Neue Nationalgalerie „Ausweitung der Kampfzone“: Keine Angst vor Rot, Gelb, Blau

„Ausweitung der Kampfzone. Die Sammlung. 1968-2000“, Neue Nationalgalerie Berlin, vorne: Anselm Kiefer „Mohn und Gedächtnis“ 1989, hinten: Werner Tübke „Frühbürgerliche Revolution in Deutschland, 1979-81“ Entwurfsfassung 1:10 für das Panorama in Bad Frankenhausen
„Ausweitung der Kampfzone. Die Sammlung. 1968-2000“, Neue Nationalgalerie Berlin, vorne: Anselm Kiefer „Mohn und Gedächtnis“ 1989, hinten: Werner Tübke „Frühbürgerliche Revolution in Deutschland, 1979-81“ Entwurfsfassung 1:10 für das Panorama in Bad Frankenhausen | © VG Bild-Kunst, Bonn, Foto: Sigrun Hellmich

Die Neue Nationalgalerie Berlin zeigt in der dritten Präsentation ihrer Sammlung, wie sich Künstlerinnen und Künstler in den Jahren von 1968 bis 2000 zu gesellschaftlichen Konflikten positionierten.

Was sammelt ein Kunstmuseum und warum? Wer entscheidet über Ankäufe – angesichts wechselnder Hypes und explodierender Preise? Die Neue Nationalgalerie in Berlin bekennt Farbe. Und das muss sie auch. Der 1968 eröffnete Museumsbau von Ludwig Mies van der Rohe bleibt ab 2015 wegen Sanierung für mehrere Jahre geschlossen. Er kann die gewachsene Sammlung zur Kunst des 20. Jahrhunderts nach mehr als 40 Jahren weder quantitativ noch ästhetisch zur Geltung bringen.

Ein geplanter Erweiterungsbau muss legitimiert werden. Aber nicht nur deshalb führt eine mehrjährige Ausstellungs-Trilogie Teile der Sammlung prononciert vor. Es geht auch um die internationale Positionierung. In Berlin wurde anders gesammelt, betonen die Kuratoren. Bis zum Mauerfall war in der geteilten Stadt auch die Nationalgalerie geteilt. Seit 1990 ist die zuvor in West und Ost nach unterschiedlichen kulturpolitischen Maßgaben erweiterte Sammlung wiedervereinigt.

Weder Museum noch Kunst sind neutral

Die dritte Sammlungspräsentation – nach Moderne Zeiten (1900–1945) und Der geteilte Himmel (zu den Nachkriegsjahren) – provoziert nun mit dem Titel Ausweitung der Kampfzone. Das klingt nach geschicktem Marketing. Der Bezug zum gleichnamigen Roman des umstrittenen französischen Autors Michel Houellebecq, der seine Protagonisten an den Folgen von Wirtschafts- und Sexualliberalismus scheitern lässt, soll aber vor allem signalisieren: Weder Museum noch Kunst sind neutrales Terrain. In der kurzen Zeitspanne der letzten 30 Jahre des zu Ende gegangenen 20. Jahrhunderts rasen die Veränderungen – ausgelöst durch Studentenbewegung, sexuelle Befreiung, Rüstungswettstreit, Atomkriegsgefahr, Terrorismus, Umweltprobleme, Mauerfall und Untergang des Sozialismus, vorangetrieben durch Globalisierung, Computerisierung und Ökonomisierung aller Lebensbereiche. Findet sich das in der Kunst wieder? Ja, und nochmals ja, behauptet die Ausstellung.
 
  • Katharina Sieverding: Schlachtfeld Deutschland XI/78, 1978 Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie © VG Bild-Kunst, Bonn 2013, Foto: Jens Ziehe
    Katharina Sieverding: Schlachtfeld Deutschland XI/78, 1978 Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie
  • Bruce Nauman „Double Poke in the Eye II“, 1985, courtesy: Friedrich Christian Flick Collection im Hamburger Bahnhof © VG Bild-Kunst, Bonn 2013, Foto: Stefan Altenburger, Zürich
    Bruce Nauman „Double Poke in the Eye II“, 1985, courtesy: Friedrich Christian Flick Collection im Hamburger Bahnhof
  • Joseph Beuys: Richtkräfte einer neuen Gesellschaft, 1974-1977 Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie © VG Bild-Kunst, Bonn 2013, Foto: Jens Ziehe
    Joseph Beuys: Richtkräfte einer neuen Gesellschaft, 1974-1977 Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie
  • Gerhard Richter: Studio, 1985 Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie © Gerhard Richter, Foto: Jörg P. Anders © Gerhard Richter 2014
    Gerhard Richter: Studio, 1985 Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie

Am Anfang war Utopie

Den Ausstellungsauftakt bilden kryptisch beschriebene Schiefertafeln auf Staffeleien und auf dem Boden. Die raumgreifende Installation Richtkräfte einer neuen Gesellschaft (1974) von Joseph Beuys ist im Foyer zwischen Buch-Shop und Kasse zu sehen. Dort, außerhalb der eigentlichen Schauräume, hatte sie Beuys, der Kunst-Schamane und Kämpfer für eine „soziale Plastik“ 1977 aus Protest gegen die Ankaufspolitik des Museums ausgebreitet. Nun ist sie drin: Die Installation ist regulärer Teil der Sammlungspräsentation.

Wie unterschiedlich Kunst auf gesellschaftliche Konflikte reagiert, zeigt der Fotograf Wolfgang Tillmans. Er war irritiert von den vielen Soldatenfotos in amerikanischen und europäischen Zeitungen. Gesammelt und vergrößert an die Wand gepinnt, führen sie mediale Raster vor Augen: Soldiers – The Nineties. Andy Warhol stilisierte 1986 das militärische Tarnmuster zu einem meterlangen abstrakten Allover-Design. Jenny Holzer ließ The Beginning of the War will be Secret in ein kleines Gedenkschild gravieren. Schlicht und einfach „Soldaten“ lautet die Überschrift für diesen ersten von insgesamt 18 Themenkomplexen der Ausstellung, in denen 100 ausgewählte Werke zu sehen sind. In der Kampfzone „Atelier“ treffen Gemälde von Gerhard Richter, Sigmar Polke und spröde Betonskulpturen von Isa Genzken aufeinander.

Schlachtfeld Deutschland und Malmaschine

Blickt man weiter, bekommt man das Schlachtfeld Deutschland (1978) von Katharina Sieverding zu sehen. Ein großgezogenes, violett verfremdetes Foto der Antiterroreinheit GSG 9, die ein von RAF-Terroristen 1977 entführtes Flugzeug erfolgreich stürmte. Gegenüber erblickt man die Malmaschine (1991) von Rebecca Horn. Anstelle eines Künstlers spritzte eine ebenso ausgeklügelte wie sinnliche und hintergründige Erfindung einer Künstlerin Farbe auf die Wand. Andere Künstlerinnen – wie Marina Abramovic und Carolee Schneemann – setzten in den 1970er-Jahren exzessiv den eigenen Körper ein, um ihren Part an der Kunstgeschichte zu behaupten. Ulrike Rosenbach schoss auf ein Madonnenbild, das sie mit dem eigenen Gesicht überblendete.

Keine Angst Farbe zu bekennen

Fast sakral im Zentrum der Ausstellung wird Barnett Newmans Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue IV (1969/70) platziert, eines der Hauptwerke der Nationalgalerie. Sein Ankauf für 1,2 Millionen US-Dollar mit Hilfe der Freunde der Nationalgalerie löste 1982 einen öffentlichen Skandal aus. Nicht wenige andere Werke sind lediglich Leihgaben privater Sammler. Bruce Naumans große Tribünen-Installation etwa gehört zur Flick-Collection.

Anselm Kiefers Blei-Bomber (1989) und sein berührendes Gemälde Maikäfer flieg! gehören zur Sammlung Marx. Werner Tübkes 1:10-Entwurf (1979–81) für das 123 Meter lange vielfigurige Panorama zur „Frühbürgerlichen Revolution in Deutschland“ und Bilder von Wolfgang Mattheuer stammen aus der DDR-Nationalgalerie. Ihre Zusammenschau erfolgt jetzt ohne ideologische Deklaration.

Wenn unter der Überschrift „Ausgebrannt Werke“ von Martin Kippenberger, Michel Majerus, Neo Rauch und Jason Rhoades zusammentreffen, wird auf Kämpfe für und gegen die Malerei angespielt. Die Ausstellung endet mit Arbeiten von Damien Hirst, Jeff Koons und Andreas Gursky, deren hoher Preis ihren Sinn überstrahlt.
 

Ausweitung der Kampfzone. 1968–2000. Die Sammlung Teil 3, Neue Nationalgalerie Berlin,
bis Ende 2014