Kunstkritiker Will Grohmann „Im Netzwerk der Moderne“

„Pate der Moderne“ wurde er genannt. Will Grohmann (1887–1968), einer der bedeutendsten Kunstkritiker des 20. Jahrhunderts, war zu Lebzeiten eine Instanz – deutungsmächtig, einflussreich und umstritten. Eine Ausstellung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (27. September 2012 bis 6. Januar 2013) rückt ihn anlässlich seines 125. Geburtstages wieder in die Öffentlichkeit – und ermöglicht zugleich einen historischen Exkurs zur Rolle von Kunstkritik.

Blick in die Ausstellung; Blick in die Ausstellung; | © Staatliche Kunstsammlungen Dresden/Fotograf: Herbert Boswank Einen der ersten Texte, die über Paul Klee geschrieben wurden, hat der Kunstschriftsteller und Kritiker Will Grohmann 1924 für die Zeitschrift Cicerone verfasst. Klee und Grohmann waren seitdem gute Freunde. 40 weitere Texte hat der Kritiker über diesen Künstler geschrieben. Sie sind noch immer gültig und gut zu lesen.

Edmund Kesting: Porträt Will Grohmann (1947); Edmund Kesting: Porträt Will Grohmann (1947); | © Foto: Herbert Boswank / VG Bild-Kunst 2012 Doch während Klee berühmt wurde und heute mehr denn je ein Star des Ausstellungsbetriebs ist, geriet Grohmann aus dem Blickfeld. Dabei galt er einst als „Doyen der Moderne“ und „Kunstpapst“. Denn er hat nicht nur Klee, sondern viele namhafte Künstler der Moderne – wie Kirchner, Kandinsky, Schmidt-Rottluff, Baumeister, Moore – bekannt gemacht.

Das Kritikerurteil war gefragt

Insgesamt veröffentlichte Grohmann über 500 Aufsätze zu mehr als 150 Künstlern – darunter die Großen des 20. Jahrhunderts: Munch, Barlach, Braque, Matisse, Picasso, Miró. In den fünf Jahrzehnten seines Wirkens schrieb er 1.300 Zeitungsbeiträge, Überblicksdarstellungen zur deutschen und europäischen Kunst des 20. Jahrhunderts, unzählige Katalogvorworte und kritische Berichte. Er begann mit Beiträgen zur „Dresdner Sezession Gruppe 1919“ und schrieb fast 80-jährig – wiederum als einer der ersten – über Gerhard Richter, Horst Antes oder Konrad Klapheck.

In den Fünfziger- und Sechzigerjahren war er als einer der deutungsmächtigsten deutschen Kunstkritiker auch in Radio und Fernsehen präsent. Gestorben ist er im geschichtsträchtigen Jahr 1968. Geriet er in Vergessenheit, weil angesichts des damals sich schon abzeichnenden und heute vorherrschenden Stilpluralismus ein Kritikerurteil nur noch wenig zählt? Weil als Qualitätsbeweis nun der Geldwert genügt, den der Markt in die Höhe treibt und Massenmedien quoteneifrig kolportieren?
Blick in die Ausstellung; Blick in die Ausstellung; | © Staatliche Kunstsammlungen Dresden/Fotograf: Herbert Boswank

Ein erfolgreiches Netzwerk

Wie war das, als Will Grohmann nach dem Ersten Weltkrieg sein Schreiben über die Kunst der Moderne begann? Wie konnte er so einflussreich werden? Es ist vor allem das umfangreiche Netzwerk, das der Kritiker aufbaute. Er korrespondierte mit zahlreichen Künstlern, besuchte sie in den Ateliers, er war mit Verlegern und Galeristen befreundet, vermittelte Werke an Museen und Sammler. Er engagierte sich und ließ sich engagieren.

Die Ausstellung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden in der Kunsthalle im Lipsiusbau basiert auf einer mehrjährigen Forschungsarbeit, unter anderem zu Grohmanns Nachlass, der sich in der Staatsgalerie Stuttgart befindet. Ein Schriftenband macht einen Teil seiner Texte zusammenschauend nachlesbar. Das ist ein Schatz. In der Ausstellung werden mit Werken von Künstlern, für die sich der Kritiker einsetzte, Etappen seiner Biografie abgesteckt. All die großen Namen sind vertreten, die heute den Kanon der Moderne bilden, an dem Grohmann ebenso einfühlend wie ehrgeizig mitwirkte.
Will Grohmann: Im Netzwerk der Moderne (Ausstellungsbericht)

Nicht unproblematisch

Von der Künstlergruppe „Die Brücke“ über das Bauhaus und das Informel bis Baselitz und Bacon spannt sich der Bogen. Darunter auch Werke aus der privaten Sammlung Grohmanns. Das ist schön anzusehen, aber unerwartet harmonisch und nicht unproblematisch. Nicht deshalb, weil nicht nur Meisterwerke zu sehen sind – das ist sogar aufschlussreich. Sondern vor allem, weil zu wenig nachvollziehbar wird, wie einer, der über Kunst schreiben und davon leben wollte, die Aufbrüche und schockierenden Abgründe dieses Jahrhunderts bewältigte, wie er sich in mehreren politischen Systemen – Weimarer Republik, Nationalsozialismus und geteiltes Deutschland – positionierte.
Blick in die Ausstellung; Blick in die Ausstellung; | © Staatliche Kunstsammlungen Dresden/Fotograf: Herbert Boswank Anlässlich seines 125. Geburtstages hat man sich in Grohmanns Heimatstadt Dresden entschieden, den Kritiker mehr zu würdigen als kritisch zu befragen: wohl auch deshalb, weil der vehemente Verfechter einer abstrakten Kunst in der DDR zur Feindfigur erklärt worden war. Der 1954 öffentlich ausgetragene Streit zwischen ihm und dem Künstler Karl Hofer über abstrakte contra figürliche Kunst verhärtete die Fronten. Erst später, vor allem durch Bilder von Francis Bacon und vermittelt durch dessen Galeristen, erkannte Grohmann auch Qualitäten figürlicher Malerei an.

Bis zu seinem 60. Lebensjahr lebte Grohmann in Dresden. In Bautzen geboren, hatte er in Leipzig und Paris Germanistik, Geschichte, Philosophie studiert, war 1914 bis zu seiner Entlassung 1933 als Gymnasiallehrer angestellt, überlebte die Zeit des Nationalsozialismus mit angepassten journalistischen Beiträgen über Literatur und Geschichte. Nach 1945 übernahm er sogleich kulturelle Ämter, wurde Rektor einer neu gegründeten Hochschule für Werkkunst. 1948 siedelte Grohmann nach West-Berlin über, um dort an der Hochschule für Bildende Künste zu lehren. Zudem war er Mitorganisator der Documenta I, II und III sowie der Biennalen in Venedig, São Paulo und Paris. Blick in die Ausstellung; Blick in die Ausstellung; | © Staatliche Kunstsammlungen Dresden/Fotograf: Herbert Boswank

Geschichten hinter den Bildern

Geschichte und die Geschichten hinter den Bildern werden in der Ausstellung eher unauffällig mit Medienstationen vermittelt: Der Besucher kann in einem virtuellen Fotoalbum blättern, Artikel Grohmanns nachlesen, sich seine recherchierte Privatsammlung vor Augen führen oder Radiobeiträge hören.

Außerordentlich aufschlussreich ist eine 3-D-Rekonstruktion der Allgemeinen Deutschen Kunstausstellung 1946 in Dresden. Diese erste und einzige gesamtdeutsche Ausstellung im geteilten Deutschland hatte Grohmann mitinitiiert und -organisiert: nicht zuletzt, um viele „seiner“ Künstler, über die er während der Zeit des Nationalsozialismus nicht schreiben konnte, weil ihr Werk als „Entartete Kunst“ verfemt wurde, zu rehabilitieren.