Ausstellung „Beuys Brock Vostell“ Werk und Wirkung

Bazon Brock, „Die Linie von Hamburg“. Gemeinsame Aktion von Bazon Brock und Friedensreich Hundertwasser an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg, 18.–20. Dezember 1959.
Bazon Brock, „Die Linie von Hamburg“. Gemeinsame Aktion von Bazon Brock und Friedensreich Hundertwasser an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg, 18.–20. Dezember 1959. | Foto: Photo-Graphik-Witting, © Bazon Brock, © 2014 Hundertwasser Archiv, Wien

Jeder von ihnen verfügt über ein umfangreiches Werk, sie waren miteinander befreundet und traten bei wichtigen Aktionen gemeinsam auf. Das Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe (ZKM) widmet den drei bedeutenden deutschen Aktionskünstlern Joseph Beuys, Bazon Brock und Wolf Vostell eine Ausstellung und beleuchtet damit ihre zentrale Rolle in der Kunst der Nachkriegszeit und darüber hinaus für die performativen Künste.

Die Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges waren für viele künstlerische Positionen des 20. Jahrhunderts prägend. Im Falle von Beuys, Brock und Vostell sollten sie noch lange einen thematischen und politischen Schwerpunkt der Arbeit ausmachen. Hatten andere Kollegen ihren Ausdruck in der Malerei im abstrakten Informell gefunden, ging es den dreien darum, sich von den herkömmlichen Medien zu verabschieden. Es ging ihnen um eine Erweiterung des Werkbegriffes, um Skulptur als Handlung und vor allem um eine Miteinbeziehung des Publikums. Alle drei hatten für sich eine Form der Lehre gefunden, die auf eine Rezeptionsveränderung hinauslief. Es wurde agitiert und argumentiert, demonstriert und diskutiert. Während Joseph Beuys, ganz Missionar, seine Aktionen vor dem Publikum veranstaltete, forderte Vostell in den meisten seiner Aktionen dazu auf, selbst aktiv teilzunehmen. Bazon Brock verhielt sich diesbezüglich ambivalent. Er, der heute noch vornehmlich als Kunstvermittler der Nation wahrgenommen wird, nahm mal die Rolle des Akteurs und mal die des Animators ein.

Ausstellung „Beuys Brock Vostell“ – Videoführung mit Bazon Brock

Honigpumpe und Starfighter

Brock habe Wirkung ohne Werk, Vostell Werk ohne Wirkung. Beuys hingegen habe Werk und Wirkung, fasst es Brock, der einzige noch Lebende der Trias, heute zusammen. Im Zentrum der Ausstellung im ZKM stehen Aktionen, an denen alle drei beteiligt waren, beispielsweise das Festival der Neuen Kunst am 20. Juli 1964 in Aachen, das 24-Stunden-Happening in der Galerie Parnass in Wuppertal, Fernsehsendungen, wie Drehscheibe oder die Teilnahme an der Documenta 6 im Jahr 1977. Beuys installierte damals die Honigpumpe am Arbeitsplatz und nutzte die Räumlichkeit als permanentes Diskussionsforum. Bazon Brock öffnete zum zweiten Mal auf der Kasseler Großveranstaltung seine Besucherschule, in der ein Verständnis für zeitgenössische Kunst vermittelt werden sollte. Wolf Vostells ursprünglicher Beitrag sah vor, ein Kampfflugzeug vom Typ Starfighter auf das Dach des Fridericanums zu setzen, was an den Behörden und deren Unbehagen ob einer politischen Brisanz scheiterte. Gleichsam als posthume Genugtuung schwebt das Kampfflugzeug nun im Lichthof des ZKM. Zudem präsentiert das Museum mit dem Werk Transmigración von 1958 einen Neuzugang des Sammlungsbestandes. Es ist eines der ersten Werke der Kunstgeschichte überhaupt, in dem ein Fernseher integraler Bestandteil der Arbeit ist. Nicht nur in den partizipativen Künsten war Vostell ein Pionier.

Freilich machten jene Aktionen, die unter den Begriffen Fluxus, Happening und Agitprop firmieren, nur einen Teil des jeweiligen Werkes aus. Gleichsam zur Erklärung sind Einzelwerke der drei, in ihren Ansätzen doch recht unterschiedlichen Künstler, in die Ausstellung integriert. Der Beginn von Deutschlands Beitrag zur Performance-Kunst hingegen kann nur mittels Relikten, schriftlichen wie fotografischen Dokumenten und filmischen Aufzeichnungen veranschaulicht werden.
 
Bildergalerie: Beuys Brock Vostell
 

Lang gehegter Plan

„Umso besser können wir eine sinnvoll-schlagkräftige Publikation BBV (Beuys Brock Vostell) vorbereiten mit viel Text, ebenfalls Plakat. Lass uns etwas Zeit dafür“, schreibt Vostell zu Weihnachten 1964 an Brock zu den Überlegungen des der drei, ihre gemeinsamen Aktionen in einem Buch zu manifestieren. Zeit gelassen hat man sich in der Tat. Fünfzig Jahre später arbeitet das ZKM nun an diesem wichtigen Projekt und setzt damit auch den Schlusspunkt seines thematischen Schwerpunktes zu den Anfängen der Performativität und Partizipation. Wie bereits mit der Ausstellung Moments und Franz Erhard Walther. Raum durch Handlung (beide im Jahr 2012) wollte Peter Weibel, Direktor des Museums, der Aufgabe nachkommen, „das Gedächtnis zu liefern und die historischen Voraussetzungen zu aktuellen Tendenzen und Diskussionen aufzuarbeiten“.
 

Joseph Beuys, geboren 1921 in Krefeld, gestorben 1986 in Düsseldorf, gilt als Künstler und Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie als einer der einflussreichsten Protagonisten der Deutschen Nachkriegskunst. Zentrales Anliegen seiner „Sozialen Plastik“ war die Einflussnahme der Kunst auf politische und gesellschaftliche Veränderungen.

Bazon Brock, geboren 1936 in Stolp (heute Słupsk, Polen), studierte Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaften und unterrichtete Ästhetik und Kulturvermittlung in Hamburg, Wien und Wuppertal. Neben seiner Besucherschule auf der Documenta 4 (1968), 5 (1972) und 6 (1977) ist Brock einem breiten Publikum durch seine Moderation der 1997 bis 2008 ausgestrahlten Reihe Bilderstreit des Sender 3Sat bekannt.

Wolf Vostell, geboren 1932 in Leverkusen, gestorben 1998 in Berlin, absolvierte seine künstlerische Ausbildung nach einer Lithografielehre in Paris und Düsseldorf. Er gilt als einer der wichtigsten deutschen Protagonisten von Fluxus und Happening und als Pionier der Videokunst. Zentrale Bestandteile seines Werkes sind Dé-collagen, Verwischungen, sowie das Arbeiten mit Beton.

Beuys Brock Vostell – Aktion. Partizipation. Performance, Hrsg. Peter Weibel, ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe, mit einer Einleitung von Peter Weibel. Deutsch 2014. ca. 500 Seiten, ca. 700 Abb.