„Schöne Politik“ Die höchste Form der Kunst?

Die „Weißen Kreuze“ in der Gegenwart
Die „Weißen Kreuze“ in der Gegenwart | © Zentrum für Politische Schönheit

Fragen nach dem Umgang mit der Flüchtlingsproblematik stehen zunehmend im Fokus künstlerischer Szenarien. Künstlerinnen und Künstler setzen politische Statements mit Aktionen, die auf das Drama der Migration aufmerksam machen.

Tote Körper lösen sich im Salzwasser schnell in Nichts auf, Tierfraß und Mikroorganismen sorgen für eine spurenlose Bestattung in den Tiefen des Meeres. Das haben die Recherchen der Künstlergruppe Zentrum für Politische Schönheit ergeben. Sie bestätigen die Vermutungen von Migrationsforschern, dass die Dunkelziffer der im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge noch höher ist, als bislang geschätzt.

Für die aus dem Meer geborgenen Opfer soll es nun endlich würdige Bestattungen in ihrer Wunschheimat geben, unmittelbar in der Nähe ihrer „bürokratischen Mörder“, findet das Künstlerteam. Um diese Idee in die Tat umzusetzen, wurde im Juni 2015 eine vierfache syrische Mutter auf dem muslimischen Teil des Friedhofs Berlin-Gatow zu Grabe getragen. Auf der Website des Zentrums für Politische Schönheit ist das offene Grab zu sehen, in welches der weiße Sarg feierlich versenkt wird. Auf der Stuhlreihe davor sind die Namen der geladenen Gäste zu lesen: namhafte EU-Politiker, die allerdings nicht teilnahmen. Unter dem Motto „Die Toten kommen zurück“ sind weitere Bestattungen angekündigt, mit denen das Zentrum für Politische Schönheit die Toten ins Land bringt, da es die Lebenden nicht geschafft haben. 

Erweitertes Gedenken

Die Aktion Erster Europäischer Mauerfall des Zentrums für Politische Schönheit ist unmittelbar entlang des pulsierenden Herzens deutsch-deutscher Wiedervereinigungsnostalgie inszeniert. Mit ihr machen die Künstler auf die Bedrohung der Menschen aufmerksam, die heute vor ähnlich unüberwindlichen und tödlichen Grenzen stehen. Hierfür wurden die weißen Gedenkkreuze für die an der Grenze zwischen Ost und West zu Tode gekommenen DDR-Flüchtlinge von ihrem Platz am Reichstag abmontiert und heimlich an die gefährlichsten Orte der EU-Außengrenzen gebracht: an die Eindämmungsanlage der bulgarisch-türkischen Grenze, an die griechische Grenze und an die spanische Exklave der nordafrikanischen Küste, Melilla. Pünktlich zum 25. Jahrestag des Mauerfalls am 9. November 2014 blinken die weißen Kreuze zwischen den Gesichtern afrikanischer Flüchtlinge hervor und lenken so die Aufmerksamkeit auf die neuen Mauern an den EU-Außengrenzen. „Wir wollen das deutsche Gedenken um einen entscheidenden Gedanken erweitern: die Gegenwart“, kommentiert Philipp Ruch, Gründer des Zentrum für Politische Schönheit und fragt: „Welchen Mauerfall will man feiern, solange zehntausende Menschen durch Europas Außenmauern ertrinken?“
 
  • Erster Europäischer Mauerfall Foto und © Patryk Witt, Zentrum für Politische Schönheit
    Erster Europäischer Mauerfall
  • Erster Europäischer Mauerfall Foto und © Patryk Witt, Zentrum für Politische Schönheit
    Erster Europäischer Mauerfall
  • Exhumierung Sizilien Foto und © Manuel Ruge, Zentrum für Politische Schönheit
    Exhumierung Sizilien
  • Beerdigung europäischer Mauertoter in der deutschen Hauptstadt Foto und © Nick Jaussi
    Beerdigung europäischer Mauertoter in der deutschen Hauptstadt
  • Die Toten kommen Foto und © Nick Jaussi
    Die Toten kommen
  • Die „Weißen Kreuze“ der Mauertoten auf der Flucht Foto und © Ruben Neugebauer
    Die „Weißen Kreuze“ der Mauertoten auf der Flucht
  • Ecofavela Lampedusa-Nord, Open Day © Kampnagel, Hamburg, März 2015
    Ecofavela Lampedusa-Nord, Open Day
  • Ecofavela Lampedusa-Nord, Open Day © Kampnagel, Hamburg, März 2015
    Ecofavela Lampedusa-Nord, Open Day
  • Erster Europäischer Mauerfall Foto und © Patryk Witt, Zentrum für Politische Schönheit
    Erster Europäischer Mauerfall
  • Tobias Zielony, The Citizen, Deutscher Pavillion, La Biennale di Venezia 2015 © Courtesy Tobias Zielony & KOW, Berlin
    Tobias Zielony, The Citizen, Deutscher Pavillion, La Biennale di Venezia 2015
  • Tobias Zielony, The Citizen, Deutscher Pavillion, La Biennale di Venezia 2015 © Courtesy Tobias Zielony & KOW, Berlin
    Tobias Zielony, The Citizen, Deutscher Pavillion, La Biennale di Venezia 2015
  • Tobias Zielony, The Citizen, Deutscher Pavillion, La Biennale di Venezia 2015 © Courtesy Tobias Zielony & KOW, Berlin
    Tobias Zielony, The Citizen, Deutscher Pavillion, La Biennale di Venezia 2015

Öffentlichkeit als Werkstoff künstlerischer Aktionen

Die drängende Flüchtlingsproblematik ist Thema einer neuen, sozial engagierten und partizipativen Kunst geworden, der es nicht länger um Repräsentationen des Realen geht. Vielmehr sind hier Öffentlichkeit und Gesellschaft selbst der Werkstoff künstlerischer Aktionen. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Aktivismus, politischer Aktion und Kunstwerk. Etwa wenn in der Hamburger Kampnagelfabrik bis Mail 2015 Flüchtlinge zusammen mit der Künstlergruppe Baltic Raw das Zukunftslabor Ecofavela Lampedusa Nord auf die Beine stellen. Es soll den Flüchtlingen außer Obdach auch sozialen Schutz geben. Oder wenn der Künstler Tobias Zielony 2015 im deutschen Pavillon der 54. Biennale in Venedig Fotografien von afrikanischen Migranten und deren Geschichten ausstellt, die in den Zeitungen ihrer Herkunftsländer veröffentlicht wurden. Die Arbeit soll in Europa und den Herkunftsländern der Migranten eine Diskussion über ihr Schicksal anregen.

Wegbereiter

Um diese Projekte, die an den Schnittstellen zwischen Kunst, Leben, Politik und Gesellschaft operieren, als Kunst lesen zu können, bedurfte es Wegbereiter. Allen voran waren es die Fluxus-Künstler der 1960er-Jahre, die Aktionen ins Zentrum ihrer künstlerischen Aktivität stellten und die Einheit von Kunst und Leben proklamierten. Die Basis für ein neues Kunstverständnis schuf Joseph Beuys mit seinem Konzept der Sozialen Plastik und des Erweiterten Kunstbegriffs ebenso wie später Christoph Schlingensief mit Aktionen wie: Chance 2000 – Partei der letzten Chance (1998) oder Aktion 18 Lesereise: Tötet Politik (2002). Da heißt es dann im Aktionstagebuch: „Die Jeans in die Stiefel gesteckt und die Fischerweste an. Beuys ist bei uns“. Beide begriffen Kunst als Medium gesellschaftlicher Veränderungsprozesse.

Radikales Interesse

Wenn bislang die Einflussnahme der Kunst auf politische Wirklichkeiten in Aktionen des Hinweisens und der Provokation bestand, so wird derzeit nach ihrer unmittelbaren Wirkung gefragt. Heute ist die Kunst noch radikaler an der Realität interessiert. Arte Ùtil, nützliche Kunst, heißt das Konzept der kubanischen Künstlerin Tania Bruguera. Mit ihrem Projekt Immigrant Movement International aus dem Jahr 2011 initiierte sie eine politische Plattform für Migranten in Queens, New York und erklärte politisches Handeln selbst zur Kunst. Krisen fordern zum Handeln auf, auch zu einem radikaleren Vorgehen in der Kunst, findet Bruguera. Die Inszenierung einer politischen Aktion als Kunstwerk ist eine künstlerische Reaktion auf die uns umgebenden Bruchlinien und Grenzzäune und gleichzeitig eine neue Form künstlerischer Praxis, in der „schöne Politik“ die höchste Form der Kunst sein kann.

Inwieweit die Migranten selbst zu aktiven Akteuren innerhalb dieser Diskurse werden können, oder ob sie nur von der unmittelbaren Nützlichkeit künstlerischer Aktionen profitieren, dazu müssten wir sie selbst noch fragen.