Georg Baselitz Aufstand durch Kopfstand

Sonderausstellung „Georg Baselitz: Das Naturmotiv“
Sonderausstellung „Georg Baselitz: Das Naturmotiv“ | © Picture alliance

Motive verkehrt herum zu malen wurde zu seinem Markenzeichen. Dabei geht es Georg Baselitz weniger um den Wiedererkennungseffekt als vielmehr darum, die Welt als die zu zeigen, die er erfahren hat: als eine verkehrte.

Es gibt Künstler und Schriftsteller, die sich ihr Leben lang an einem Thema abarbeiten, zu denselben Motiven zurückkehren und mit dem Nicht-Darstellbaren ringen. Manche treten dabei bald auf der Stelle und werden uninteressant. Aber die, die indessen immer andere Blickwinkel einnehmen, unkonventionelle Mittel finden und das Thema dadurch neu beleuchten, vermögen mit ihren Werken immer wieder interessante Fragen zu stellen. Kafka war ein solcher Schriftsteller, Georg Baselitz ist ein solcher Maler.

Der Malprozess als Erkenntnisprozess

Dass es Baselitz nicht um eine Interpretation der Gegenstände geht, sondern um den Malprozess, sieht man seinen Arbeiten an: Durch Farbtopfränder, Schuhabdrücke und Übermalungen wirken die Leinwände unfertig. Baselitz verweigert klare Umrisse und sauber ausgemalte Figuren, denn im Vordergrund steht das Wie, nicht das Was. Seine erste Plastik, die er 1980 in Venedig präsentierte, hieß Modell für eine Skulptur und steckte zur Hälfte noch im Block. Am Wie lässt sich der Arbeitsverlauf und Baselitz’ Denkprozess verfolgen, der unter anderem zu der Erkenntnis führt, dass das Was reine Behauptung sein kann und der Wahrheitsgehalt unbedingt angezweifelt werden muss.

Eine deutsch-deutsch-deutsche Biografie

Die Willkür solcher Wahrheitsbehauptungen hat Baselitz von klein auf erfahren. Am 23. Januar 1938 wird er als Hans-Georg Kern im sächsischen Deutschbaselitz in die Nazi-Diktatur hineingeboren. Seine Eltern sind Lehrer, er erinnert sich an das Schulhaus, in dem er mit ihnen wohnte: „Um das Gebäude war eine Banderole gespannt. Da stand drauf ‚Ein Volk, ein Reich, ein Führer‘“.

Die nächste Wahrheit präsentiert sich ihm in Form des DDR-Sozialismus. 1956 beginnt er ein Kunststudium in Ost-Berlin und setzt sich mit Picasso auseinander, aber nicht so, wie seine Lehrer sich das vorstellen. Als Baselitz nach zwei Semestern „seine“ Picassos aus den Pariser Kriegsjahren abliefert, sehen die Dozenten nur die Dekadenz des Westens. Wegen „gesellschaftspolitischer Unreife“ fliegt Baselitz von der Akademie und studiert in West-Berlin weiter.

Doch auch der Westen konfrontiert ihn mit Wahrheiten. Pollock und de Kooning heißen die neuen Helden, und so sehr sie Baselitz auch beeindrucken, so wenig fühlt er sich bereit, ihnen nachzueifern. Baselitz, für den Gefolgschaft einen schlechten Beigeschmack hat, begegnet den Wahrheiten dieser Welt mit Misstrauen. Wer so skeptisch ist, muss seine eigene Wahrheit finden – und Baselitz, jung und aggressiv, macht sich auf die Suche. 1961 benennt er sich nach seinem Geburtsort in Baselitz um.
 

Rebellion ohne Strafverfolgung

1962 heiratet er Elke Kretzschmar und fängt an, „etwas zu machen, was einfach keiner wollte“, wie er sagt. Keine Anerkennung, keine schöne Zeit, es kommt Die große Nacht im Eimer. Das Bild eines onanierenden Mannes wird 1963 aus der Berliner Galerie Werner und Katz beschlagnahmt, ebenso das Gemälde Nackter Mann, das einen Akt mit überdimensioniertem, erigiertem Glied zeigt. Baselitz wird angeklagt. Um sich nicht jedes Mal, wenn er rebelliert, Ärger mit der Staatsanwaltschaft einzuhandeln, muss er einen anderen Weg finden, seine Skepsis auszudrücken. 1969 schafft er seine Frakturbilder: Figuren, die er in Streifen zerlegt und versetzt wieder zusammenfügt. Der irritierende Effekt des Verrückten führt schließlich zum Verkehrten, das sein Markenzeichen werden soll: Im selben Jahr malt er mit Der Wald auf dem Kopf erstmals ein umgedrehtes Motiv. Aufstand durch Kopfstand. Es funktioniert: Baselitz überwindet formal die gegenständliche Bedeutung und schafft damit seine persönliche Alternative zum ideologisch aufgeladenen Streit zwischen Realismus und Abstraktion. Er stellt die Realität auf den Kopf und abstrahiert sie dadurch – diese Idee macht ihn berühmt.

„Sonderlich aufrecht“

Baselitz weiß, dass er auf dem richtigen Weg ist. Ab 2005 beginnt er, in Remix-Bildern sein Schaffen zu revidieren und gleichsam zu vertiefen. Manchmal malt er dann „sonderlich aufrecht“, sagt er. Auch fühlt er sich endlich stabil genug, die großen Amerikaner des abstrakten Expressionismus zu zitieren und drückt seine Figuren aus der Tube auf die schwarze Leinwand – Action Painting ohne Gespritze. Es entstehen die Negativ-Bilder mit umgekehrten Helligkeitswerten und die schwarzen Adler, die das Bedrückende einer Öltanker-Havarie vermitteln. Anlässlich der großen Werkschau im Haus der Kunst in München findet der 76-Jährige für seine Vergangenheitsrevisionen lapidare Worte: Immer wieder betrachte er sein Werk und erkenne, „man hätte alles auch ganz anders machen können“. Und weil Baselitz es nicht bei dieser Erkenntnis belässt, geht er hin und macht es anders.
 

Einen Überblick über Baselitz’ Werk Damals, dazwischen und heute gibt die gleichnamige Ausstellung im Münchner Haus der Kunst, die bis 1. Februar 2015 zu sehen ist.