„(Mis)Understanding Photography“ Fotografien über Fotografie

Aneta Grzeszykowska, Standfoto, Ohne Titel #3, 2006, C-Print, 25 x 16,5 cm
Aneta Grzeszykowska, Standfoto, Ohne Titel #3, 2006, C-Print, 25 x 16,5 cm | © Aneta Grzeszykowska, Courtesy Raster Gallery, Warschau

Medienbild, Massenware, Dokument oder Kunstwerk – Fotografien sind heute allgegenwärtig. Die Fotografische Sammlung im Museum Folkwang Essen hat in der Ausstellung „(Mis)Understanding Photography“ gezeigt, wie Künstler die widersprüchlichen Rollen dieses Bild-Mediums aufgreifen.

„Ist Fotografie ein Objekt oder ein Bild? Oder ist Fotografie eine Art des Sehens?“, fragt die New Yorker Künstlerin Zoe Leonard in einem Interview von 2013. Nicht nur zahlreiche Theoretiker haben Möglichkeiten und Grenzen dieses technischen Bildmediums eingekreist. Auch Fotografen haben immer wieder zu klären versucht, was Fotografie überhaupt ist, was sie für sie selbst bedeutet und wie sie öffentlich benutzt und verstanden wird. Wie kann sich der Irrglaube an ihre Wahrhaftigkeit auch heute noch so hartnäckig halten, obwohl sie nun nicht mehr nur Fälscher, Geheimdienste und Künstler manipulieren können, sondern potenziell jeder, der eine digitale Kamera besitzt? „Es scheint gar, dass man manchmal mehr von ihr versteht, wenn man sie missversteht“, schreibt Florian Ebner, Leiter der Fotografischen Sammlung im Museum Folkwang Essen und Kurator des deutschen Pavillons der Venedig-Biennale 2015, im Reader zur Ausstellung (Mis)Understanding Photography, die vom 14. Juni bis 17. August 2014 Fotografien zeigte, die Geschichte und Status des Mediums analysieren, kommentieren und parodieren.

Vertrauen in die Fotografie

Joachim Schmid, „Fotogenetische Entwürfe #24“, 1990/1991, Bromsilbergelatine, 36,9 x 28 cm Joachim Schmid, „Fotogenetische Entwürfe #24“, 1990/1991, Bromsilbergelatine, 36,9 x 28 cm | © Joachim Schmid Nicht immer erschließen sich Intention und Kontext so unterhaltsam wie in der Bild-Sound-Collage Photographers von Mishka Henner und David Oates: Unaufhörlich klicken die Kameras. Szenen aus Kinofilmen sind zu einem Foto-Movie zusammengeschnitten und geben Klischees zum Besten: Der Fotograf, zumeist als Mann am Auslöser, hält alles fest: am entscheidenden Ort, zur richtigen Zeit, ob im Krieg oder beim Sex. Zoe Leonard dagegen hat die Bild-Biografie einer schwarzen Amerikanerin geschaffen. Mittel und Perspektiven könnten nicht gegensätzlicher sein.

Ausgangspunkt der Ausstellung war die These, „dass die Kunst für unser Vertrauen in die Fotografie ebenso wie für unsere irrigen Vorstellungen von ihr, für unsere Phantasmen und Obsessionen ein besonderes Sensorium besitzt, dass sie das Populäre und Affektive, das Paradoxe und Abgründige weitaus pointierter zum Ausdruck bringt als jede Studie“.

Dazu wurden Werke von 60 internationalen Künstlerinnen und Künstlern aus den letzten 50 Jahren in fünf Kapiteln gruppiert. Die Themen waren: Material und Technik, Rituale, Vor- und Nachbilder, die Evidenz von Dokumenten und Obsessionen des Sammelns.

Jeff Guess Addressability, 2011 Standbild aus der Internetarbeit Individualsoftware (Java / Processing / OpenGL) Jeff Guess Addressability, 2011 Standbild aus der Internetarbeit Individualsoftware (Java / Processing / OpenGL) | © Jeff Guess

Erste und letzte Bilder

Gilian Wearing, „Ich als Arbus“, 2008, Bromsilbergelatine, 146 × 123 cm, Leihgabe des Frans Hals Museums, Haarlem Gilian Wearing, „Ich als Arbus“, 2008, Bromsilbergelatine, 146 × 123 cm, Leihgabe des Frans Hals Museums, Haarlem | © Gilian Wearing, Courtesy Maureen Paley, London Wie vergänglich Bilder sind, daran erinnert Sylvia Ballhause. Bei ihrem dreiteiligen poetischen Druck denkt man zunächst an einen Sternenhimmel, bis man schemenhaft Gebäude erkennt. Tatsächlich hat die Künstlerin eine der ersten Fotografien fotografiert: das stark beschädigte Triptychon von Louis Daguerre (1838/39), das sich im Bayerischen Nationalmuseum in München befindet.

Das Sichtbarmachen der mit technischen Apparaten aufgenommenen Bilder hat seitdem nichts von seiner Magie verloren. Doch wie, warum, wofür und womit sie festgehalten werden, das hat sich nicht nur technisch bedingt gewandelt. Der Konzeptkünstler Hans Eijkelboom zeichnete von 1949 bis 2009 jährlich ein Selbstporträt auf, kombiniert mit jeweils aktueller Kamerawerbung.

Lustvolle Demontagen

Jojakim Cortis & Adrian Sonderegger, „Making Of ‚Rhein II‘ (by Andreas Gursky, 1999)“, 2012, aus der Serie „Ikonen, “C-Print, 120 x 80 cm Jojakim Cortis & Adrian Sonderegger, „Making Of ‚Rhein II‘ (by Andreas Gursky, 1999)“, 2012, aus der Serie „Ikonen, “C-Print, 120 x 80 cm | © Jojakim Cortis & Adrian Sonderegger Immer wieder spielen Fotografen die unterschiedlichen Parameter analoger und digitaler Technik durch. Und sie greifen auf, wie sich die private und massenmediale Verfügbarkeit von Fotos geändert hat. Legendär sind die Serien von Richard Prince. Für Cowboys lichtete er Zigarettenwerbungen ab, für Girlfriends Kontaktanzeigen in Biker-Zeitschriften. Thomas Ruffs sachlich-nüchterne Porträts brachen in den 1980er-Jahren mit den Konventionen des Genres. Den dokumentarischen Anspruch von Pressefotos parodiert der polnische Künstler Zbigniew Libera, indem er traumatisierende Medienbilder positiv umdeutet. Das Foto vom toten Che Guevara zeigt nun eine relaxte Raucherszene.

Und sogar Hypes jüngster Fotokunst wurden respektlos demontiert. Rhein II von Andreas Gursky gilt mit dem Auktionsrekord von 3,1 Millionen Euro als eine der teuersten Fotografien überhaupt. Für ihre Reihe Making Of haben Jojakim Cortis und Adrian Sonderegger das Bild als Modell nachgebaut. Wolfgang Tillmans wiederum installierte eigene frühe und neue Fotografien fast schon retrospektiv zu einer Ausstellung in der Ausstellung. Und Jeff Guess ließ in einer Computeranimation digitale Bilder in ihre Pixel zerfallen.