisieren wird: Warteräume, Bahnhöfe und Strukturen von Architektur im weitesten Sinne. Während eines kurzen Aufenthaltes in Liverpool entstehen 1968 Fotografien, mit denen die 1944 geborene Candida Höfer auf den Spuren der Dichtergruppe The Liverpool Scene wandelt und so einen unmittelbaren Bezug zu deren Lyrik herstellt. Schon in Liverpool richtet die Künstlerin ihren Blick auf den von Menschen gestalteten Lebensraum.

Die Jahre vor der Akademie

„Alle Räume haben eine Aufgabe“: die Fotografin Candida Höfer; „Alle Räume haben eine Aufgabe“: die Fotografin Candida Höfer; | © Foto: Ralph Müller, Düsseldorf 2012 Die Aufnahmen in Liverpool entstehen lange Zeit vor Candida Höfers Akademiebesuch in Düsseldorf. Bereits zuvor beginnt sie in Köln, als freie Fotografin zu arbeiten. 1963 bis 1964 absolviert sie ein einjähriges Volontariat im Kölner Atelier Schmölz-Huth. Es folgten vier Jahre in der Kölner Werkschule und anschließend zwei Jahre freier fotografischer Tätigkeit. Von 1970 bis 1972 versucht Candida Höfer in Hamburg für den Fotografen und Sammler Werner Bokelberg die Technik der Daguerreotypie zu rekonstruieren, ein Auftrag, der ihr auch Zugang zu interessanten Bibliotheken und Fotoarchiven ermöglicht.

„Türken in Deutschland“

Weidengasse Köln 1975; Weidengasse Köln 1975; | © Candida Höfer, Köln; VG Bild-Kunst, Bonn 2013 Zurück in Köln nimmt Candida Höfer die Veränderungen in ihrer Stadt bewusst und positiv wahr. Das innerstädtische Leben hat sich durch die steigende Zahl von Migranten verändert, unter ihnen viele türkische Familien. Die Künstlerin beginnt mit dem etwa sechs Jahre andauernden Projekt Türken in Deutschland, in dem sie zahlreiche Aufnahmen von Geschäften und Teestuben, von Menschen in Grünanlagen, aber auch in deren Wohnungen erstellt. Diese Thematik beschäftigt Candida Höfer bis 1979. In diesem Jahr stellt sie abschließend eine Diaprojektion unter dem gleichen Titel mit 80 Farbdias zusammen. Parallel dazu beginnt sie 1973 mit ihrem Studium an der Kunstakademie in Düsseldorf. Da es 1973 noch keine Klasse für Fotografie gibt, studiert Candida Höfer bis 1976 Film bei Ole John und anschließend bis 1982 Fotografie bei Bernd Becher.

Die Aura bestimmt das Motiv

In dieser Zeit beginnt Candida Höfer mit ihren Arbeiten zu Innenräumen, die sie mit folgenden Worten umschreibt: „Ich fotografiere in öffentlichen und halböffentlichen Räumen aus unterschiedlichen Epochen. Es sind Räume, die für jeden zugänglich sind. Es sind Plätze der Begegnung, der Kommunikation, des Wissens, der Entspannung, der Erholung. Es sind Kuranlagen, Hotels, Wartesäle, Museen, Bibliotheken, Universitäten, Banken, Kirchen und seit einigen Jahren Zoologische Gärten. Alle Räume haben eine Aufgabe, und die Dinge in den Räumen haben zumeist auch eine Aufgabe.“ Candida Höfers Motivfindung ist nie von einer thematischen Gruppe wie beispielsweise Bibliotheken bestimmt, sondern immer von der Aura, welche die Räume in ihren Augen besitzen. Sie betrachtet die Räume im Hinblick auf Geschichte, Ordnung, Reihung, Struktur und Funktionalität. Erst bei der Gruppierung innerhalb der parallel anwachsenden Motivkonvolute, wie beispielsweise Museen oder auch Bibliotheken, stellt sie die Frage nach ihrer Nutzung.

Ein Zoo der Skulpturen

Zoologischer Garten London III 1992; Zoologischer Garten London III 1992; | © Candida Höfer, Köln; VG Bild-Kunst, Bonn 2013 Candida Höfer, die zu den renommiertesten deutschen Gegenwartskünstlern gehört, arbeitet nur mit den vorgegebenen Lichtverhältnissen. Auf eine zusätzliche künstliche Beleuchtung verzichtet sie. Dabei bevorzugt sie eine vom Tageslicht beeinflusste Stimmung, bezieht aber auch, falls vorhanden und fester Bestandteil eines Raumes, eine künstliche Beleuchtung mit ein. Im Gegensatz zu den Aufnahmen von Innenräumen, die nur selten Menschen zeigen, gibt Candida Höfer in den seit 1990 entstehenden Ansichten der Gehege in zoologischen Gärten immer auch deren „Bewohner“ wieder. Ein zoologischer Garten funktioniert so gesehen wie ein Museum, in dem die Tiere an die Stelle einer Skulptur im Raum treten. Candida Höfers Interesse an Innenräumen, die immer auch für einen bestimmten Zweck hergerichtet sind, ist durchaus mit ihrer Motivation, Aufnahmen in Zoologischen Gärten zu erstellen, vergleichbar. In den verschiedenen Räumlichkeiten im weitesten Sinne durchdringen sich die Aspekte, die Candida Höfer mit ihren Werken thematisiert: Ordnung, Reihung, Struktur, Geschichte, Funktion, Lebensraum und auch die sinnliche und qualitative Erfahrung desselben.