Documenta 13 Eine Bilanz in Bildern

Am 16. September 2012 schloss die Documenta 13 in Kassel nach 100 Tagen ihre Pforten – und sprengte bis dahin alle Dimensionen. Der Fotograf und Konzeptkünstler Philipp J. Bösel hat für Goethe.de Bilder zu jenen Kunstwerken zusammengestellt, die ihn am meisten beeindruckt haben.

Documenta-Besucherin vor einem Werk Goshika Macugas; Documenta-Besucherin vor einem Werk Goshika Macugas; | © Philipp Bösel Der Etat der Documenta 13 war mit 24,6 Millionen Euro so hoch wie nie zuvor; mit etwa 200 ausstellenden Künstlern und 60 Ausstellungsorten an vier Präsentationsstätten – Kassel, aber auch Alexandria/Kairo, Banff und Kabul – war sie zudem eine der größten und raumgreifendsten der Geschichte der Weltkunst-Schau.

Rund 100 Theoretiker und Forscher präsentierten ihre Arbeiten und Ideen – zusätzlich zu teils spontanen Kunstaktionen: Der erweitere Kunstbegriff von Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev ließ die Grenzen zwischen Kunst und Wissenschaft, Kunst und Natur, Kunst und politisch-sozialem Engagement immer wieder kreativ verschwimmen.

Über 860.000 Besucher wollten das Kunst-Spektakel auf fast 10.000 Rundgängen sehen oder in durchschnittlich drei Besuchstagen eigenständig erkunden – 14 Prozent mehr als 2007 bei der Documenta 12: auch das ein neuer Rekord.

Einer dieser Besucher war der Kölner Fotograf, Grafiker und Konzeptkünstler Philipp Bösel, der seit 1987 die Documenta in Fotos und Filmen festhält. Er ist über das Ausstellungsgelände gegangen und hat eingefangen, was aus seiner Sicht an Eindrücken von der Documenta bleiben wird.
 

  • Die Schönheit der Wissenschaft Foto: Philipp Bösel
    Die Schönheit der Wissenschaft
    In einer wissenschaftlichen Installation zeigte der Wiener Experimentalphysiker Anton Zeilinger mathematische Formeln und schickte Photonen durch Laserapparaturen. Mitarbeiter erklärten den Besuchern vor Ort, wie sich deren Daten durch den Betrachter des Experiments verändern.

    Damit verwies Quanta Now, als im Kern wissenschaftlicher Beitrag, nicht nur auf jenen unsichtbaren Teil des Mikrokosmos, bei dessen Wahrnehmung sich für Zeilinger Mathematik und Schönheit berühren, sondern vor allem auch auf den erweiterten Kunstbegriff der Documenta-Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev.
  • Dynamischer Stillstand Foto: Philipp Bösel
    Dynamischer Stillstand
    Der leere Raum zwischen den Exponaten spielte auf der Documenta 13 eine zentrale Rolle – und war selbst Teil des künstlerischen Konzepts. Wo auf früheren Schauen im größten Saal der Documenta-Halle dichtgedrängt die Werke verschiedener Künstler standen, war diesmal viel Platz für das Werk eines einzigen Künstlers.

    Thomas Bayrle nutzte die Gelegenheit zu einer imposanten Retrospektive mit einem aus kleinen Flugzeugbildern zusammenmontierten Flugzeugbild von 1982 oder sinnfreien Maschinen aus Motoren, die wie Gebetsmühlen der Moderne ins Leere liefen. Nur die monumentale Arbeit Carmageddon (links) war eigens für die Documenta 13 geschaffen.
  • Gedanken zum Mitnehmen Foto: Philipp Bösel
    Gedanken zum Mitnehmen
    Die Formeln des Denkens sichtbar machen – das versuchte die postmoderne Malerin Ida Applebroog im Fridericianum. In 100 Notizen – 100 Gedanken arrangierte sie Auszüge aus ihrem privaten Notizbuch, aber auch Storyboards und musikalische Ideen – und ließ in der Eröffnungswoche ihre Gedanken auf Klapptafeln von Studenten buchstäblich durch Kassel spazieren tragen.

    Gleichzeitig konnten Documenta-Besucher Teile der Installation aus Papierkisten mit nach Hause nehmen. Im Verlauf der Kunstschau wurde das Kunstwerk also immer unsichtbarer.
  • Licht ins Unbewusste Foto: Philipp Bösel
    Licht ins Unbewusste
    Mit Stress, Angst und Depression wirft das Großstadtleben bekanntlich lange Schatten auf die Seele. Im freundlich hellen Sanatorium von Pedro Reyes konnten Documenta-Besucher in Diagnosegesprächen ihr Unterbewusstes von Kunststudenten „therapieren“ lassen – allerdings erst, nachdem sie unterschrieben hatten, von dem Kunstprojekt keine Heilung zu erwarten.
  • Kunsterfahrung für Mutige Foto: Philipp Bösel
    Kunsterfahrung für Mutige
    Anders als Pedro Reyes wollte die begehbare Skulptur von Gabriel Lester die Documenta-Besucher bewusst im Dunkeln lassen. Wer sie betrat, konnte die Welt für die Zeit des Durchgangs ausblenden – absolute Lichtlosigkeit im Scheitelpunkt der Kurve inklusive.

    Als der Fotograf sein Bild machte, fand im Schutzraum der Außenhülle gerade eine spontane Performance statt.
  • Das geknüpfte Foto Foto: Philipp Bösel
    Das geknüpfte Foto
    Auch ein Teil dieses raumgreifenden Kunstwerks von Goshka Macuga blieb für die meisten Betrachter verborgen. Denn das Pendant der 17 Meter langen und fünf Meter hohen Arbeit Of what is, that it is; of what is not, that is not im Fridericianum hing im Königinnenpalast von Kabul in Afghanistan.

    Wer nicht genau hinsah, übersah ohnehin Wesentliches. Denn Macugas geheimnisvolles, aus mehreren Fotos montiertes Werk ist kein Fotoabzug, sondern ein fotorealistischer Wandteppich.
  • Gepflanzte Bronze Foto: Philipp Bösel
    Gepflanzte Bronze
    Rätselhaft ist auch Giuseppe Penones zwischen Natur und Kunst angesiedelte Idee di Pietra („Ansichten eines Steins“), bei der ein echter Findling von einem Baum während des Wachstums scheinbar in die Höhe gestemmt worden ist.

    Aber auch Penone spielt mit Struktur und Materialität seiner Skulptur, die schon zwei Jahre vor Eröffnung der Documenta „gepflanzt“ worden ist. Denn der Stamm der Idee ist aus Bronze – was sich so richtig nur durch Berührung offenbarte.
  • Kampf gegen das Verschwinden Foto: Philipp Bösel
    Kampf gegen das Verschwinden
    In Song Dongs Doing Nothing Garden hatte sich die Zivilisation selbst unter wild wuchernder Natur verborgen: Auf einer künstlichen Müllkippe aus Bauschutt und organischem Abfall hatte der Künstler Blumen und Kräuter angepflanzt, die ohne weiteres menschliches Zutun wachsen durften: ein Anblick, der die Documenta-Besucher zu Müßiggang einladen sollte.

    Die „künstlerische Handschrift“ war nur in Form chinesischer Schriftzeichen sichtbar, die gegen die wachsende Pflanzenpracht – und damit gegen das Verschwinden – ankämpfen mussten.
  • Auf tönernen Hufen Foto: Philipp Bösel
    Auf tönernen Hufen
    Wie die Natur letztendlich über das Artifizielle triumphieren kann – und gerade dadurch Teil des Kunstwerks wird –, illustrierten auch die filigranen, surreal anmutenden Skulpturen des Argentiniers Adrian Villar Rojas, die in den Kasseler Weinbergterrassen langsam zu zerbröckeln drohten.

    Dieser über ein Skelett aus Draht und Holz gezogene Hirschkörper aus Lehm und Ton wird langsam von der Sonne und vom Gras zerfressen.
  • Bestechende Schönheit Foto: Philipp Bösel
    Bestechende Schönheit
    Bei Pierre Huyghes Installation verbarg sich das ästhetisch Geformte mit großer Geste ohnehin hinter dem organisch Gewachsenen (in diesem Fall: einem Bienenstock) – oder einem bewusst gesetzten Chaos aus Schutt und Brennnesseln.

    Der Titel der Arbeit: Untilled („unbearbeitet“, „unkultiviert“), ist hier Programm. Der Schirm wurde offenbar angeweht, passt aber ins Zufällige des Konzepts. Oder wurde er der nackten Frau von der weißen Podenco-Hündin mit dem rosafarbenen Bein verehrt, die – hier nicht im Bild – ebenfalls zur Installation gehörte?
  • Hier gibt es nichts zu sehen! Foto: Philipp Bösel
    Hier gibt es nichts zu sehen!
    Scheinbar nackte Natur präsentierte das Künstlerpaar Janet Cardiff und George Bures Miller – denn bei ihrer Installation Forest (for a Thousand Years) gab es wirklich nichts zu sehen.

    Stattdessen berieselte ein teils bedrohliches, teils pompöses Klanggemisch aus reitenden Pferden, Kampffliegern, Gesprächsfetzen und Sphärenklängen aus rund 30 Lautsprechern den Besucher, der sich auf den abgesägten Baumstämmen unter den Baumkuppeln niederließ.
  • Kaffee-Station für Polizisten Foto: Philipp Bösel
    Kaffee-Station für Polizisten
    Nicht alles, was während der Documenta 13 zu sehen war, wollte Kunst sein – auch wenn es so aussah. Dieser Wohnwagen etwa diente während der Kunstschau tatsächlich als Pausenraum der dort beschäftigten Polizisten. Aber für die 100 Tage der Documenta 13 in Kassel stand irgendwie doch alles im Stadtraum unter dem Verdacht, Kunst zu sein.
  • Kunst im Auge des Betrachters Foto: Philipp Bösel
    Kunst im Auge des Betrachters
    Wie von Documenta-Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev gewollt, war ohnehin alles nur eine Frage der Perspektive.

    So formierte sich die aus rostigem Metallschrott zusammengestellte Skulptur von Lara Favaretto hinter dem Kasseler Hauptbahnhof, dem Documenta-Leitmotiv „Collapse and Recovery“ gemäß, erst vom Standpunkt des Betrachters aus – im Blick des Fotografen etwa zu einer Art Endzeit-Raumschiff.
 

Philipp Bösel, Jahrgang 1961, machte 1988 seinen Master of Arts an der Universität von London. Danach war er als Lehrbeauftragter für gestalterische und künstlerische Projekte an der Kölner Kunsthochschule für Medien tätig.