Geniale Dilletanten Shvantz 1979 – Frankfurts Kunstszene

Frankfurt am Main
Frankfurt am Main | Foto (Ausschnitt): Colourbox

Der Spaß am Ringen mit den eigenen Grenzen und die unverhohlene Lust am Scheitern waren Merkmale der Genialen Dilletanten Westberlins. Doch auch in der Frankfurter Kunstszene haben die 1980er-Jahre bis heute tiefe Spuren hinterlassen.

Den respektlosen Geist des Do-it-Yourself, den Spaß am Ringen mit den eigenen Grenzen und die unverhohlene Lust am Scheitern – all das fand man bei den Genialen Dilletanten Westberlins, doch auch in anderen deutschen Städten, zum Beispiel in Düsseldorf und München. Besonders tiefe Spuren hat diese Zeit in der Kunstszene Frankfurts hinterlassen. Aber warum ausgerechnet in der Bankenmetropole, der angeblich amerikanischsten Stadt Europas, „Mainhattan“?

Frankfurt und der Beginn von Shvantz

In den 1970er-Jahren war das kulturelle Leben Frankfurts stark konservativ geprägt, es gab nur wenige Kulturinstitutionen. Fast alle heute wesentlichen kulturellen Einrichtungen sind Gründungen der 1980er-Jahre: das Museumsufer mit den Museen für Architektur, Film und Design, die Kunsthalle Schirn, das Museum für Moderne Kunst. Die weltweit bekannte Kunstakademie Städelschule war bis dato ein angesehener, aber eher unzugänglicher Ort. Genau hier studierte der wohl einflussreichste Protagonist der jungen Szene: Walter E. Baumann. Unter dem Titel Shvantz gab Baumann eine von ihm auf dem Kopiergerät erstellte Künstlerzeitschrift in kleiner Auflage heraus, die sich im Wesentlichen mit Kunst und Musik in Frankfurt und darüber hinaus beschäftigte. Er organisierte 1979 das Shvantz-Festival unter dem Motto forget about ART – here is SHVANTZ!… und holte dafür die Düsseldorfer Bands Der Plan und Mittagspause zu einem Konzert in die Aula der Kunstakademie. Das Festival sorgte selbst in der drögen Tagespresse für Aufmerksamkeit und wird heute als eine Art Initialzündung angesehen: Im Jahr darauf veranstaltete Baumann wieder ein Konzert, diesmal mit den britischen Noise- und Industrial-Pionieren Throbbing Gristle, deren Auftritt legendär wurde. Die aggressive Performance des Sängers Genesis P. Orridge, die brachiale Lautstärke der elektronischen Musik und ein Film, der in Großaufnahme eine Kastration zeigte, veränderten die Frankfurter Kunstszene nachhaltig. Ab jetzt ging es nicht mehr um Theorie, sondern um die direkte Umsetzung von Ideen – sofort, konkret und mit aller Macht. Die rotzige Attitüde, die das Werk späterer Frankfurter Künstler wie Manfred Peckl, Anja Czioska oder Thomas Zipp bis heute prägte, ist auch ein Nachhall dieser Zeit.

Von Minus Delta T zur Galerie Station

In den folgenden Jahren blieb Baumann als Künstler im Umfeld der Performancegruppe Minus Delta T aktiv und wuchs zu einer festen Größe der Frankfurter Kunstwelt heran. Er organisierte Festivals, gab Kunstzeitschriften heraus, gründete 1999 im Künstlerhaus Mousonturm die Galerie Station für junge Kunst und schrieb für die Frankfurter Rundschau die Kult-Kolumne Walters Wochenende, in der er Ausstellungen, Eröffnungen und Konzerte auf seine eigene schnoddrige Weise kommentierte. Baumann starb im Jahr 2008 an den Folgen eines Herzinfarkts. Es sagt einiges über ihn und seine Stellung in der Frankfurter Kunstwelt, dass ausgerechnet der von dem Künstler Mirek Macke organisierte Kunstverein Familie Montez, den Baumann in seiner Kolumne nie berücksichtigte, anlässlich des Todes von Baumann eine Gedächtnisausstellung organisierte.

Dilletanten-Kinder

Baumanns direkte Nachfolgerin auf dem Kuratorposten der Galerie Station war Annette Gloser. Seit den frühen 1990er-Jahren wesentlicher Motor der Frankfurter Off-Szene, gründete und betrieb sie mehrere Künstlergalerien, die sich als „missing link“ zwischen etablierter Kunst und Subkultur verstanden. Diese Galerien waren Experimentierfelder für junge Künstler und interdisziplinäre Projekte. Auch Artcargobay, Glosers Großprojekt im Jahr 2012, setzte diesen charakteristischen Stilmix aus Trashkultur, Musik und Kunst fort: An ein Popmusik-Festival gegliedert, wurde Artcargobay als informeller Künstlerflohmarkt und improvisierte Performance-Kunstmesse auf dem anliegenden Parkplatz inszeniert. Mirek Macke schickte derweil seinen Kunstverein Familie Montez – nach erzwungener Schließung des angestammten Domizils – mit der Ausstellung Wurzeln weit mehr Aufmerksamkeit widmen durch Deutschland. Wieder improvisiert und chaotisch, war die Ausstellung in erster Linie ein Bekenntnis der Künstler zur Solidarität untereinander und zur Kunstszene als fruchtbarer Erde für neue Talente und Ideen. Für diese Kunst und den Kunstverein Familie Montez stellt die Stadt Frankfurt seit Anfang 2014 neue Räume an der Honsellbrücke zur Verfügung. Der Dilletanten-Geist weht also weiter.
 
Die Ausstellung Geniale Dilletanten präsentiert ab 23. April 2015 in Minsk (Belarus) und im Anschluss auf Welt-Tournee den bisher umfangreichsten Überblick über die deutsche Subkultur der 1980er-Jahre. Von Juni bis Oktober 2015 wird sie im Münchener Haus der Kunst zu sehen sein. Geniale Dilletanten ist eine Tourneeausstellung des Goethe-Instituts.