Biennalen und Stadtentwicklung Mythos oder Realität?

Santiago Roose, Torre, 2013. Installation in einem Parkplatz im La Macarena Viertel, Bogotá.
Santiago Roose, Torre, 2013. Installation in einem Parkplatz im La Macarena Viertel, Bogotá. | Foto: Santiago Roose

Kunstbiennalen gelten als „Blockbuster“ des Kunstbetriebs und locken Tausende Besucher an. Treiben sie die Gentrifizierung der Städte voran oder tragen sie zu einer kontinuierlichen, an die Gemeinschaft angepassten Stadtentwicklung bei?

Im Jahr 2010 war die Kuratorin der 6. Berlin Biennale, Kathrin Rhomberg, noch als „Gentrifiziererin“ beschimpft worden. Ihr Foto hatte man am Haupteingang der Biennale, in Berlin-Kreuzberg – einstige Hochburg der Hausbesetzungen und Protestbewegungen – plakatiert. 5 Jahre später, 2015, wird das Gebäude am Oranienplatz 17 saniert. Zufall oder logische Folge der Biennale?

Nicht zufällig löste die 13. Istanbul Biennale von 2013, die zeitgleich mit den Protesten um die Erhaltung des Gezi-Parks stattfand, eine Stadtentwicklungsdebatte aus. Über Straßenproteste hinaus öffnete die Biennale einen diskursiven Raum für politisches Engagement und Bürgerbewegungen, in dem auch über die Umwandlung von öffentlichen Räumen verhandelt wurde.

Der Zusammenhang von Kunst und Stadtentwicklung ist kein neues Thema. Seit einigen Jahren nutzen Stadtverwaltungen Biennalen zur Aufwertung ihrer Städte, aber auch für das sogenannte „City Branding“, also das Vermarkten von Städten. Biennalen fördern außerdem lokale Identität, Sichtbarkeit und internationale Konkurrenzfähigkeit.

Vor allem in ärmeren Wohnvierteln kann die Aufbesserung von Wohnraum durch kulturelle Einrichtungen oder durch mehr Kulturangebote aber die Verdrängung ganzer Bevölkerungsgruppen bewirken. Sie werden durch einkommensstärkere Personengruppen ersetzt. Was für die einen als „Entwicklung“ von Stadtteilen gilt, bedeutet für die anderen den Verlust von günstigem Wohnraum.

„Arriba los de abajo“ – Aufwertung von Gemeinden

La Otra Bienal in Bogotá hingegen kann als gelungenes Beispiel für die Anpassung an die lokalen Gegebenheiten gelten. Aus der alternativen Kunstmesse, die seit 2007 parallel zur ARTBO lief, wurde ab 2013 eine unabhängige Veranstaltung.

Eines ihrer Ziele ist es, die Gemeinschaft der Anwohner untereinander zu stärken. Dafür beschäftigt sich La Otra Bienal mit dem Ort der Veranstaltung und seiner Problematiken. Die erste Ausgabe widmete sich dem Thema der „fronteras invisibles“, der unsichtbaren Grenzen. Sie illustrierte die sozialen, historischen und kulturellen Spannungen von drei Stadtvierteln, die sehr eng nebeneinander liegen, sich aber radikal voneinander unterscheiden: das gehobene Wohnviertel Bosque Izquierdo; La Macarena, bekannt als „bogotanisches SoHo“, das sich gerade in einem Gentrifizierungsprozess befindet; und La Perseverancia, ein ehemaliges Arbeiterviertel, das heute als besonders gefährlich gilt.

„Die Immobilienblase ist eine Tatsache in Bogotá, ebenso die Gentrifizierungsprozesse“, bestätigt Emilio Tarazona, einer der vier Kuratoren. „Der Kontakt mit diesen urbanen Szenen löst keine Gentrifizierung aus, verhindert sie aber auch nicht. Er verhilft uns jedoch zu einem kritischeren und aufmerksameren Blick auf diesen Prozess“, so Tarazona. Beispiel dafür ist der Fotoroman Gentrificación no es un nombre de señora (Gentrifizierung ist kein Frauenname), der im Zuge eines Biennale-Workshops entstanden ist.
 
  • Lavanya Mani, Travellers Tales – Blueprints, 2014. Aspinwall House, Kochi-Muziris Biennale. Foto: © Katerina Valdivia Bruch
    Lavanya Mani, Travellers Tales – Blueprints, 2014. Aspinwall House, Kochi-Muziris Biennale.
  • Gigi Scaria, Chronicle of the Shores Foretold, 2014. Pepper House, Kochi-Muziris Biennale. Foto: © Katerina Valdivia Bruch
    Gigi Scaria, Chronicle of the Shores Foretold, 2014. Pepper House, Kochi-Muziris Biennale.
  • Durbar Hall. Kochi-Muziris Biennale, 2014. Foto: © Kochi Biennale Foundation
    Durbar Hall. Kochi-Muziris Biennale, 2014.
  • Student’s Biennale, KVA Brothers Gebäude in Mattancherry, Kochi-Muziris Biennale. Foto: © Katerina Valdivia Bruch
    Student’s Biennale, KVA Brothers Gebäude in Mattancherry, Kochi-Muziris Biennale.
  • Todo por la Praxis und Caldo de Cultivo, Arriba los de abajo, Intervention im öffentlichen Raum, 2013. Foto: mit freundlicher Genehmigung von La Otra Bienal
    Todo por la Praxis und Caldo de Cultivo, Arriba los de abajo, Intervention im öffentlichen Raum, 2013.
  • Nathalie Mba Bikoro, El Carrusel, Performance im Parque de la Independencia im Bosque Izquierdo Viertel, Bogotá, 2013. Foto: mit freundlicher Genehmigung von La Otra Bienal
    Nathalie Mba Bikoro, El Carrusel, Performance im Parque de la Independencia im Bosque Izquierdo Viertel, Bogotá, 2013.
  • Santiago Roose, Torre. Installation in einem Parkplatz im La Macarena Viertel, Bogotá, 2013. Foto: mit freundlicher Genehmigung von Santiago Roose
    Santiago Roose, Torre. Installation in einem Parkplatz im La Macarena Viertel, Bogotá, 2013.
  • René Francisco Rodríguez und Fidel Castro, Museo de la Perseverancia, 2013. Foto: mit freundlicher Genehmigung von La Otra Bienal
    René Francisco Rodríguez und Fidel Castro, Museo de la Perseverancia, 2013.
  • Tranvía Cero, Más allá de la esquina, Intervention im öffentlichen Raum, 2013. Foto: mit freundlicher Genehmigung von La Otra Bienal
    Tranvía Cero, Más allá de la esquina, Intervention im öffentlichen Raum, 2013.
  • Sady González, El Perseverazo, Intervention im öffentlichen Raum, 2013. Foto: mit freundlicher Genehmigung von La Otra Bienal
    Sady González, El Perseverazo, Intervention im öffentlichen Raum, 2013.
  • Setu Legi, Berhala (Idols), 2011. Foto: Arief Sukardono, mit freundlicher Genehmigung von der Yogyakarta Biennale Foundation
    Setu Legi, Berhala (Idols), 2011.
  • Valsan Koorma Kolleri, Coherent Earth, 2011. Foto: Dwi Oblo, mit freundlicher Genehmigung von der Yogyakarta Biennale Foundation
    Valsan Koorma Kolleri, Coherent Earth, 2011.
  • Jompet Kuswidananto, Site of Gods, 2011. Foto: Dwi Oblo, mit freundlicher Genehmigung von der Yogyakarta Biennale Foundation
    Jompet Kuswidananto, Site of Gods, 2011.
  • FX Harsono, Purification, 2013. Foto: Arief Sukardono, mit freundlicher Genehmigung von der Yogyakarta Biennale Foundation
    FX Harsono, Purification, 2013.

Welcome to the Biennale City

Im Jahr 2012 wurde die Kochi-Muziris-Biennale ins Leben gerufen. Seitdem ist Kochi, die wichtigste Hafenstadt im Süden Indiens, Kulisse für zeitgenössische Kunst. Die Gründer der Biennale entwickelten ein Konzept, das sowohl die lokale als auch die internationale Aufmerksamkeit des Publikums erregt. Ihre Themen sind breit gefächert: Neben den Werken international anerkannter Künstler sind auch Arbeiten von jungen indischen Kunststudenten ausgestellt. Die sogenannten „Collateral Projects“ bieten parallel dazu Videoprogramme, Lesungen, Residenzen und ein vielseitiges Kinder-und Jugendprogramm, verteilt über die ganze Stadt.

Die Biennale hat neue Räume für die Kunst aktiviert oder instand gesetzt: In ehemaligen Lagerhäusern (Godowns), Landungsbrücken und Fabrikgebäuden wird Kunst gezeigt. Die Besucher der Stadt werden mit einem „Welcome to the Biennale City“-Banner empfangen. Auch die Anwohner sind mit der Biennale zufrieden, denn sie generiert auch Einkommen für sie. Das ist auch der Bundesregierung von Kerala bewusst, welche die Veranstaltung seit ihrer Gründung unterstützt.

„Die Kochi-Muziris Biennale zelebriert sowohl die zeitgenössische Kunst, als auch das kulturelle Erbe und die Geschichte der Stadt“, erklärt Abhayan Varghese, Kommunikationsleiter der Biennale. Deshalb bewahre die Stadt nach der Veranstaltung ihren eigenen Rhythmus und niemand wird verdrängt.

Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit erzeugen

Neben Jakarta und Bandung ist die Stadt Yogyakarta einer der wichtigsten Orte für zeitgenössische Kunst in Indonesien. Hier wurde im Jahr 2011 die Biennale Jogja Equator gegründet. Die Initiatoren entschieden sich aus politischen und kulturellen Gründen für einen Zusammenschluss der Äquator-Regionen, die für die Dauer von zehn Jahren, also von 2011 bis 2021, in einen Süd-Süd Dialog treten und dabei das Interesse für neue Kunstorte erwecken sollen.

Für jede Ausgabe wird ein Land oder eine Region eingeladen, um mit der lokalen indonesischen Künstlergemeinde zusammenzuarbeiten. „Hacking Conflict“ ist das Thema, dem sich Indonesien und Nigeria im Jahr 2015 widmen. Noch wird die Biennale wenig von der lokalen Stadtverwaltung unterstützt, obwohl auch diese nach und nach die Bedeutung von Kunst für die Entwicklung der Stadt und den Tourismus erkennt.

Während Biennalen an einigen Orten als Vermarktung der Stadt „nach außen“ verstanden werden, die die Bedürfnisse der lokalen Gemeinschaft wenig berücksichtigen, gelten sie anderswo als integrationsfördernde Projekte der Stadtentwicklung durch Kunst, die der lokalen Kunstszene mehr Aufmerksamkeit verschaffen und diese auf dem internationalen Markt positionieren. Offensichtlich ist auch, dass sie zu einem nicht zu vernachlässigenden Wirtschaftsfaktor geworden sind. Ob sie kulturellen und materiellen Mehrwert für die lokalen Gegebenheiten und die Stadtentwicklung schaffen können und auch nachhaltig bleiben, muss sich im Einzelfall erweisen.