Berlin-Biennale 2014 „Mehr als Mitte“

Juan A. Gaitán, Kurator der achten Berlin-Biennale für zeitgenössische Kunst
Juan A. Gaitán, Kurator der achten Berlin-Biennale für zeitgenössische Kunst | Foto (Ausschnitt): © Thomas Eugster 2013

Juan A Gaitán kuratiert die Berlin-Biennale 2014 für zeitgenössische Kunst. Dafür hat er sich vorgenommen, aus der zunehmend um die Museumsinsel in Berlin-Mitte konzentrierten Kunstlandschaft auszubrechen. Auf der Suche nach Kontrasten im museologischen und ästhetischen Sinn lädt er internationale Künstler ein, in der Berliner Peripherie auszustellen.
 

Juan A. Gaitán, Sie wohnten zuletzt in Mexiko-Stadt, einer der größten Metropolen der Welt. Zur Vorbereitung der achten Berlin-Biennale sind Sie in die deutsche Hauptstadt gezogen. Könnte der Kontrast größer sein?

Meine Wohnung in Mexiko lag in der Nähe des Angel de la Independencia, einer Nachbildung der Berliner Siegessäule – also aus meiner Perspektive gar kein so großer Unterschied. Doch im Ernst: Das wirtschaftliche Wachstum in Mexiko hat dazu geführt, dass inzwischen zahlreiche Künstler auf internationalem Niveau arbeiten – nicht anders als in Berlin. Es gibt international agierende Galerien. Und allein die Universidad Nacional Autonóma de México unterhält dort 24 Museen. Mir erscheint die institutionelle Situation der zeitgenössischen Kunst in Berlin sogar prekärer – auch wenn die soziale Realität in Mexiko-Stadt ganz offensichtlich eine sehr viel härtere ist.

In der relativ kurzen Geschichte der Berlin-Biennale war die Wahl des Ausstellungsortes immer auch ein deutliches kuratorisches Statement. Sie haben sich für zwei Lokalitäten im bürgerlichen Westen, der Peripherie Berlins, entschieden: die Museen Dahlem – Staatliche Museen zu Berlin und das Haus am Waldsee. Aus welchem Grund?

Meine Entscheidung für die Museen in Dahlem in der Nähe zur Freien Universität steht im Zusammenhang mit den aktuellen kulturpolitischen Anstrengungen, alle Museen an einem relativ kleinen Ort im Zentrum Berlins zu konzentrieren – in einer Stadt, die sehr viel größer ist als nur der Stadtteil Mitte. Die Wahl signalisiert aber auch das Interesse an einer theoretischen Auseinandersetzung über Unterschiede museografischer Objekte. Der Kontrast zwischen zeitgenössischer und historischer Kunst und ethnologisch beschreibenden Objekten erscheint mir wichtig. Sie sind nicht gleichartig allein durch die Tatsache, dass sie jeweils Bestandteil der Museumskultur sind. Es geht vielmehr um heterogene kulturelle Praktiken, die in vielen Fällen nicht miteinander zu versöhnen sind.Das Haus am Waldsee repräsentiert für mich eine europäische, suburbane, industrielle Kultur des 19. Jahrhunderts, die das romantische Bild der Natur etablierte und von Ethnografen, Philosophen und den intellektuellen Kreisen dieser Zeit propagiert wurde. Die Villa mit ihrem weitläufigen Garten am See steht auch für das Mäzenatentum und die Kultur des bürgerlichen Salons. Es ist ein Ort, den viele Leute in Berlin nicht kennen.
     
Im Vorfeld der Berlin-Biennale eröffneten Sie Anfang 2014 "Crash Pad", eine Rauminstallation des griechisch-norwegischen Künstlers und Architekten Andreas Angelidakis im KW Institute for Contemporary Art. Es folgte die australische Konzeptkünstlerin Agatha Gothe Snape, deren fortlaufende Textarbeit auf der Website der Berlin-Biennale zu sehen ist und Olaf Nicolai, Danh Vo und Tarek Atoui aus Ihrem Beraterteam. Wie haben Sie ihre Auswahl getroffen?

Viele der eingeladenen Künstlerinnen und Künstler leben nicht in Berlin, sondern in ihren Herkunftsländern. Manche kommen aus Indien, Pakistan, Südafrika, Kolumbien, Mexiko, Frankreich oder Deutschland. Ich habe sie nicht als Vertreter eines Landes ausgewählt, sondern weil sie gute Künstlerinnen und Künstler sind.

Ein Zusammenhang ergibt sich vielfach durch ein affektives Verhältnis der künstlerischen Beiträge zur Geschichte. Viele Künstlerinnen und Künstler beschäftigen sich mit dem Phänomen Bild. Bilder erziehen und verändern uns. Für die Konzeption der achten Berlin-Biennale war es mir wichtig, dass es zwei unterschiedliche Annäherungen dazu geben würde – eine analytisch-investigative und eine angewandte, die aber das eigene Medium kritisch reflektiert.

Inzwischen gibt es weltweit unzählige Kunstbiennalen. Was unterscheidet die Berlin-Biennale zum Beispiel von der in Busan, Cuenca oder Istanbul?

Abgesehen von Venedig halte ich Berlin für die wichtigste der Biennalen in Europa. Es gibt hier in der Stadt eine sehr große Kunstszene, die eine Basis bildet. Die Berlin-Biennale bietet lokal die wichtigste Plattform für zeitgenössische Kunst. Meine Beschränkung besteht lediglich darin, die kuratorischen Möglichkeiten innerhalb des Budgets zu finden. Vielleicht existieren weltweit noch ein oder zwei Biennalen, die kuratorisch etwas so Experimentelles zulassen wie in Berlin.

Berlin-Biennale 2014

Am 28. Mai 2014 eröffnet die achte Berlin-Biennale für zeitgenössische Kunst. Kuratiert wird sie von dem 1973 in Kanada geborenen Kolumbianer Juan A. Gaitán. Der Autor und Kunsthistoriker arbeitete von 2009 bis 2011 als Kurator am niederländischen Witte de With Center for Contemporary Art in Rotterdam. Die Berlin-Biennale findet seit 1998 im zwei- bis dreijährlichen Rhythmus an verschiedenen Orten statt, die der jeweilige Kurator selbst wählt.