Leipziger Kunstszene Sie malen noch immer, aber nicht nur

Erst ein unerwarteter Kunstmarkterfolg, dann eine Blase: Der Hype um die Neue Leipziger Schule hat die Stadt Leipzig auf der Kunstweltkarte verortet, aber auch die Sicht eingeengt.

Es ging zu wie beim Spiel „Stille Post“, nur nicht still: vom Meisterschüler zum Wunderkind. So wurde eine kleine Schar von Leipziger Malern vor fast genau zehn Jahren gefeiert – von der New York Times über einschlägige Kunst- und TV-Politmagazine bis hin zu Frauenzeitschriften und Boulevardblättern. Der Name New Leipzig School ist bis heute umstritten und wird von den Betroffenen zurückgewiesen. Er prägte sich jedoch schnell als Marke ein, sodass die Qualität der Werke kaum noch eine Rolle spielte. Gemeint waren vor allem Tilo Baumgärtel, Tim Eitel, Martin Kobe, Christoph Ruckhäberle, David Schnell, Matthias Weischer – damals alle Anfang 30, mehr oder weniger figürlich malend – bis auf Tilo Baumgärtel jedoch gar nicht aus Leipzig. Sie kamen nach Leipzig, weil sie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) das Malen lernen wollten, was im Kunstbetrieb zu der Zeit als gestrig verschrien war.

Mit Liga, ihrer Berliner Produzentengalerie auf Zeit, promoteten sie sich zuerst selbst, später übernahmen das Galeristen. Nach regionalen Traditionen stand ihnen nie der Sinn. „Young Painters from Leipzig“ machte sich aber als Label für Käufer und Sammler bezahlt.

Meister, Schüler, Markt

Eine Schlüsselfigur ist Neo Rauch. Er hatte in den Achtzigerjahren an der HGB studiert, war dort Mitte der Neunziger Assistent. Die 2005 begonnene Professur gab er jedoch wenige Jahre später wieder auf, betreut seither nur noch fünf Meisterschüler. Sein Erfolg hat ermutigt und verblendet. Er ist durch und durch Maler, mit einem Namen, der als Pseudonym durchgehen könnte, mit Charisma und Hand- und Imaginationskraft für große Formate. Das letzte Tief der immer mal wieder totgesagten Malerei hatte er ausgehalten und wurde nun ihr ebenso geschätzter wie kritisierter Star, flankiert von seinem geschäftstüchtigen Galeristen Gert Harry Lybke.

Arne Linde betreibt die Galerie Aspn, deren Räume sich wie ein Dutzend weitere Galerien und zahlreiche Ateliers in der als Kunstzentrum bekannt gewordenen ehemaligen Baumwollspinnerei in Leipzig-Plagwitz befinden. „Die Leipziger Malerei war immer stark und selbstbewusst – und sie ist es noch, nach dem Abklingen des Hypes jedoch unter veränderten Bedingungen“, meint Linde. „Die Bandbreite und Komplexität der hiesigen Szene vervielfältigt sich derzeit immens. Was eben auch damit zu tun hat, dass die jüngere Generation sich von der Fokussierung auf einige wenige Vorbilder oder Erfolgsmodelle nun entspannt befreien kann.“

Mythos ade

Die nächste Generation, also die heute dreißigjährigen Künstlerinnen und Künstler behaupten ganz selbstverständlich und sehr unterschiedlich handwerkliche, imaginäre und sinnliche Qualitäten in der Malerei, aber auch in Zeichnung und Grafik.

Franziska Holstein zum Beispiel arbeitet mit geometrischen Rastern. Die Fotografin Grit Hachmeister reagiert autodidaktisch unbefangen und humorvoll auf Medienklischees. Andere – wie Johannes Rochhausen in seinen melancholischen Atelier-Interieurs oder Katrin Thiele in unheimlichen Szenerien – konzentrieren und sublimieren Mittel und Motive.

Für Reibung und freilich auch Konkurrenz sorgen nach wie vor konzeptionell arbeitende Künstler und Künstlerinnen, wie die Gruppe Famed, Luise Schröder oder Silke Koch.

So spielt Silke Koch mit einer Installation von 2005/2006 nicht ohne Ironie sowohl auf den Mythos der jungen Maler an als auch auf Veränderungen, die sich nach dem Mauerfall in ihrer ostdeutschen Heimatstadt vollzogen: „Ist New Leipzig Beobachtung oder Behauptung, Fiktion oder Wirklichkeit? Und wo ist die New Leipzig School zu orten?“ Den Schriftzug „New Leipzig School” fand sie nämlich auch an einem alten Schulgebäude – in einem Ort in North Dakota (USA), der New Leipzig heißt. Wie es dort aussieht, hielt sie in Fotografien, einem Video, Texten und einer übermalten Landkarte fest.

Leipzig als Ort der Fotografie

Viel zu wenig bekannt ist, dass auch einige der spannendsten jüngeren Fotografen an der HGB studierten: Tobias Zielony, Clemens von Wedemeyer, Sven Johne oder Sebastian Stumpf.

Ein Vorteil von Leipzig ist, sagt der gebürtige Würzburger Stumpf, dass man immer wieder von hier weggehen kann und dann schnell und unkompliziert wieder ankommt. „Hier ist der Ort, an dem ich Konzentration für meine Arbeit finde.“ Seine Fotografien und Videos sind bisher vor allem in Metropolen entstanden: Man sieht den Künstler von Brücken springen, auf spärlich wachsende Bäume klettern, in Pfützen liegen oder sich in Häuserlücken platzieren. Performances ohne Publikum. Der Selbstauslöser ist Corpus Delicti bei diesen abwegigen (Um)Welt- und Selbsterkundungen. Die unwirklich-wirkliche Landschaft südlich von Leipzig – dort wo Restlöcher des Braunkohle-Abbaus zu einem Seengebiet „rekultiviert“ werden – ist Schauplatz der komplexen und malerischen neuen Arbeiten.