Dritte Quadriennale Düsseldorf Geschichten von Zukunft

Kunstsammlung NRW K20 Wassily Kandinsky Bild mit weißem Rand, 1913 Öl auf Leinwand 140,3 x 200,3 cm Solomon R. Guggenheim Museum, New York
Kunstsammlung NRW K20 Wassily Kandinsky Bild mit weißem Rand, 1913 Öl auf Leinwand 140,3 x 200,3 cm Solomon R. Guggenheim Museum, New York | © ADAGP, Paris

Es ging um das Unterirdische, um Alchemie und digitalen Kapitalismus. 13 Museen und Ausstellungshäuser beteiligten sich an der dritten Ausgabe des 2006 ins Leben gerufenen Festivals. „Über das morgen hinaus“ lautete das gemeinsame Leitmotiv.

„Zukünfte?“ – Der eigentlich seltene Plural des Wortes Zukunft war im Sommer 2014 in Düsseldorf recht häufig in Gebrauch. Über das morgen hinaus lautete das Motto der Quadriennale Düsseldorf 2014 vieldeutig. Das wieder groß angelegte und großzügig finanzierte Festival sollte noch mehr Aufmerksamkeit für die reiche Kunstszene der Stadt am Rhein bringen. Gleich 13 Institutionen hatten sich das Thema Zukunft auf die Fahnen geschrieben. „Schon seit der Antike trifft man zudem immer wieder auf die Vorstellung, Kunst könne Zukunft sogar vorwegnehmen, Utopien entwickeln, als Motor der Geschichte fungieren.“ So begründete der künstlerische Berater Wolfgang Ullrich die gemeinsam mit den Düsseldorfer Kuratorinnen und Kuratoren erarbeitete Dramaturgie, die freilich eher eine lose Klammer war. Obwohl sogar ein Netzwerk von elf verbindenden Begriffen erfunden wurde: Aufbruch, Fortschritt, Experiment, Rückzug, Utopie und Erde zum Beispiel.

Unter der Erde

Unter der Erde. Von Kafka bis Kippenberger hieß die Ausstellung im K21, dem zeitgenössischen Part der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Die Besucher bekamen Franz Kafkas Erzählung Der Bau als Begleitheft in die Hand gedrückt. Denn zu sehen waren lauter Werke mit Bunkern, Tunneln, Höhlen und Kellern, die vom menschlichen Eindringen in unterirdische Regionen zeugen – auf der Suche nach Zuflucht, Abenteuer oder Horror. Henry Moore hielt in Zeichnungen fest, wie Einwohner Londons im Zweiten Weltkrieg dicht an dicht in den U-Bahn-Schächten Schutz fanden. Thomas Schütte konnte mit seinen wie Maulwurfshügel wirkenden kuriosen Bunkermodellen ironisch die Atomkriegsgefahr bannen. Durch ein riesiges Abflussrohr lockte Gregor Schneider in ein kahles Kinderzimmer, in dem man Gänsehaut bekommt. Bruce Nauman ließ eine Überwachungskamera Bilder aus einem unzugänglichen eingegrabenen Raum senden. Roni Horn setzte echte Ameisen in einer engen, mit Erde gefüllten Vitrine den Blicken der Besucher aus. Keine rosigen Aussichten: Utopien sind rar in der zeitgenössischen Kunst. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es sie noch. Das führte die Komplementärausstellung im K20 mit drei großen Namen und hochkarätigen Leihgaben vor: „Der weiße, freie Abgrund, die Unendlichkeit liegt vor uns“, konnte Kasimir Malewitsch 1919 noch verkünden und das Weiß als „Manifestation des befreiten Nichts“ feiern. Auch Wassily Kandinsky und Piet Mondrian führte diese Nichtfarbe auf den Weg in die Gegenstandslosigkeit. Das Ausstellungsdisplay ordnete die Werke der Drei in parallelen Strängen an und bot in vier „Laboratorien“ Einblicke in damaliges naturwissenschaftliches und philosophisches Denken.
 
Kunsthalle Düsseldorf INS-Erklärung zur Uneigentlichkeit, Tate Britain, London 2009 Bildergalerie: Die dritte Quadriennale Düsseldorf Kunsthalle Düsseldorf INS-Erklärung zur Uneigentlichkeit, Tate Britain, London 2009 | © 2014 Richard Eaton/Tate, courtesy of International Necronautical Society, Foto: INS Department of Propaganda
 

Die Kunst Gold zu machen

Ist es das Geheimnis der Verwandlung – so der Untertitel einer weiteren Quadriennale-Ausstellung –, das Kunst schon immer vorangetrieben hat? Aus Denken und Fühlen Bilder, Skulpturen und mehr machen – und vielleicht sogar Gold: Die Ausstellung Kunst und Alchemie ging verwegen und fantastisch mit dem Thema um. Sie wollte durch alle Epochen und Gattungen führen. Waren Adam und Eva die ersten Alchimisten und Sigmar Polke, Rebecca Horn oder Neo Rauch nicht die letzten? Auch wenn man nicht allen Mutmaßungen der aufwendig recherchierten und wunderbar präsentierten Ausstellung im Kunstpalast Düsseldorf folgen mag, der Parcours durch die Geschichte der Alchemie war ebenso spannend wie der Exkurs in die Gegenwartskunst. Hier und da gab es Überraschungen. Wie die Bilder des Surrealisten Victor Brauner oder Das Chymische Lustgärtlein (2013/14) von Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger: Auf einem riesigen weiß gedeckten Holztisch ergeben allerlei heutige Dinge ein phänomenales Ganzes – farbige Lösungen und Kristalle aus Kunstdünger und Salzen, künstliche und echte Pflanzenteile, Gefäße, industriell hergestellte Nahrungsmittel sowie Spiegel, Häkeldeckchen, Kosmetikprodukte, Schmerzmittel, CDs und Schallplatten.

Anish Kapoor, ebenfalls in der Ausstellung präsent, sagt: „Am Ende ist das, womit jeder arbeitet, er selbst. Jede Skulptur, jede Zeichnung, jedes Gemälde ist so eine Art Chemie; es ist eine Art Alchemie.“ Man kann ihm nur zustimmen.

Illusion als revolutionäre Waffe

In der Kunsthalle Düsseldorf jedoch wurde klar, dass es darauf bald nicht mehr ankommt: Unter dem Titel Smart New World thematisierten Künstler, dass mit dem Zeitalter der Digitalisierung eine Gesellschaft totaler Überwachung angebrochen ist. In die Ausstellung wurde man nur eingelassen, wenn man das Eintrittsformular unterschrieben hat. Dessen Punkt sieben lautete: „Die Illusion ist eine revolutionäre Waffe“.

Turbulent ging es auch in der privaten Julia-Stoschek-Collection zu, die Videos der kürzlich verstorbenen US-amerikanischen Künstlerin Sturtevant zeigte. Und in der Langen-Foundation erinnerten die aufblasbaren Skulpturen von Otto Piene, dem Mitbegründer der ZERO-Gruppe, daran, dass Aufbrüche in erhoffte Zukünfte noch gar nicht so lange zurückliegen.