Düsseldorfer Fotografie Wie eine Schule das Sehen veränderte

Ein Bild des Becher-Schülers Jörg Sasse;
Ein Bild des Becher-Schülers Jörg Sasse; | © Jörg Sasse, VG Bildkunst, Bonn/courtesy Schirmer/Mosel

Die Entwicklung der zeitgenössischen Fotografie ist mit Düsseldorf ganz wesentlich verbunden. Hier wurden Künstlerpersönlichkeiten ausgebildet, die als Düsseldorfer Fotoschule Kunstgeschichte schrieben.

Wer heute von deutscher Fotografie spricht, denkt vermutlich zunächst an die oft großformatigen Bilder von Vertretern der Düsseldorfer Fotoschule. Weltweit gilt diese mittlerweile als Markenzeichen, das für hohes künstlerisches Niveau und eine umfassende Neuorientierung der künstlerischen Fotografie steht. Bei dem Begriff Düsseldorfer Fotoschule, der weitgehend synonym zu Becherklasse oder Becher-Schule gebraucht wird, handelt es sich allerdings um ein nicht ganz unproblematisches Etikett, das eine ursprünglich dokumentarische Tradition der Fotografie bezeichnet, die sich seit den 1970er-Jahren radikal gewandelt hat. Gerade deshalb taugt Düsseldorfer Fotoschule heute auch keineswegs mehr als ein Stil-Begriff.

Erste Professur für Fotografie in Deutschland

Formal bezeichnet der Begriff 87 Fotografinnen und Fotografen, die zwischen 1976 und 1998 bei dem international renommierten Fotografen Bernd Becher an der Kunstakademie Düsseldorf studiert haben. Mit der Berufung von Becher wurde 1976 zugleich die erste Professur für künstlerische Fotografie an einer deutschen Kunstakademie vergeben. Seine ersten sechs Studierenden waren Tata Ronkholz, die mehrere Jahre später ihre künstlerische Arbeit aufgab, sowie Volker Döhne, Candida Höfer, Axel Hütte, Thomas Struth und Thomas Ruff. Andreas Gursky wechselte 1981 von Essen nach Düsseldorf. 

Nachdem die Fotografie bis in die 1970er-Jahre im europäischen Kontext noch nicht als Kunst galt, durfte für die ersten Studenten von Anfang an klar gewesen sein, dass sie keinen wirklichen Kampf mehr um eine Anerkennung als Künstler führen mussten. Sie konnten einen Freiraum ausfüllen, den ihnen Bernd und seine Frau Hilla Becher – ebenfalls eine angesehene Fotografin – gemeinsam mit anderen Künstlern erarbeitet hatten. Es dauerte allerdings noch mehr als zehn Jahre, bis die jungen Fotografen durch wichtige Ausstellungen und am Kunstmarkt internationale Anerkennung erfuhren. Die weltweit große Faszination für die Düsseldorfer Fotoschule ist vor allem dem Eindruck geschuldet, hier werde mit neuen und modernen Mitteln „gemalt“. Nicht nur die Form glich sich dem Gemälde an. In den Werken der Düsseldorfer Künstler kehrten auch Porträt und Landschaft zurück – nur, dass sie nicht mit dem Pinsel, sondern am Computer mit der Maus komponiert wurden.

Ein Stempel für alle Künstler

Die vereinheitlichende Etikettierung der Schüler offenbart eine bemerkenswerte Parallele zwischen der Geschichte des Begriffs und der des Kunstmarkts. Abgesehen von den auf allen Ebenen erfolgreichen Fotokünstlern diente das Etikett Düsseldorfer Fotoschule besonders dem Kunsthandel dazu, auch für wirtschaftlich weniger erfolgreiche Absolventen der Becher-Klasse gewinnbringend werben zu können. Der Verweis auf den Lehrer und der Hinweis auf die damit vermittelte dokumentarische Tradition der historisch etablierten Bildsprache der Neuen Sachlichkeit wurden als ein qualitatives Versprechen für Exzellenz und potenziellen Wertzuwachs eingesetzt. Mittlerweile ist der Begriff historisch geworden: Die Fotografie hat – nicht nur in Düsseldorf – eine ungeheure künstlerische Vielfalt entwickelt, die sich nicht länger mit einem Etikett belegen lässt.

Was aber waren die formalen Charakteristika der prominentesten Vertreter der Düsseldorfer Fotoschule? In Abkehr von der systematischen Arbeitsweise ihrer Lehrer ist in der ersten Generation der Schüler von Becher immerhin noch insofern eine Verwandtschaft erkennbar, als sich diese ein bestimmtes Thema auswählten und in Schwarzweiß-Abzügen sammelten. Unter dem Eindruck der amerikanischen Fotografie entwickelten die Schüler in den 1980er-Jahren sodann farbige Bild-Reihen. Ein weiterer formaler Schritt war die Einführung des Großformats, das 1986 Axel Hütte und Thomas Ruff erstmals nutzten. Die neuen Abzüge entstanden im Zusammenhang mit dem Labor der Düsseldorfer Werbefirma Grieger. Thomas Struth und Andreas Gursky nutzten diese neue Bildform wenig später. Der nächste Schritt betraf die Rahmung: Im patentierten „Diasec“-Verfahren wurde das Foto ohne Zwischenraum mit dem Plexiglas verschweißt.

An den Grenzen der Fotografie

Eine extreme Veränderung des klassischen Verständnisses der Fotografie wurde seit 1987 ebenfalls von Düsseldorf aus eingeleitet. Thomas Ruff nutzte erstmals digitale Mittel zur Veränderung des fotografischen Abbildes. Dabei sind seine Bildmotive durch eine extreme Vielfalt charakterisiert – neben Zeitungsausschnitten arbeitet Ruff mit abstrakten Motiven, pornografischen Bildern oder auch Porträts. In vergleichsweise gemäßigter Manier geht auch Andreas Gursky mit seinen seit 1991 digital bearbeiteten Bildern an die Grenzen des Mediums. Er schafft monumentale Einzelbilder von Landschaften oder riesigen Innenräumen, die in vergleichsweise geringer Zahl entstehen und nicht nur aus diesem Grund eine Anlehnung an die malerische Tradition des „Meisterwerks“ zeigen.

Ruff und Gursky haben sich auf dem Kunstmarkt äußerst erfolgreich etabliert, sodass die Kunstkritik deren Allgegenwärtigkeit, die sie zusammen mit Thomas Struth gerade auch auf dem US-amerikanischen Markt erreicht haben, mit dem ironischen Begriff der Struffskys belegt hat.