Bildhauer Fritz Koenig wird 90 Vorzeigen zumutbarer Dinge

Portrait Fritz Koenig
Portrait Fritz Koenig | Foto: Dr. Karl-Heinz Rothenberger

Die Formensprache mag sich über die Jahre und Jahrzehnte gewandelt haben, doch waren es stets die großen, existenziellen Themen und Fragestellungen, denen sich der Bildhauer Fritz Koenig gewidmet hat. Während seine Werke weltweit ausgestellt wurden, blieb der Künstler selbst in der niederbayerischen Heimat tief verwurzelt.

Betritt man das Landshuter Skulpturenmuseum im Hofberg, das sich seit 1998 dem Werk und der Sammlung von Fritz Koenig widmet, fällt ein Handabdruck in einem der Ziegel der unverputzten Backsteinwand auf. Es ist nicht etwa die Signatur des Künstlers und Stifters, vielmehr darf man es als Gruß und Geste von ihm verstehen, denn es handelt sich bei dem historischen Fundstück um einen sogenannten Feierabendziegel. Mit diesen haben Ziegeleiarbeiter einst einen ungebrannten Tonziegel als letzten eines Tagewerks mit einem Abdruck gekennzeichnet. Auch wenn solche buchstäblich greifbaren Anregungen im Werk Koenigs nicht vordergründig zu finden sind, so fließen doch Belege aus der Ethnologie, liturgisches Gerät oder afrikanische Plastik mit ein, ebenso wie Beobachtungen von Mensch und Tier und dem eigenen Leben. Lebensformen und Erfahrungen werden sichtbar gemacht – nicht narrativ, sondern eher reduktiv: Koenig abstrahiert alles Subjektive, Individuelle, sodass am Ende eine Aussage allgemeiner Gültigkeit steht. Es sind die großen Themen des Lebens, die unabdingbare Abfolge von Werden und Vergehen oder Liebe und Tod, die in den Plastiken, begleitenden Zeichnungen und Kartonreliefs mit inhaltlich wie formaler Strenge verhandelt werden. Auch das Pferd – mit und ohne Reiter oder als Mischform – ist ein wichtiges Motiv Koenigs, denn Pferde, so der Künstler und Züchter von Vollblutarabern, seien überhaupt die schönsten Skulpturen.

Zwischen Landshut und anderswo

Mit fünf Jahren kam der 1924 in Würzburg geborene Koenig mit seiner Mutter nach Landshut. Nach einem Studium bei Anton Hiller an der Münchener Akademie der Bildenden Künste hatte er eine Professur für Plastisches Gestalten an der Technischen Universität München inne. Koenig kann auf eine rege Reise- und internationale Ausstellungstätigkeit verweisen. Gelebt hat er jedoch immer in Landshut. So kann man nun im Museum der ehemaligen Residenzstadt Landshut im Kleinen betrachten, was in größeren Dimensionen auf der ganzen Welt Beachtung findet. Zu Beginn steht die vielfigurige Menschenplastik Golgatha von 1956, in der sich die Körper verbinden und einander durchdringen, in der sie Eins werden ohne dabei an Gestalt zu verlieren: sie zeigt das Bändigen der Vielfältigkeit in der Einheit. Koenig kommt bei seinen Skulpturen mit dem geometrischen Formenvokabular von Kugel, Kubus und Zylinder aus – Formen von denen Paul Cézanne meinte, dass auf sie die gesamte Natur zurückgeführt werden könne. Das von Koenig 1982 entworfene Mahnmal der Bundesrepublik Deutschland im ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen (Österreich) ist wohl das ergreifendste Beispiel dieser Formenreduktion. In einem Winkel, in dem zwei groß dimensionierte, rostige Ebenen zusammentreffen, fügen sich eine Kugel und Stäbe zu einer einzelnen Figur, die hier die letzte Ruhe gefunden hat. Angesichts des Massenmordes ist es, als ob jene singuläre Kreatur jedem einzelnen Opfer seine Würde zurückgeben würde.
 
Bildergalerie: Skulpturen von Fritz Koenig
 

Zeichnung als begleitendes Medium

Die Zeichnungen Koenigs begleiten das plastische Werk zwar, bleiben aber ein eigenständiges Medium. Die Hand scheint hier befreit vom Gewicht der Themen wie des Materials. Weiße Lichtflächen modellieren die Linien zu plastischen Körpern auf dem Papier. In den Werken fließen die Gedanken über Figuration, Bewegung und das ewige Thema der Paarung differenziert dahin und werden zu Aufzeichnungen einer Idee.

Mahnmal wider Willen

Aus heutiger Sicht schwingt bei der Scherenschnitt-Reihe Beben, entstanden in den 1990er-Jahren, eine dunkle Vorahnung mit. Das Papier ist geknittert, ebenso die beiden stilisierten Zwillingstürme. Was mag sich Fritz Koenig wohl gedacht haben, als er die Bilder nach den Anschlägen vom 11. September 2001 gesehen hat? Der Ort war ihm durchaus vertraut, 1967 war er beauftragt worden, am Areal des World Trade Centers in New York den mächtigen Türmen plastisch etwas entgegenzusetzen und dennoch bei einer Dimension zu bleiben, die den Menschen nicht zusätzlich überwältigt. Fortan drehte sich die 7,60 Meter hohe Kugelkaryatide inmitten einer Brunnenanlage halbstündlich einmal um ihre eigene Achse und wirkte dabei, als würde sie aus dem Wasser aufsteigen. Als man The Sphere – wie man die Bronzeskulptur in den USA nennt – aus den Trümmern geborgen hatte, war sie beschädigt, jedoch nicht zerstört. In ihrer Versehrtheit wurde sie nun, entgegen ihrer ursprünglichen Bestimmung, zum Ausstellungsstück der Gedenkstätte im nahe gelegenen Battery Park.